Treffen in Japan G20-Länder kämpfen gegen Meeresmüll. Mal wieder. Ein bisschen.

Die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer wollen gegen die Vermüllung der Meere mit Plastik vorgehen. Dazu haben sie jetzt einen Plan beschlossen. Hurra? Es ist leider nicht der erste.

Schwimmendes Kind bei einer Veranstaltung gegen Müll in den Ozeanen (in Thailand, Juni 2019)
Romeo Gacad / AFP

Schwimmendes Kind bei einer Veranstaltung gegen Müll in den Ozeanen (in Thailand, Juni 2019)


Papier, so sagt der Volksmund, ist geduldig. Plastik ist es auch. Viele Kunststoffe, die in die Meere gelangen, bleiben dort über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. "Wir stehen vor einem Ozean-Armageddon", warnte Erik Solheim, der damalige Chef des Uno-Umweltprogramms, im vergangenen Jahr im SPIEGEL-Interview.

In den Ozeanen der Welt sammelt sich also der Plastikmüll, erst kürzlich war sogar bei einer Tauchfahrt zum tiefsten Punkt der Weltmeere eine Plastiktüte gefunden worden. Wenn der Abfall im Meer langsam zerfällt, entsteht daraus Mikroplastik. Daran wiederum könnten sich Giftstoffe anlagern, die über die Nahrungskette schließlich auf den Tellern der Menschen landen.

Die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer wollen daher nach eigenem Bekunden gegen die Verunreinigung der Gewässer durch Plastikmüll vorgehen. Die Umweltminister der G20-Länder stimmten am Sonntag einem entsprechenden Maßnahmenplan zu, wie die gastgebende japanische Regierung nach dem zweitägigen Treffen in der Stadt Karuizawa mitteilte. "Ich bin froh, dass wir einen breiten internationalen Rahmen schaffen konnten", so der japanische Umweltminister Yoshiaki Harada.

Das Problem: Die Maßnahmen gegen Meeresabfälle sollen weiter nur auf freiwilliger Basis stattfinden. Der Plan sieht unter anderem vor, dass Verfahren zur Müllvermeidung zwischen den Staaten ausgetauscht werden wollen, Innovationen gefördert sowie wissenschaftliche Überwachungs- und Analysemethoden verbessert.

Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe sagte, er wolle, dass sein Land bei der Reduzierung des Plastikmülls in den Meeren weltweit führend wird - etwa durch die Entwicklung biologisch abbaubarer Stoffe und anderer Innovationen. Allerdings haben auch Biokunststoffe, die nicht aus Erdöl, sondern anderen Rohstoffen gefertigt wurden, eine problematische Ökobilanz. Außerdem können auch Tüten aus biologisch abbaubarem Kunststoff länger die Natur belasten als viele Menschen annehmen.

Die G20-Staaten hatten sich übrigens bereits auf ihrem Gipfel 2017 in Hamburg auf einen Aktionsplan gegen Meeresmüll geeinigt. Seitdem sind zwei Jahre vergangen. Und jedes Jahr, so haben es Forscher um Roland Geyer von der University of California und Jenna Lambeck von der University of Georgia einmal mit den Zahlen von 2010 ausgerechnet, landen zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen zusätzlichen Plastikmülls im Meer.

Ein großer Teil des Plastikmülls gelangt über Flüsse in Asien in die Weltmeere, in China etwa durch den Jangtse, den Xi Jiang und den Huangpu Jiang. Auch der Ganges in Indien und Bangladesch bringt große Mengen Müll in den Ozean. Flüsse in Afrika tragen Schätzungen zufolge knapp acht Prozent zur Verschmutzung der Weltmeere mit Kunststoff bei, europäische 0,28 Prozent. (Lesen Sie hier eine detaillierte Analyse zur Herkunft des Plastiks in den Weltmeeren.)

Allerdings exportieren viele Industriestaaten etwa aus Europa erhebliche Mengen ihres Kunststoffabfalls in andere Teile der Welt - offiziell, damit er dort recycelt wird. Doch nicht immer klappt das auch. Lange Zeit war China Topimporteur. Nach einer Änderung der Gesetze dort ging viel Plastik stattdessen in Länder wie Indonesien, Vietnam, Malaysia oder Indien.

Umweltschützer argumentieren, dass sich das Problem des Mülls im Meer nicht allein durch verbessertes Recycling lösen lässt. Nötig sei vor allem eine insgesamt geringere Produktion. Allerdings sieht es danach derzeit nicht aus. Bis auf einen kleinen Knick im Zuge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise vor rund zehn Jahren ist die Produktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs massiv angestiegen: Allein im Jahr 2015 wurden weltweit 381 Millionen Tonnen Plastik produziert, fast 50-mal so viel wie vor 60 Jahren.

chs/Reuters

insgesamt 9 Beiträge
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pyrrhon-von-daheim 16.06.2019
1. Vor der eigen Türe kehren bringt wenig
Wenn wir den Indern und den Chinesen Filteranlagen bauen, die wenigsten das Plastik auf der Wasseroberfläche entfernt, können wir mit wenig Mitteln eine Menge erreichen. Alle Maßnahmen in Deutschland ist nun wirklich nur der Tropfen auf dem heißen Stein. Wir Deutschen mögen vieles sein, aber mutig sind wir nicht.
bertramkaufmann 16.06.2019
2. auf freiwilliger basis
das wahre Gesicht der Politik, aber wir wissen die ja alle oder. Die Politik ist unfähig unseren Planeten zu Retten, nur wir können das. Für was brauchen wir eigentlich noch die Politiker ??
matthyk 16.06.2019
3. Nur rationales Vorgehen löst auch Probleme
Ein rationales Vorgehen bei diesem nicht ganz unwichtigen Problem setzt voraus, dass man sich mit der Fragestellung auseinandersetzt, wo die Masse des in den Meeren treibenden Plastiks denn herkommt und auf welchen Wegen es dort hin gelangt. Leider wird dieses Thema medial praktisch ausschließlich von Leuten besetzt, die eine bestimmte Ideologie propagieren: Der Ideologie des "ökologischen Seelenheils" durch Selbstbeschränkung und Verzicht. Man mag sich dadurch am Ende besser fühlen - dem Meer und seinen Bewohnern ist dadurch aber leider in keinster Weise geholfen.
bostelguate 16.06.2019
4. nur VERMEIDEN hilft
es ist doch inzwischen völlig klar dass nur ein verschwindend geringer teil des Plastikmülls recycelt wird, von daher ist die einzige Lösung die weitgehende Vermeidung, ggfls. btw wahrscheinlich nur durchführbar wenn der Gesetzgeber dies vorschreibt und drastische Strafen bei Nichteinhaltung der (neuen) Regeln verhängt. Auf freiwilliger Basis passiert gar nichts
telemach1111 16.06.2019
5. Deutschland ist ganz vorne dabei
Und das trotz des vielgerühmten "Dualen Systems". Wir Deutsche trennen tüchtig den Müll und denken, dass das alles schon richtig und ausreichend ist. Tatsächlich aber exportiert Deutschland jedes Jahr mindestens! 2 Millionen Tonnen Plastikmüll insbesondere in ärmere Staaten! Das ist doch der Skandal schlechthin, über den die wenigsten Deutschen informiert sind. Das duale System, der sogenannte grüne Punkt, führt uns in die Irre, aber letztendlich sind es nutzlose Systeme, für die wir noch. bezahlen, die aber keine Effekte haben. Also heißt es erstmal vor der eigenen Haustür kehren. Wo bleiben die Bürgerproteste!!!???
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