Gazellen-Jagd Archäologen finden Hinweise für rituelle Massenschlachtungen

Lange Zeit hatten sogenannte Wüstendrachen, kilometerlange Mauern im Sand, Archäologen vor ein Rätsel gestellt. Nun haben Forscher Indizien dafür gefunden, dass die Jahrtausende alten Gebäude der Massenjagd dienten - und eine verheerende Wirkung hatten.
Kropfgazelle: Heutzutage sind die Tiere kaum in der Wildnis zu sehen.

Kropfgazelle: Heutzutage sind die Tiere kaum in der Wildnis zu sehen.

Foto: Uli Deck/ dpa

Die Beliebtheit der Kropfgazelle als Jagdwild ist ihr zum Verhängnis geworden: In den letzten hundert Jahren ist der weltweite Bestand der asiatischen Gazellenart von über einer Million auf knapp Hunderttausend gefallen, sie gilt als bedroht. Jetzt berichten Archäologen, dass die massenhafte Jagd schon weit vor dem Siegeszug von Feuerwaffen den Gazellen arg zusetzte.

Im östlichen Mittelmeerraum haben Massenschlachtungen bereits vor Jahrtausenden zum Beinahe-Aussterben der Kropfgazellen beigetragen, vermuten Archäologen um Guy Bar-Oz von der israelischen Universität von Haifa. Sie untersuchten eine Fanganlage im Nordosten Syriens, in der vor etwa 6000 Jahren eine Gazellenherde getötet wurde. Durch solche Massenschlachtungen seien die Gazellen-Bestände vermutlich schon drastisch reduziert worden, bevor die Jagd mit Schusswaffen diese Tiere an den Rand des Aussterbens brachte, berichten die Forscher im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" .

Im Zentrum der Untersuchung standen sogenannte Wüstendrachen - Steinmauern, teils mehrere Kilometer lang und vor über 10.000 Jahren mit bisher unbekanntem Zweck erbaut. Es wurde zwar vermutet, dass sie zum Einkesseln von Tieren bei der Jagd dienten. Da aber bislang nur wenige Überbleibsel der Tiere in der Nähe der Anlagen gefunden worden waren, galt das bisher nicht als erwiesen.

Ganze Herde getötet

Die Forscher entdeckten nun in einer Anlage bei Tell Kuran im Nordosten Syriens über 2500 Knochenreste von Kropfgazellen. Sie gehen davon aus, dass die Knochen von einer kompletten Herde mit mindestens 90 Gazellen stammen.

Die Archäologen fanden heraus, dass die Tiere gehäutet und die wertlosen Knochen sowie die Häute entsorgt wurden. Knochenspuren wiesen daraufhin, dass die Verarbeitung der Tiere einige Zeit in Anspruch genommen habe. So sei bei einigen Gazellen zum Zeitpunkt der Häutung die Totenstarre bereits eingetreten. Dies spreche ebenfalls dafür, dass eine ganze Herde getötet und dann nach und nach verarbeitet wurde.

In der näheren Umgebung der Fundstätte befänden sich viele Fanganlagen. Steinmalereien aus der Region zeigten die Anlagen und wie darin, zum Teil mit Hilfe von Hunden, Gazellen gefangenen wurden. Die Menschen trugen religiöse Symbole, was vermuten lasse, dass es sich um eine rituelle Tötung handele.

Die Fanganlagen seien entlang der Wanderstrecken der Gazellen angelegt worden. Das Wegfangen ganzer Herden habe nicht nur die Bestände dezimiert, sondern auch die Populationen voneinander getrennt und die Art so weiter geschwächt. Die Einführung von Schusswaffen habe dann im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in einigen Regionen zum vollständigen Aussterben der Gazellen geführt.

hrb/dpa
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