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16. Februar 2006, 16:40 Uhr

Furcht vor Vogelgrippe

Bei den Veterinären häufen sich die Kadaver

Sensibilisiert durch die Vogelgrippe-Fälle auf Rügen melden die Bürger jede tote Taube. Einige Veterinärämter geraten an ihre Leistungsgrenzen. Die Münchner Behörden bitten bereits: Meldungen erst ab fünf Vögeln.

"Die Leute melden praktisch jeden toten Vogel", sagte Uwe Landsiedel. Sensibel reagieren die Menschen auf jeden toten Vogel den sie sehen, seit sie wissen: Die Kadaver zweier Schwäne und eines Habichts, die auf Rügen gefunden wurden, enthielten den Vogelgrippe-Erreger H5N1. Landsiedel leitet das Veterinär- und Lebensmittelamt im Kreis Nordhausen in Thüringen. Im Veterinäramt Weimarer Land wurden allein am Vormittag vier tote Bussarde registriert, in der kreisfreien Stadt Gera gingen fünf Meldungen über Vogelfunde ein. "Sonst ruft deswegen kein Mensch bei uns an", sagte Steffen Hoffmann, Amtstierarzt im Kreis Weimarer Land.

Seit den Bildern der toten Schwäne gehen die Meldungen sprunghaft nach oben. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel sind von September bis heute 8000 Proben verendeter Vögel auf Vogelgrippe untersucht worden.

Nun rechnet das Agrarministerium in Schwerin allein bis zum Wochenende mit 2000 weiteren Proben. Das wäre in weniger als einer Woche mehr als sonst in einem Monat. Alle eingesammelten Vögel würden zunächst in das Landesamt für Landwirtschaft nach Rostock gebracht. Bei einem Vogelgrippe-Verdacht würden sie dann im Riemser Institut für Tiergesundheit genauer untersucht.

An der Grenze der Belastbarkeit

Beim Einsammeln der gemeldeten toten Vögel greifen die Veterinärämter auch auf die Hilfe der Ordnungsämter und Feuerwehren zurück. "Anders würden wir das personell gar nicht hinkriegen", sagte Uwe Landsiedel. Die Veterinärämter arbeiteten bereits an der Grenze der Belastbarkeit.

Die Handhabung ist offenbar noch unterschiedlich, Beispiel Thüringen: Während der Amtstierarzt in Gera sämtliche gefundenen Vögel zur Laboruntersuchung schickt, konzentriert sich das Veterinäramt Nordhausen auf die Tiere mit verdächtigen klinischen Symptomen. "Bei einer Amsel mit gebrochenen Flügeln ist eine Untersuchung sicher nicht notwendig", sagte Amtsleiter Landsiedel.

Auch in Niedersachen werden verstärkt tote Wildvögel untersucht. Mehr als 100 Tiere sollten etwa im Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) in Oldenburg auf Antikörper getestet werden, wie LAVES-Sprecherin Hiltrud Schrandt mitteilte.

Erst fünf tote Vögel pro Fläche melden

Eine Bürgerin aus Friedrichshafen am Bodensee beschwerte sich: Um acht Uhr morgens sei eine tote Möve auf einem Spielplatz gemeldet worden. Erst um zwölf Uhr habe sie ein Helfer dann eingesammelt und zum Veterinäramt gebracht, vier Stunden später.

In Bayern sehen sich die Behörden gar berufen, den Melde-Eifer ihrer Bürger zu bremsen: "Erst wenn mehr als fünf Vögel gleichzeitig auf einer zusammenhängenden Fläche aufgefunden werden, besteht Anlass, die Polizei oder Feuerwehr zu verständigen", teilte das städtische Kommunalreferat in München mit.

Meldungen, nachdem Anrufe besorgter Bürger wegen einzelner toter Vögel gar die Notrufleitungen blockierten, wurden aber von Sprechern der Münchner Polizei und Feuerwehr zurückgewiesen.

Das bayerische Gesundheitsministerium appeliert inzwischen an die Bevölkerung, nicht jeden toten Vogel bei der Polizei zu melden oder gar selbst hin zu bringen. Ein toter Singvogel im Park sei "alltäglich und kein Alarmsignal", sagt Ministeriumssprecher Roland Eichhorn. Nur ungewöhnliche Beobachtungen, zum Beispiel fünf tote Wasservögel an einer Stelle, sollten gemeldet werden.

Die Hotline im Landwirtschaftsministerium von Nordrhein-Westfalen klingelt inzwischen permanent, wie Sprecherin Sabine Raddatz berichtet. "Die Leute sind nicht direkt panisch, aber sie haben halt Fragen", sagt sie. Zu den Fragestellern zählten Taubenzüchter, Entenhalter, aber auch Menschen, die wissen wollten, ob sie noch ein Vogelhäuschen im Garten aufstellen dürften. Die Antwort auf die letztere Frage laute: Ja. Singvögel und Tauben könnten an dem Virus nicht erkranken.

Zweifelhafte Image-Werbung

Eigentümlich mutet indes eine Aktion eines Apotheken-Großhändlers an - ausgerechnet in Baden-Württemberg, jenem Bundesland, das vom H5N1-Fundort auf Rügen am weitesten entfernt ist. An alle rund 2800 Apotheken des Landes sollen unentgeltlich Atemschutzmasken verteilt werden, insgesamt 100.000. Das diene dem Schutz der Apothekenteams vor dem Vogelgrippevirus, so die Begründung. Das Sozialministerium in Stuttgart dagegen warnte vor Panikmache. Vom Robert Koch-Institut gebe es keine Empfehlung für die Allgemeinbevölkerung, Atemschutzmasken anzulegen, sagte eine Ministeriumssprecherin. Die Vogelgrippe werde nur bei sehr engem Kontakt mit Kot und Ausscheidungen infizierter Vögel auf den Menschen übertragen.

stx/afp/AP/dpa

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