Gehirn Viren als Waffe gegen den Tumor

Seit Jahrzehnten kämpfen Ärzte gegen das Polio-Virus, nun soll es zu ihrem Verbündeten werden. In entschärfter Form kann der Erreger Gehirntumore vernichten.


Tumorzellen in Zellkultur: Therapie mit Polio-Viren?
DPA

Tumorzellen in Zellkultur: Therapie mit Polio-Viren?

Ein amerikanisches Forscherteam hofft, bösartige Hirntumore in Zukunft mit einem genetisch abgewandelten Polio-Erreger bekämpfen zu können. "Wir haben ein Virus entwickelt, das keine Erkrankung im Gehirn verursachen kann, aber immer noch die Fähigkeit hat, Tumorzellen zu befallen und zu vernichten", berichtete Matthias Gromeier von der Duke University. Erkrankte Mäuse, denen das Hybridvirus injiziert wurde, konnten Gromeier zufolge mit nur einer Dosis geheilt werden.

Das Verfahren der Forscher beruht auf der Fähigkeit des Polio-Erregers, zwischen gesunden und erkranken Gewebe zu unterscheiden: Er befällt Tumorzellen mit Hilfe des Rezeptors CD155, der bei gesunden Nervenzellen fehlt. Eine Infektion mit dem gefürchteten Erreger kann allerdings auch zu Lähmungen und zum Tod führen. Um das Virus zu entschärfen, bauten die Wissenschaftler in seine Erbanlagen Gene des verwandten Schnupfenvirus ein.

Bei der Behandlung von bösartigen Hirntumoren stoßen konventionelle Methoden oft an ihre Grenzen. Einem chirurgischen Eingriff fällt oft auch gesundes Gewebe zum Opfer, und Chemotherapie und Bestrahlungen dürfen nur mit größter Vorsicht eingesetzt werden. Das manipulierte Virus könnte dagegen schnell und äußerst zielgenau wirken, zudem soll es auch in der Lage sein, über das Gehirn verteilte Metastasen verschwinden zu lassen.

Gromeier und seine Kollegen, die die Ergebnisse ihrer fortlaufenden Studie auf einem Treffen der American Society of Microbiology präsentierten, haben die Polio-Therapie bereits erfolgreich an Affen und Mäusen erprobt. Mit Unterstützung des National Cancer Institute arbeiten die Forscher derzeit an einem Virenstamm, der beim Menschen eingesetzt werden soll. Bevor die ersten klinischen Tests beginnen, werden den Wissenschaftlern zufolge jedoch noch Jahre vergehen.



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