US-Fracking vs. Nord Stream 2 Was ist klimaschädlicher: Pipeline- oder Flüssiggas?

Über die Ostsee kommt mit Nord Stream 2 noch mehr Gas aus Russland, und in Niedersachsen legen bald Tanker mit Flüssiggas an. Die Importe sind angeblich ein Beitrag zum Klimaschutz. Doch stimmt das?
Gasförderung in Russland: Es gibt kaum Daten über Methanlecks

Gasförderung in Russland: Es gibt kaum Daten über Methanlecks

Foto: FRANK HERFORT / Getty Images

Der kalte Gaskrieg geht mitten durch Deutschland: An der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern soll bald noch mehr russisches Gas durch die zweite Ostseepipeline fließen. An der niedersächsischen Nordseeküste hingegen könnten schon bald in großem Stil Flüssiggastanker aus den USA anlanden.

Beide Bundesländer sind SPD-regiert. Beide Ministerpräsidenten machen Werbung für Erdgas. Beide loben den Klimaschutzbeitrag des fossilen Brennstoffs. Doch worum geht es wirklich beim Erdgashype?

Deutschland ist aufgrund seiner Lage zum geostrategischen Spielball zwischen USA und Russland geworden. Beide Supermächte wollen Ost- und Nordseeküste als Einfallstor für ihre Gasexporte nach Europa nutzen.

Gerade entscheidet sich an zwei Standorten, welche Rolle Erdgas in den nächsten Jahrzehnten spielen wird:

  • Die Ostseepipeline Nord Stream 2 steht kurz vor ihrer Fertigstellung. Der russische Gasriese Gazprom schaffte in den vergangenen Jahren Tatsachen. Die Rohre wurden verlegt, obwohl es in vielen Anrainerstaaten und auch in der EU Widerstand gegen das Projekt gab. Die USA drohen seit Jahren mit Sanktionen.

  • Die US-Regierung will ebenfalls Gas nach Europa exportieren. Dafür wird gerade die Infrastruktur geschaffen: Insgesamt sind in Niedersachsen und Schleswig-Holstein drei Flüssiggas-Terminals geplant, um Schiffsladungen aus den USA zu empfangen. Ein Terminal in Wilhelmshaven steht derzeit auf der Kippe.

Nicht nur Nord Stream 2 ist umstritten

Neben Nord Stream 2 soll nun in Niedersachsen als Nächstes das Flüssiggas-Terminal in Stade genehmigt werden. Die Betreiber suchen nach eigenen Angaben  bereits in den USA nach Kunden. Die Pläne für einen kommerziellen LNG-Import in großem Stil sind aber weniger bekannt. Dabei sind diese aus Klima- und Umweltschutzsicht mindestens genauso bedenklich. Das geht auch aus einem Gutachten der Deutschen Umwelthilfe  hervor, das dem SPIEGEL vorliegt.

Das Flüssiggas aus Exportländern wie den USA würde in riesigen Tankern transportiert, die bis zu 350 Meter lang seien. Pro Woche würden in Stade künftig mehrere von diesen Megatankern anlanden. Dafür müsste die Elbe weiter ausgebaggert werden. Die Ladung der Schiffe sei zudem hochexplosiv und im Hafen des Terminals befinde sich eine riesige Chemiefabrik von Dow Chemical. In der Nähe sei zudem noch ein Atommülllager geplant. Außerdem grenzt an den Hafen ein Naturschutzgebiet.

Zudem fehlten in den Planungsunterlagen für den Terminalbau die Folgen fürs Klima, heißt es in dem Gutachten. Wie viele Emissionen durch den Gasimport entstünden, würde komplett ausgeblendet.

Methan: Alles andere als ein Klimaschützer

Erdgas wird gern als Klimaschützer verkauft. An dieser Botschaft arbeiten PR-Agenturen der Gaslobby seit Jahren.

Dass dieser Lobbyismus fruchtet, zeigt die Gründung der »Stiftung Klima- und Umweltschutz MV« von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). Die Stiftung wird mit 20 Millionen Euro der Nord Stream 2 AG vergoldet, die laut Satzung auch den Geschäftsführer stellen darf. Kritik gab es vor allem, weil das Unternehmen zum russischen Staatskonzern Gazprom gehört. Das Ziel der »Klimastiftung« ist die schnelle Fertigstellung einer Pipeline.

Doch auch die niedersächsische Regierung unterstützt die Erdgasinteressen mit allen Kräften – nur aus Ländern wie den USA oder Katar. Ministerpräsident Stephan Weil, ebenfalls SPD, betont gern, dass Gas eine wichtige Bedeutung »auf dem Weg zur klimaneutralen Gesellschaft« habe. Auch Niedersachsen hat bereits seit rund einem Jahr eine landeseigene »Erdgas-Agentur«: Die LNG-Agentur  wurde gegründet, um für das Flüssiggas zu werben. Der Steuerzahler muss die Lobbyagentur mit einer dreiviertel Million pro Jahr bezahlen.

Fakt ist: Beide Länder verkaufen ihre Erdgaspolitik als Klimaschutz.

Allerdings ist Methan, Hauptbestandteil von Erdgas, alles andere als ein Klimaschützer. Laut Weltklimarat IPCC ist das Gas für etwa ein Viertel der menschengemachten Erderwärmung verantwortlich. Die Methankonzentration in der Atmosphäre hat laut einem aktuellen Beitrag des Fachmagazins »Nature « in den vergangen 20 Jahren extrem schnell zugenommen.

Tatsächlich gibt es bisher nur wenige Studien, wie gut oder schlecht Flüssig- oder Pipelinegas wirklich fürs Klima ist. So kommt es darauf an, wo und wie das Erdgas gefördert, über welche Strecke es mit dem Schiff oder Pipeline transportiert wird und wie es dann weiterverarbeitet wird. Größtes Klimaproblem sind laut Experten die Methanlecks in Leitungen und an Bohrstellen.

Was hat die bessere Klimabilanz: Gas aus den USA oder aus Russland?

Der größte Teil des US-Gases wird aus tiefen Gesteinsschichten mit einem Frackingverfahren gefördert. Dieses sogenannte Schiefergas befindet sich in tiefen Tonschichten und wird mit der Frackingtechnologie gefördert, bei der unter hohem Druck Wasser und Chemikalien in tiefe Gesteinsschichten gepresst werden. Das hat zu erheblichen Umweltschäden geführt, beispielsweise haben Chemikalien Wasser vergiftet.

Wie klimaschädlich die möglichen Methanverluste beim Gasfracking sind, ist nur lückenhaft untersucht. Forscher vermuten, dass bisherige Schätzungen über den Umfang dieser Leckagen in dramatischer Weise zu niedrig angesetzt sind. Laut einer Studie, die 2018 im Fachmagazin »Science « erschien, lagen die offiziell gemeldeten Gaslecks in den USA 60 Prozent höher als von der US-Umweltbehörde angegeben. Laut Messungen der US-Umweltorganisation Environmental Defense Fund entweichen allein in den USA 1,4 Millionen Tonnen Gas an Förderstätten. 

Für den Transport von Flüssiggas über die Weltmeere ist viel zusätzliche Energie notwendig. So wird das Gas auf minus 163 Grad Celsius heruntergekühlt, bis es flüssig wird und nur noch ein Sechshundertstel seines ursprünglichen Volumens hat. Anschließend muss es wieder in Pipelinegas umgewandelt oder »regasifiziert« werden.

Beim russischen Gas ist noch weniger bekannt, wie viel Methan schon bei der Produktion und dann beim Transport entweicht.

Allgemein habe Pipelinegas aber eine etwas bessere Klimabilanz als Flüssiggas, heißt es in einer Studie des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung  zur Klimabilanz von Flüssiggas. Das liege an den geringeren Vorkettenemissionen, schreiben die Autoren. Allerdings verschlechtere sich mit zunehmender Transportstrecke auch die Klimabilanz von Pipelinegas. Zur Erinnerung: Allein die Ostseepipelines Nord Stream I und II sind über 1200 Kilometer lang. Die Landwege in Russland und Europa noch nicht eingerechnet.

Wie viel Erdgas braucht Europa wirklich?

Die Gasbefürworter in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern begründen die neuen Pipelines und Terminals auch mit einem angeblich steigenden Bedarf. Aber wie viel Erdgas die EU braucht, ist auch eine Frage danach, wie schnell die Länder aus fossilen Energien aussteigen wollen. Der Europäische Rechnungshof bemängelte  schon 2015: »Der Bedarf wird seit Jahren überschätzt, weil die EU keine eigene Rechnung anstellt, sondern sich auf externe Prognosen verlässt.«  

Der Thinktank Agora Energiewende schätzt einen leichten Anstieg des Importbedarfs in Deutschland für die nächsten zehn Jahre – allerdings ließe sich dieser »sehr wahrscheinlich auch mit der bestehenden Import- und Speicherinfrastruktur abbilden«.

Klar ist, dass die EU bis 2050 überhaupt keine fossilen Energien mehr verbrennen darf – auch kein Erdgas. Inwiefern die heute gebauten Pipelines und Terminals dann noch gebraucht würden, sei zumindest fraglich, erklärt Frank Peter von der Agora Energiewende. Ein eins-zu-eins-Recycling für Wasserstoff sei jedenfalls unrealistisch.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.