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02. April 2009, 13:45 Uhr

Gebärmutterhalskrebs

HPV-Screening könnte zahlreiche Todesfälle verhindern

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Schwierige Früherkennung: Bei Frauen in ärmeren Ländern wird Gebärmutterhalskrebs meist zu spät erkannt. Ein Test auf Humane Papillomaviren, die für einen Großteil der Tumore verantwortlich sind, könnte Abhilfe schaffen. Doch das Screening ist teuer.

Der Tumor ist besonders aggressiv: Gebärmutterhalskrebs führt unbehandelt in den meisten Fällen zum Tod. Jährlich erkranken derzeit weltweit rund 500.000 Frauen, etwa 300.000 von ihnen sterben an den Folgen. Vor allem in armen Ländern werden die Vorstufen der Erkrankung meist nicht erkannt, denn Angebote zur Früherkennung gibt es nur wenige - oder sie werden kaum genutzt. Eine Reihenuntersuchung in Indien hat jetzt jedoch gezeigt, dass ein einfaches Screening möglicherweise schwere Verläufe der Erkrankung und Todesfälle vermeiden könnte.

Indische Frauen bei einem spirituellen Treffen: Tests auf Humane Papillomaviren für alle
AP

Indische Frauen bei einem spirituellen Treffen: Tests auf Humane Papillomaviren für alle

Für ihre Untersuchung, an der über 130.000 Frauen in Indien teilnahmen, verglichen die Wissenschaftler um Rengaswamy Sankaranarayanan von der Internationalen Agentur für Krebsforschung in Lyon drei unterschiedliche Früherkennungsmethoden und ihre Auswirkung auf den Verlauf der Krankheit. Denn je früher suspekte Veränderungen erkannt werden, desto eher können Ärzte befallenes Gewebe chirurgisch entfernen und so der Entstehung von Krebs und dessen Ausbreitung vorbeugen.

Bei der ersten Gruppe suchten Ärzte nach Humanen Papillomaviren. Zahlreiche Typen dieser Viren lösen nach sexueller Übertragung Gebärmutterhalskrebs aus - für diese Entdeckung erhielt der deutsche Virologe Harald zur Hausen im vergangenen Jahr den Nobelpreis. Bei der zweiten Gruppe wurden Zellen vom Gebärmutterhals auf eine mögliche Entartung untersucht, bei den Probandinnen der dritten Gruppe trugen die Mediziner Essigsäure auf den Gebärmutterhals - bösartige Zellen färben sich mit dieser Methode weiß an. Eine Kontrollgruppe erhielt lediglich die normalerweise in Indien gängigen gynäkologischen Routineuntersuchungen.

Fanden die Mediziner bei einer Frau einen auffälligen Befund, untersuchten sie den Gebärmutterhals mit einer Vergrößerungsoptik und entnahmen Gewebeproben. Waren bösartige Zellen oder Vorstufen darin zu sehen, entfernten die Ärzte diese.

Wie die Wissenschaftler jetzt im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" ("NEJM") berichten, überprüften sie nach acht Jahren, ob die unterschiedlichen Früherkennungsmethoden eine Auswirkung auf den Verlauf der Krankheit und die Sterblichkeitsrate hatten. Ihr Ergebnis: Während in der HPV-Gruppe 34 Frauen am Gebärmutterhalskrebs starben, waren es in der Kontrollgruppe 64 Frauen. Die Probandinnen der zweiten und dritten Gruppe hingegen hatten keinen deutlichen Vorteil gegenüber der Kontrollgruppe. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein HPV-Test bei Frauen über 30, die in armen Gebieten leben, als Screening-Methode sinnvoll ist", schreiben die Forscher im "NEJM".

Screening allein reicht nicht

Auch die Krebsforscherin Ethel-Michèle de Villiers vom Deutschen Krebsforschungszentrum glaubt, dass das Verfahren in Ländern mit niedrigem medizinischem Versorgungsstandard durchaus helfen könnte, Todesfälle durch Gebärmutterhalskrebs zu verhindern. Allerdings sei die Methode nicht zu 100 Prozent sicher. "Wenn im HPV-Screening keine Viren nachgewiesen werden, könnte es trotzdem sein, dass die Frau infiziert ist, denn der Test erfasst nicht alle Typen der Viren", sagt de Villiers im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Derzeit sind 13 häufig vorkommende Typen bekannt, die Gebärmutterhalskrebs auslösen. Unter ihnen sind HPV-16 und -18 für rund 70 Prozent aller Erkrankungsfälle verantwortlich.

"Ein HPV-Screening ohne klinisch messbare Veränderungen und Zellanalysen reicht für einen Eingriff nicht aus", meint de Villiers. Vor dem Hintergrund von Armut sei wenig jedoch immer noch besser als nichts. Der Test des Herstellers Qiagen ist allerdings nicht billig: In den USA kostet er derzeit 30 Dollar (knapp 23 Euro) pro Frau. In Entwicklungsländern soll er jedoch billiger sein, wie Unternehmenssprecher Thomas Theuringer verspricht. "Wir spenden zunächst eine Million Tests", sagte Theuringer gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Wenn sich ein Screening durchsetzen sollte, werden wir dann über die Preise verhandeln."

Dennoch dürfte das finanzielle Interesse an einem weitreichenden Einsatz relativ groß sein, denn für den Hersteller ist der Test ein wichtiger Wachstumstreiber. Das Verfahren trug rund ein Viertel des Gesamtumsatzes von 893 Millionen Dollar im vergangenen Jahr bei. Das in den Niederlanden ansässige Unternehmen traut dem Produkt Umsätze von bis zu 1,1 Milliarden Dollar jährlich zu.

Auch in Europa ist der Test zugelassen. In Deutschland überprüfen Gynäkologen im Rahmen der Krebsvorsorge die Zelleigenschaften des Gebärmutterhalses mit einem Abstrich. Will sich eine Frau auf HPV testen lassen, muss sie die Kosten im Rahmen einer sogenannten Igel-Leistung (individuelle Gesundheitsleistung) selbst tragen. Manche private Krankenkasse übernimmt jedoch die Kosten.

Zuletzt bestimmte vor allem der Streit um die Impfung gegen HPV die Berichterstattung zu Gebärmutterhalskrebs. Die Immunisierung war 2007 von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlen worden. Im vergangenen November hatten 13 Kritiker in einem Manifest jedoch bemängelt, die Impfung sei übereilt eingeführt worden, ihre Wirksamkeit nicht ausreichend belegt und die Nebenwirkungen unklar. Der Chef der Impfkommission der Bundesregierung, Friedrich Hofmann, hatte die Impfstrategie daraufhin im Interview mit SPIEGEL ONLINE verteidigt.

Mit Material von Reuters

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