Geklonte Menschen "Wir kennen das Risiko noch nicht"

Severino Antinori will noch in diesem Jahr damit beginnen, ein erstes menschliches Baby zu klonen. Das sagte der italienische Fortpflanzungsmediziner im Interview mit dem SPIEGEL. Moralische Probleme sieht der Katholik nicht.

SPIEGEL:

Professor Antinori, schon in naher Zukunft wollen Sie einen Menschen klonen. Wann liegt der erste Kunstmensch im Kreißsaal?

Antinori: Wir werden voraussichtlich gegen Ende dieses Jahres beginnen. Die Geburt wäre dann im Sommer 2002.

SPIEGEL: Und wo wird dieser Kreißsaal stehen?

Antinori: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir könnten es übrigens sogar in Italien machen. Das Gesetz erlaubt es hier. Aber ich weigere mich, das in einem Land zu tun, das mich nicht unterstützt.

SPIEGEL: Sie haben bereits zehn Paare ausgewählt, die sich geklonte Kinder wünschen. Was sind das für Leute?

Antinori: Es sind Menschen im Alter zwischen 28 und etwa 40 Jahren. Wenn sie zu mir in die Praxis kommen, sind sie bereits völlig verzweifelt, weil die Männer keine zeugungsfähigen Spermien haben. Bei diesen Patienten versagen auch die klassischen Verfahren der Reagenzglasbefruchtung.

SPIEGEL: Und denen wollen Sie jetzt die ersten Klonkinder der Welt verschaffen. Haben Sie diese Menschen psychologisch genau untersucht?

Antinori: Diese Menschen sind moralisch betrachtet kerngesund.

SPIEGEL: Warum haben Sie diesen Paaren nicht dazu geraten, mit gespendeten Samen die Eizelle der Frau zu befruchten?

Antinori: Natürlich habe ich ihnen dazu geraten. Und auch zu anderen möglichen Alternativen, etwa der Adoption. Wir Ärzte sollten bei der Beratung alles tun, damit es nicht zum Klonen kommt.

SPIEGEL: Man könnte ihnen auch erklären, dass es die Natur einfach nicht zulässt.

Antinori: Das ist leicht gesagt. Nur wenn es die einzige Möglichkeit ist, ein völlig verzweifeltes Paar glücklich zu machen, dann bin ich bereit, es auch zu tun.

SPIEGEL: Haben Sie diesen verzweifelten Menschen auch klar gemacht, dass sie auf diese Weise gar kein gemeinsames Kind zeugen, sondern lediglich einen der Partner kopieren?

Antinori: Ich habe den Frauen gesagt: Vorsicht, der Klon ist nur von Ihrem Mann. Er trägt kein Erbgut von Ihnen.

SPIEGEL: Wieso bieten Sie denn nur an, den Mann zu klonen? Theoretisch könnten Sie ja auch eine Körperzelle der Frau nehmen und daraus ein Ebenbild von ihr gebären lassen.

Antinori: Das akzeptieren die Männer nicht.

SPIEGEL: Und warum nicht?

Antinori: Ja, das ist sehr interessant. Ich habe über 40 Paare befragt. Das war durchaus unterhaltsam. Nur fünf oder sechs Frauen hätten das akzeptiert, und die meisten Männer protestieren. Sie sagen: Dann bin ich ja nicht mehr da.

SPIEGEL: Im anderen Fall ist aber die Frau nicht mehr da. Ihre Eizelle dient dann nur als leeres Gefäß.

Antinori: Der Mann ist in den Beziehungen dominant. Es gibt da wirklich eine Diskriminierung.

SPIEGEL: Bei den zehn Paaren, die sich von Ihnen klonen lassen wollen, werden also definitiv nur die Männer geklont?

Antinori: Immer die Männer.

SPIEGEL: Und warum akzeptieren die Frauen das?

Antinori: Sie haben das Bild ihres Mannes vor Augen und wollen das so.

SPIEGEL: Sie würden auch die Frau klonen, wenn es der Wunsch beider Partner wäre?

Antinori: Ich halte es für ein absolutes Menschenrecht, Nachkommen zu haben. Das gilt für beide Partner.

SPIEGEL: Und wenn eine lesbische Frau sich klonen lassen will, ganz ohne Mann?

Antinori: Das würde ich nicht tun.

SPIEGEL: Aber gerade für lesbische Paare wäre ihr Klonverfahren doch äußerst interessant. Die Frauen würden sich Töchter zeugen, ohne dass ein Mann an der Entstehung beteiligt sein müsste.

Antinori: Für die Entwicklung des Kindes ist es absolut notwendig, dass Vater und Mutter das Kind aufziehen. Ein vaterloses Kind würde ich nicht produzieren. Niemals.

SPIEGEL: Befürchten Sie nicht, dass andere Ärzte sich einmal der von Ihnen entwickelten Klontechnik bedienen, ohne vergleichbare Skrupel zu haben?

Antinori: Das kann niemand ausschließen. Es gibt auch Menschen, die die Atombombe einsetzen wollen. Natürlich müssen Gesetze erlassen werden, die den Missbrauch der Klontechnik verbieten. Ich werde eine weltweite Diskussion darüber eröffnen.

SPIEGEL: Zunächst muss Ihnen die Erschaffung des Kunstmenschen erst einmal gelingen. Wollen Sie es anstellen wie beim schottischen Klonschaf Dolly?

Antinori: In meinen Augen ist die Dolly-Methode ein bisschen alt. Wir planen, einen Mittelweg zwischen der Dolly-Methode und einem ganz neuen Verfahren zu gehen. Dabei wird auch Lasertechnik zur Behandlung der Eizelle eingesetzt. Zunächst aber brauchen wir die Eizellen von 200 Frauen für unsere Experimente. Sonst könnten wir das Programm unmöglich beginnen.

SPIEGEL: Wer zählt zu Ihrem Forscherteam?

Antinori: Ein wichtiger Partner ist für mich der Innsbrucker Universitäts-Professor Karl Illmensee, der über große Erfahrung beim Klonieren von Tieren verfügt. Er ist für mich der Beste auf der Welt. Dazu kommt ein italienischer Biologe namens Toni Barbaro. Ich möchte hervorheben, dass wir ernsthaft an unserem Vorhaben arbeiten. Wir arbeiten mit aller Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit.

SPIEGEL: Welche Erfahrungen haben Sie bereits in Tierversuchen gewonnen?

Antinori: Wir haben Hunderte von Versuchen unternommen.

SPIEGEL: Da dürften Sie viele Schwierigkeiten erlebt haben. Geklonte Embryonen sterben ab, nisten sich nicht in die Gebärmutter ein. Die Erfolgsquote ist noch immer katastrophal schlecht.

Antinori: Wir haben unsere Technik schon verbessern können. Wir liegen momentan bei einer Quote von 7:100, teilweise sogar darüber.

SPIEGEL: Für die Frau wird das Klonen eine sehr unangenehme Prozedur sein. Zur Gewinnung ihrer Eizellen müssen Sie sie mit Hormonen vollpumpen, was starke Nebenwirkungen hat.

Antinori: Da muss ich Ihnen aus meiner täglichen Erfahrung widersprechen. Mittlerweile haben weltweit eine Million Frauen, bei denen eine künstliche Befruchtung versucht wurde, das Gleiche hinter sich gebracht. In 20 Jahren Hormonbehandlung ist kein Problem aufgetaucht. Mehr Sorgen macht mir der physische Zustand der geklonten Organismen.

SPIEGEL: Geklonte Tiere haben oft zu große Körper, bekommen Krebs. Geklonte Rinder leiden an einem geschwächten Immunsystem, sterben an Lungenentzündungen. Solche Risiken wollen Sie Menschen zumuten?

Antinori: Nein, Vorsicht: Wir kennen das Risiko noch nicht genau. So groß, wie Sie es beschreiben, ist es allerdings nicht.

SPIEGEL: Wie können Sie genetische Schäden am geklonten Embryo rechtzeitig feststellen und eine schwere Erkrankung des späteren Babys ausschließen?

Antinori: Drei Tage nach dem Klonvorgang werden wir eine Biopsie machen. Das macht Toni Barbaro ­ der ist ein Experte dafür ­, noch bevor das keimende Leben in die Gebärmutter eingesetzt wird.

SPIEGEL: Aber mit dieser Methode lassen sich bislang nur eine kleine Zahl von Krankheiten in den Genen finden.

Antinori: Bestimmte Krankheiten erkennen wir ganz genau.

SPIEGEL: Aber im Falle des Klonens kommen noch weitere Gefahren hinzu.

Antinori: Als ich mit der Einspritzung eines einzelnen Spermiums in die Eizelle, der künstlichen Befruchtung, begonnen habe, wurden mir die gleichen Fragen gestellt ­ vor allem von Kirchenmännern und anderen Feinden der Wissenschaft.

SPIEGEL: Hier geht es nicht um religiöse Argumente, sondern um Vorbehalte von Naturwissenschaftlern. So kann das Erbgut von Zellen, die aus älteren Organismen stammen, bereits mutiert sein. Sie zu klonen ist nachweislich riskanter.

Antinori: Wir beobachten das sehr genau und haben schon sehr viel darüber gelernt. Eine zweijährige Maus hat etwa das Alter eines zwanzigjährigen Menschen. So konnten wir schon Generationen geklonter Mäuse untersuchen. Wir werden zum Beispiel nur verhältnismäßig junge Menschen klonen. Sie sollten höchstens 30 Jahre alt sein. Und denen entnehmen wir möglichst junge Zellen, gerade weil wir Angst vor diesen Gen-Mutationen haben.

SPIEGEL: Beim Klonen gibt es auch viele ethische Probleme. Der Biologe Eric Schon von der New York Columbia Universität sagte, er hätte Skrupel, ein Baby zu klonen, weil man zuvor 25 tote Missgeburten in den Mülleimer werfen müsste.

Antinori: Das ist ein lächerliches Argument. Bei der künstlichen Befruchtung geschieht das jeden Tag auf der Welt. Da werden dauernd Embryonen weggeworfen.

SPIEGEL: Wenn Sie nach drei, vier Monaten feststellen, dass aus dem Klon eine Missgeburt werden würde...

Antinori: ... dann treiben wir ab. Das macht man auch bei anderen Embryonen.

SPIEGEL: Sie haben als Katholik die Abtreibung früher als Genozid bezeichnet.

Antinori: Vorsicht, das ist etwas anderes. Hier handelt es sich um eine therapeutische Abtreibung. Manche Menschen treiben gesunde Kinder ab, weil sie kein Kind wollen, verurteilen aber das Klonen. Beim Klonen wird niemand getötet.

SPIEGEL: Aber Sie nehmen dabei enorme Risiken in Kauf.

Antinori: Es ist meine Aufgabe, vorsichtig zu sein. Als Direktor des Programms weiß ich das sehr genau.

SPIEGEL: So vorsichtig, dass Sie nicht einmal das Land nennen, in dem Sie den ersten Klon erschaffen wollen. Wissen Sie denn schon, wo Sie hingehen wollen?

Antinori: Ja. Ich habe dort bereits mit dem Regierungschef gesprochen.

SPIEGEL: Ist es ein demokratisches Land?

Antinori: Solche Fragen dürfen Sie mir nicht stellen. Die sind gefährlich.

SPIEGEL: Der Klon könnte eine Person mit enormen psychischen Problemen sein. Spätestens in der Pubertät dürfte er darüber nachdenken, dass er genetisch betrachtet kein Individuum ist, sondern nur eine Kopie.

Antinori: Bei den im Reagenzglas gezeugten Kindern kommt es zu ähnlichen Konflikten. Und sie wurden auch überwunden.

SPIEGEL: Aber die Erkenntnis, eine exakte Kopie eines Menschen zu sein, ist erheblich schwerer zu verkraften.

Antinori: Manche Menschen wünschen sich, eine Kopie ihres Vaters zu sein.

SPIEGEL: Sie behaupten, es sei ein Menschenrecht, Kinder zu bekommen. Ist eine unverwechselbare genetische Identität zu haben kein Menschenrecht?

Antinori: Das ist jetzt sehr theoretisch.

SPIEGEL: Sie sind Katholik. Und Ihre Praxis liegt in unmittelbarer Nähe des Vatikans. Fürchten Sie nicht, in Konflikt mit Ihrem Glauben zu geraten?

Antinori: Der Papst hat mich vergangenen November empfangen. Es ist wichtig, die Bibel zu verstehen, nicht das ganze Gerede. Die Bibel hilft immer im Leben.

SPIEGEL: Jacques Suaudeau, Sprecher des päpstlichen Rates für Familie, hat Sie mit den Worten gewarnt: "Man soll nicht das Böse tun, um das Gute zu erschaffen."

Antinori: Der Vatikan hat seit Jahrhunderten die Heilkunst behindert. Er trägt eine Million Tote auf seinen Schultern.

SPIEGEL: Sie sind Vater von zwei Töchtern. Würden Sie sich noch einen Sohn dazuklonen wollen?

Antinori: Nein. Ich bin so glücklich über meine Töchter. Monika, meine ältere, ist mir verblüffend ähnlich ­ fast, als wäre sie bereits ein Klon von mir. Sie hat Medizin studiert und wird nun auch Gynäkologin.

SPIEGEL: Herr Antinori, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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