Aufbauhilfen G20-Staaten verpassen Chance für »grünen Aufschwung« nach der Pandemie

Die wichtigsten Industriestaaten geben nur einen Bruchteil des Geldes zum Wiederaufbau nach der Pandemie für nachhaltige Projekte aus, bilanziert eine neue Studie. Etliche Milliarden flossen in klimaschädliche Wirtschaftszweige.
Die Kokerei Prosper in Bottrop

Die Kokerei Prosper in Bottrop

Foto: Olaf Döring / IMAGO

Mindestens 14 Billionen US-Dollar haben die Staaten der G20-Gruppe, der wichtigsten Industrienationen der Welt, in Konjunkturprogramme für den Wiederaufbau nach der Coronapandemie gesteckt. Doch nur rund 860 Milliarden Dollar flossen in Maßnahmen, die der Erderwärmung und dem wachsenden Treibhausgasausstoß entgegenwirkten – sechs Prozent des gewaltigen Budgets.

Das geht aus einer Analyse hervor, die US-amerikanische Wissenschaftler in der Zeitschrift »Nature«  veröffentlicht haben.

Diese Zahlen widerlegten die Behauptung vieler Regierungen, die durch die Pandemie und alle damit verbundenen Maßnahmen verursachten Probleme mit einem »grünen Aufschwung« überwinden zu wollen. Die G20-Staaten sind für rund 80 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

»Wir haben diese Chance kollektiv verpasst«

Jonas Nahm, Assistenzprofessor an der Johns Hopkins University in den USA und Hauptautor der Studie, sagte der britischen Zeitung »The Guardian« , es gebe immer noch Möglichkeiten, die Situation zu verbessern. Aber: »Die Ausgaben für den wirtschaftlichen Aufschwung hätten unsere Chancen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, erheblich verbessern können, und wir haben diese Chance kollektiv verpasst.« Es sei enttäuschend, dass die Regierungen noch nicht begriffen hätten, »dass Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Emissionsreduzierung sich eigentlich ergänzen«.

Während der Pandemie  sei ein Großteil der staatlichen Ausgaben in die Finanzierung des Gesundheitswesens und in die Sicherung von Einkommen geflossen. Verpasst hätten die Staaten jedoch die Gelegenheit, die Rettungspakete für die fossilen Brennstoffindustrien mit »grünen Bedingungen« zu versehen. Eine löbliche Ausnahme stellte der Analyse zufolge Frankreich dar: Die französische Regierung habe zum Beispiel darauf bestanden, dass Fluggesellschaften, die Rettungsgelder erhalten, auf den meisten Inlandsstrecken nicht mehr mit der Bahn um Passagiere konkurrieren dürften.

Auch verglichen mit früheren globalen Krisen wie der Finanzkrise 2008 sei der Anteil der Ausgaben für kohlenstoffarme Technologien gering ausgefallen. Nach jener Krise seien rund 16 Prozent der Aufschwungausgaben in Maßnahmen investiert worden, die der Umwelt und dem Klima dienten.

Drei Prozent für Maßnahmen, die die Emissionen erhöhen

Der Analyse zufolge wurde jedoch nicht nur ein Großteil des Geldes nicht für klimafreundliche Investitionen genutzt – ein Anteil von drei Prozent der Summe, die die G20-Staaten zur Rettung der Weltwirtschaft ausgegeben haben, seien sogar in Maßnahmen geflossen, die die Kohlenstoffemissionen weiter erhöhen und nicht zur Umstellung der Welt auf eine CO₂-arme Basis beitragen. In diesen Bereich fielen etwa Subventionen für die Kohleindustrie. 

In mehreren Staaten hätten diese Förderungen fossiler Brennstoffe noch deutlich über dem Durchschnitt gelegen. Indien gab der Studie zufolge beispielsweise 14 Milliarden Dollar aus, um seine Kohleindustrie während des Wirtschaftsabschwungs zu stützen. Südafrika stellte 11,4 Milliarden Dollar an Garantien für den Kauf von Strom bereit, der größtenteils aus Kohlekraftwerken stammt. China steigerte die Produktion von Kohlebergwerken, was zu einem starken Anstieg des Kohleverbrauchs führte.

Das Konjunkturprogramm der EU wurde hingegen als relativ gut bewertet: Mehr als 30 Prozent dieser Ausgaben könnten als umweltfreundlich eingestuft werden.

Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Experten weisen immer wieder darauf hin, dass sich Investitionen in Bereiche, die für die Umstellung auf eine klimaneutrale Wirtschaft erforderlich sind, nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch lohnen – unter anderem, weil sie Arbeitsplätze schaffen: bei der Gebäudeisolierung, der Installation von Ladestationen für E-Autos, beim Bau von Solar- und Windkraftanlagen oder von Hochwasserschutzbauten .

vki