Gehirn-Evolution Der Mensch entwickelt sich weiter

Die Menschheit ist noch nicht am Ende ihrer Entwicklung angelangt, glauben amerikanische Forscher. Sie haben mehrere Gene entdeckt, die erst seit verblüffend kurzer Zeit ihre heutige Form haben - und bringen diese mit kulturellen Entwicklungen in Zusammenhang.


Genforschung: Veränderungen vor knapp 6000 Jahren
DPA

Genforschung: Veränderungen vor knapp 6000 Jahren

Als der Homo sapiens sich vor etwa 200.000 Jahren entwickelte, war er noch nicht fertig. Und vermutlich ist er - sind wir - es heute noch nicht. Das legen zumindest die Ergebnisse nahe, über die Wissenschaftler heute in gleich zwei Artikeln im Fachmagazin "Science" berichten (Bd. 309, S. 1717 & S.1720).

Das entscheidende Merkmal, das uns Menschen von unseren nächsten Verwandten unterscheidet, ist unser Gehirn. Und ausgerechnet das entwickelt sich immer noch weiter, glauben Bruce Lahn von der University of Chicago und seine Kollegen. "Wir, einschließlich der Wissenschaftler, haben uns immer für die Krone der Schöpfung gehalten", sagte Kahn - aber nach seinen Ergebnissen wachsen der Krone immer noch neue Zacken.

Lahns Kollege Greg Wray von der Duke University formuliert es so: "Es ist ist fast unmöglich, dass die Evolution nicht weitergeht."

Verbindung zwischen Genen und Kultur?

Die Befunde der Forscher sind dennoch umstritten, denn es ist nicht klar, welche Auswirkungen die genetischen Veränderungen, die sie feststellen konnten, tatsächlich haben. Lahn und Kollegen verweisen zwar auf Parallelen mit entscheidenden kulturellen Entwicklungsschritten - aber die Beziehung zwischen einzelnen Genen und der Kultur der Menschheit wird wohl kaum zu halten sein.

Das Team untersuchte zwei verschiedene Gene, Mikrozephalin und ASPM. Beide hängen mit der Größe des Gehirns zusammen. Wenn diese Gene ihre Arbeit nicht tun, werden Kinder mit verkleinerten Gehirnen geboren. Mikrozephalie nennen Mediziner das.

In DNA-Proben von verschiedenen ethnischen Gruppen fanden die Wissenschaftler eine Reihe von Variationen in jedem der Gene, die ungewöhnlich häufig vorkamen. Sie könnten deshalb keine Zufallsmutationen mehr sein, sondern müssten sich durch natürliche Selektion durchgesetzt haben, argumentieren Lahn und sein Team.

"Potentiell gefährliches Terrain"

Beim Mikrozephalin-Gen sei diese Variation vor etwa 37.000 Jahren aufgetreten, berichten die Wissenschaftler in "Science". Zur gleichen Zeit hätten sich etwa Kunst, Musik und die Herstellung von Werkzeugen verstärkt entwickelt. Für das Gen ASPM sei die durchsetzungsfähige Variation vor etwa 5.800 Jahren aufgetreten - zur gleichen Zeit, zu der sich auch Schriftsprache und Ackerbau durchsetzten und die ersten Städte gegründet wurden.

"Die genetische Evolution des Menschen in der jüngsten Vergangenheit könnte auf gewisse Weise mit der kulturellen Evolution verknüpft sein", sagt Lahn.

Andere Wissenschaftler sind skeptischer. Es sei "völlig unbewiesenes und potentiell gefährliches Terrain", das da mit "lückenhaften Daten" betreten werde, sagte etwa Francis Collins vom National Human Genome Research Institute der USA gegenüber dem Onlinedienst der Zeitschrift "Nature". Man wisse nicht, was die Genvariationen tatsächlich bewirkten - und außerdem sei unklar, wie genau das Modell sei, das Lahn verwendet habe, um die Veränderungen zu datieren. Sorge bereitet Collins etwa, dass die von dem Team beschriebenen Variationen bei vielen afrikanischen Stämmen nicht auftreten - er befürchtet genetisch motivierten Rassismus.

Lahn selbst gesteht ein, dass die Variante des Mikrozephalin-Gens irgendwann im Zeitraum von vor 60.000 Jahren bis vor 14.000 Jahren entstanden sein könnte. Bei ASPM liegt das Unsicherheitsintervall zwischen "vor 500 Jahren" und "vor 14.000 Jahren".

Eins jedenfalls haben Lahn und Kollegen gezeigt: Die Menschheit entwickelt sich weiter.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.