Christian Stöcker

Ideologien Der Untergang taugt nicht als Utopie

Die Faszination für den Kollaps der Zivilisation findet sich in der Literatur und auch in der Ideologie zwei sehr unterschiedlicher Bewegungen. Doch die Sehnsucht nach dem Zusammenbruch taugt nicht als politisches Ziel.
Demonstrant beim G20-Gipfel in Hamburg

Demonstrant beim G20-Gipfel in Hamburg

Foto: Axel Heimken/ dpa

"Etwas explodiert, wir zucken, schauen aus dem Fenster, Rauch steigt in die Wolken, ich schau dir in die Augen, ist es das, was wir wollten?"

Grim 104, "Der kommende Aufstand"

Die Verlagskataloge der vergangenen Jahre enthalten viele Werke, in denen es um den Zusammenbruch der Zivilisation geht, und um das, was danach kommt. Egal, ob in der hohen Literatur, in Thrillern oder in Sachbüchern: Der Zusammenbruch verkauft sich.

In Comack McCarthys herzzerreißendem Roman "The Road" ist der Untergang eigentlich schon vollzogen, die Entsetzlichkeit seiner postapokalyptischen Welt ist kaum zu ertragen. In Alan Weismans Sachbuch "Die Welt ohne uns" wird nüchtern berichtet, was mit dem Globus passieren würde, wenn die Menschen weg wären - trotzdem wurde es zum Bestseller.

In Marc Elsbergs "Blackout" schließlich wird ein Szenario durchgespielt, das sich wohl manche erstaunlicherweise herbeisehnen: Eine kleine Gruppe Terroristen legt mithilfe gezielter Angriffe auf kritische Infrastruktur binnen kürzester Zeit ganz Europa lahm. Die Lebensmittelversorgung bricht zusammen, Faustrecht herrscht, für zivilisierte Mitteleuropäer wird der Besitz einer Schusswaffe erstrebenswert.

Es gibt, nicht nur unter denen, die sich bei den G20-Krawallen Hamburg dem schwarzen Block angeschlossen haben, eine durchaus nennenswerte Zahl von Menschen, die sich genau so ein Szenario wünschen. Es sind seit dem Ende des Gipfels eine ganze Reihe interessanter Texte über dieses Thema erschienen, zum Beispiel dieser von Martin Kaul in der "taz" .

Verachtung für die organisierten Linken

Kaul war im Schanzenviertel dabei in der Randalenacht vom 7. Juli, ein Randalierer schlug ihn nieder. In seinem Artikel versucht er trotzdem, die Motivation derer zu verstehen, die da zerstörten und zündelten, und zwar unter Rückgriff auf das von einer anonymen französischen Gruppierung 2007 veröffentlichte Manifest "Der kommende Aufstand". Das Buch ist mittlerweile in viele Sprachen übersetzt und hat Einzug in die linke Popkultur gefunden - etwa in dem eingangs zitierten Hip-Hop-Track des deutschen Rappers Grim 104.

Die "Aufstand"-Autoren finden die kapitalistische Konsumgesellschaft in all ihren Ausprägungen und Auswirkungen abstoßend und hassenswert. So hassenswert, dass sie sie zerstört sehen wollen. Immer, wenn es allerdings darum geht, wie genau das Leben eigentlich danach funktionieren soll, bleiben sie vage.

Ein Leben in ländlichen Kommunen mit Subsistenzwirtschaft  scheint das Ziel zu sein. Menschen versorgen sich selbst und betreiben zusätzlich Tauschwirtschaft - ein Rückschritt in vorindustrielle Zeiten. Für die organisierten Linken, die die Welt innerhalb der bestehenden Strukturen verändern wollen, haben die Autoren nur Verachtung übrig.

In einem weiteren lesenswerten Text macht der Religionswissenschaftler Michael Blume  auf eine auf den ersten Blick verblüffende Parallele aufmerksam. Er vermutet unter den ideologisch Motivierten unter den Randalierern eine quasi-religiöse Logik: "Wenn sich alle utopischen Hoffnungen in dieser säkularen Zeit erfüllen (oder scheitern) müssen - dann liegt der Traum von entfesselter Gewalt nahe, schein-legitimiert durch eine mythologische Hoffnung auf ein apokalyptisches Paradies nach der großen Zerstörung."

Die verblüffende Parallele zum IS

Es gibt noch eine weitere Gruppierung, deren Mitglieder sich gern schwarz kleiden und die die Welt auf einen zwangsläufigen apokalyptischen Endkampf zutreiben sieht. Die Ideologie der IS-Terrormiliz umfasst sehr explizite Vorstellungen darüber, wie genau die Welt, wie wir sie kennen, zugrundegehen wird.

Einen Endkampf der "Armeen des Islam" gegen die "Armee Roms"  soll es geben, und später den Showdown zwischen einem massenmordenden Antimessias und Jesus persönlich. Die Vorstellung dieser Apokalypse ist eine zentrale Säule der Ideologie des IS, und sie wird, so berichten es Fachleute, auch von seinen einfachen Fußsoldaten permanent wiederholt.

Sowohl die Anarchisten im Westen als auch die selbst ernannten Gotteskrieger im Nahen Osten sehnen den Zusammenbruch der westlichen Zivilisation herbei, beide wollen ökonomisch-zivilisatorisch zurück ins Mittelalter - aber dort enden die Parallelen dann auch.

Was die Gesellschaft angeht, die nach der Apokalypse kommt, könnten die Vorstellungen unterschiedlicher kaum sein: Hier der regel- und hierarchiebasierte Gottesstaat mit seiner Vielzahl von Verboten und keinerlei Rechten für Frauen, dort die Utopie vom egalitären Kollektiv, das sich irgendwie selbst versorgt, ohne dafür allzu viel arbeiten zu müssen.

"Kindergeld vom Schweinestaat"

Die geteilte Begeisterung für den Untergang ist augenscheinlich geeignet, gerade junge Männer, die auf der Suche nach einem scheinbar legitimen Ventil für ihre Aggression sind, zu faszinieren. Will man solche Menschen erreichen, und das ist zweifellos schwierig, könnte man vielleicht an diesem Punkt ansetzen: Indem man einerseits deutlich macht, dass eine Welt nach dem Zusammenbruch staatlicher Ordnung wohl eher dystopisches als utopisches Potenzial hat - das kann man in failed states wie Somalia aufs Schrecklichste beobachten. Und dass es durchaus Möglichkeiten gibt, die Welt besser, das eigene Leben reicher zu machen, ohne dass dafür erst einmal alles zerstört werden muss.

Grim 104, der eingangs zitierte Rapper, ist übrigens zu abgebrüht, um der Apokalypseromantik wirklich auf den Leim zu gehen. In einem Track vom gleichen Album von 2013 heißt es: "Ich hoffe seit ich vierzehn bin, dass noch irgendwas passiert, dass die Welt, in der wir leben, doch ihr Gleichgewicht verliert. Doch nach jedem 1. Mai, an dem ich Steine auf die Schweine warf, kam ein 2. Mai, geil, Kindergeld vom Schweinestaat."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.