Gefährliches Hantavirus Die Seuche kommt mit dem Wind

Fieber, Gliederschmerzen, Übelkeit - was aussieht wie eine gewöhnliche Grippe, entpuppt sich seit 2007 immer öfter als das gefährliche Hantavirus. Übertragen wird es durch Mäuse-Kot. Experten sind besorgt: Was passiert, wenn noch weitaus gefährlichere Hanta-Stämme in Deutschland heimisch werden?
Von Günther Stockinger

Das hohe Fieber ebbt tagelang nicht ab. Kopf, Rücken, Bauch und Glieder schmerzen wie bei einer schweren Grippe. Manchen der Betroffenen ist speiübel, andere können plötzlich nicht mehr scharf sehen.
Der Gang auf die Toilette offenbart eine weitere böse Überraschung: Der Urin tröpfelt nur noch spärlich.

Wenn die Opfer des merkwürdigen Leidens Glück haben, schöpft der Hausarzt wegen der entgleisten Urinwerte Verdacht und überweist sie an einen Spezialisten. In der Klinik diagnostizieren die Mediziner dann oft überraschend eine potentiell lebensgefährliche Nierenfunktionsstörung - ausgelöst durch eine Infektion mit Hantaviren.

Im vorigen Jahr haben diese winzigen Erreger in Deutschland so häufig zugeschlagen wie nie zuvor. Im Schnitt wurden den Seuchenexperten vom Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) seit 2001 jährlich rund 200 Neuerkrankungen gemeldet. 2007 hingegen schnellte die Zahl auf 1688 Fälle hoch - weit mehr als alle bisher registrierten Fälle zusammengenommen.

"Der Anstieg war dramatisch", erklärt Andreas Jansen, Epidemiologe am RKI. Hantavirus-Infektionen zählten damit zu den fünf häufigsten meldepflichtigen Viruserkrankungen in Deutschland.

Eine deutliche Spur hat die Seuche vor allem in Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen hinterlassen. Bestimmte Regionen wie die Schwäbische Alb, aber auch der Bayerische Wald, der Spessart oder die Gegend um Osnabrück waren lokale Herde. "Sind die Erreger eine wachsende Gefahr in Deutschland?", fragte das Ärzteblatt "Medical Tribune" Anfang August besorgt.

Dabei ist der hierzulande am häufigsten vorkommende Hantavirus-Typ, das Puumalavirus, sogar noch eine vergleichsweise harmlose Variante. Rund 90 bis 95 Prozent der Infizierten entwickeln keine Symptome. Die Betroffenen bemerken die Infektion nicht - oder sie werten leichtere Beschwerden als einen vorübergehenden grippalen Infekt.

Bei den im vergangenen Jahr an das RKI gemeldeten Fällen verlief die Krankheit weniger glimpflich. Bei über tausend der Opfer griffen die Erreger die Nieren an. Knapp jeder Zehnte von ihnen musste vorübergehend an die Dialyse angeschlossen werden.

"Wenn die Symptome plötzlich in akutes Nierenversagen umschlagen, wird es für die Betroffenen kritisch, ohne künstliche Blutwäsche würden sie sterben", warnt Thomas Benzing, Nephrologe an der Uni-Klinik Köln.

Übertragen werden die Hantaviren in Deutschland durch Rötel-, Brand- und Feldmäuse. Auch Wanderratten können die Erreger möglicherweise beherbergen. Den Tieren selbst droht von den Mikroben keinerlei Ungemach.

Viren im Mäuse-Kot werden vom Winde verweht

Allerdings stecken die Schädlinge massenhaft in den Exkrementen und im Speichel der Nager. Vor allem in warmen, trockenen Sommermonaten werden die Hantaviren vom Winde verweht. Spaziergänger oder Jogger, die sich in der vermeintlich gesunden Natur bewegen, atmen den erregerhaltigen Staub ein. Bei immerhin ein bis zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland finden sich bereits Antikörper gegen die Viren im Blut - dieser Personenkreis muss folglich schon einmal Kontakt mit ihnen gehabt haben.

Im vergangenen Jahr standen die Zeichen für die Nager günstig. Bereits 2006 war wegen des guten Wetters und des Überangebots an Bucheckern eine Art Mastjahr für die Mäuse. Der darauffolgende Winter war so mild, dass viele der Tiere überlebten. Auch der ungewöhnlich warme April 2007 bot ideale Voraussetzungen für die Vermehrung. "Die ausgeprägte Zunahme der Mäusepopulation scheint maßgeblich für den massiven Anstieg der Hantavirus-Erkrankungen gewesen zu sein", analysiert RKI-Epidemiologin Judith Koch.

Viele der Populationen waren hoch durchseucht. In Baden-Württemberg fanden sich die Viren je nach Landstrich bei bis zu 70 Prozent der untersuchten Rötelmäuse. In Unterfranken beherbergte knapp jede vierte unter die Lupe genommene Waldwühlmaus den Erreger. "Mäusejahre sind Hantavirus-Jahre", kommentiert die "Medical Tribune".

Geeignet für die Herstellung von Biowaffen

Doch Experten sehen noch eine weit größere Gefahr: Was geschieht, wenn auch die aggressiveren Hantavirus-Typen nach Deutschland eingeschleppt werden, die bislang nur in anderen Weltregionen vorkommen? Einige der dort auftretenden Erregervarianten sind hoch pathogen - aus diesem Grund gelten sie auch als geeignet für die Herstellung von Biowaffen.

Die in Amerika grassierenden Hantatypen etwa greifen die Lunge an. Die Todesrate ist erschreckend hoch: Beim ersten Ausbruch 1993 starb in den USA mehr als die Hälfte der Erkrankten; bis heute sind den Mikroben dort mehr als 160 Menschen zum Opfer gefallen.

Mitteleuropäer blieben von diesen Killerviren bislang verschont - was mit den hier lebenden Nagerarten zu tun hat. Jeder Hantavirus-Typ ist an bestimmte Mäusearten angepasst. Die "Neuweltmäuse", die in den USA die Lungenkiller verbreiten, kommen bei uns nicht vor. "Im Moment haben wir noch nicht das Gefühl, dass das Virus aggressiver geworden ist, wir zählen einfach nur mehr Fälle", erklärt Detlev Krüger, Virologe an der Berliner Charité.

Das muss nicht so bleiben. "Dass sich hoch pathogene Hantatypen eines Tages auch an unsere Mäusearten adaptieren, kann man nicht ausschließen", warnt Rainer Ulrich, Biologe am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems. Auch wenn fremdländische Nager illegal eingeführt würden, könne es passieren, dass sie die gefährlicheren Viren mitbringen: "Es gibt genügend Beispiele, dass sich solche Wirtsorganismen ausbreiten."

Hantaviren verändern sich genetisch schnell

Zudem ist die Gefahr groß, dass auch die in Deutschland zirkulierenden Stämme genetisch aufrüsten. Denn ähnlich wie Grippeerreger können sich Hantaviren rasch verändern. Mit dem in den Balkanländern zirkulierenden Dobravavirus etwa lauert ein bedrohlicherer Hantatyp direkt vor unserer Haustür.

Sogar der Übertragungsweg könnte sich ändern. Zwar verlief die Ansteckung bisher so gut wie immer von der Maus zum Menschen. Doch zumindest für einen südamerikanischen Hantatyp sind bereits Fälle belegt, bei denen infizierte Menschen den Erreger direkt an andere Menschen weitergegeben haben.

Zu den häufigsten Opfern der hiesigen Puumalaviren zählen bislang Forst- und Bauarbeiter, weil sie häufiger als andere die virushaltigen Ausscheidungen der Nager aufwirbeln. Gefährdet ist zudem, wer in der Nähe von Wald, Stadtwald oder Park lebt, wer dort Freizeitsport betreibt oder zeltet.

Doch auch Katzenhalter haben ein erhöhtes Risiko, mit den Viren in Kontakt zu kommen. Zwar fungieren ihre Haustiere offenbar nicht selbst als Überträger für die Mikroben. Aber wenn sie noch lebende Mäuse aus dem nahen Gehölz mit nach Hause bringen und unter dem Bücherregal verstecken, können sich die in den Köteln und im Urin enthaltenen Erreger mit dem Hausstaub verbreiten.

Für Unruhe sorgt bei manchen der behandelnden Mediziner der Schweregrad der Infektionen. Während früher eher mildere Verläufe verzeichnet wurden, sehen die Ärzte neuerdings immer lebensbedrohlichere Erkrankungen: "Auch junge, durchtrainierte Männer liegen bei uns schwerstkrank in der Klinik, wir brauchen Tage, um sie über den Berg zu bekommen", berichtet Nierenexperte Benzing, der im vergangenen Jahr allein 37 solcher Patienten behandelt hat.

Noch keine Todesfälle - offiziell


Erstmals seit der Einführung der Meldepflicht 2001 ist die Infektion im vergangenen Jahr bei vier Erkrankten zudem in ihrer furchterregenden hämorrhagischen Verlaufsform aufgetreten: Der Kontakt mit dem Erreger verursachte bei den Opfern innere Blutungen - ähnlich wie bei dem von Ebolaviren ausgelösten afrikanischen Fieber, bei dem die Sterberate bis zu 90 Prozent beträgt.

Alle vier Infizierten hatten sich in Süddeutschland mit dem angeblich harmlosen Puumalavirus angesteckt.

Offiziell ist in Deutschland noch niemand an Hantaviren gestorben. Todesfälle wegen unklaren Nierenversagens hat es aber auch hierzulande schon immer gegeben. Die behandelnden Ärzte denken nur nicht immer daran, dass der Exitus des Blutwäscheorgans durch eine Virusinfektion verursacht sein könnte. Benzing: "Es ist definitiv vorstellbar, dass Patienten auch bei uns schon gestorben sind, weil die Erkrankung nicht erkannt wurde."

Eine Impfung gegen die Erreger könnte die weitere Ausbreitung der Seuche verhindern. "Prototyp-Impfstoffe existieren", berichtet Krüger. Aber die Pharmafirmen waren bisher an der Entwicklung einer Vakzine nicht sonderlich interessiert.

Immerhin glauben die Seuchenwächter vom Berliner RKI inzwischen, auch so vorsichtige Entwarnung geben zu können. Bisher sieht es so aus, als würden die Fallzahlen 2008 wieder deutlich niedriger liegen als 2007.

"Wir hoffen, dass das vergangene Jahr ein absolutes Ausnahmejahr war", sagt Epidemiologe Jansen. Selbst vom Spaziergang im Hanta-Endemiegebiet Schwäbische Alb würde der RKI-Experte derzeit niemandem abraten: "Wer dort als normaler Tourist durch die Gegend läuft, dem wird wahrscheinlich nichts passieren."