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21. September 2009, 11:24 Uhr

Gekürzte Hilfsprogramme

Finanzkrise begünstigt Ausbreitung von Aids

Aus Kapstadt berichtet Corinna Arndt

Die westlichen Länder ächzen unter der Finanzkrise und streichen deshalb Gelder für Anti-Aids-Programme. Mit fatalen Folgen: Immer mehr Afrikaner sterben an der HIV-Infektion - und Pharmaunternehmen weigern sich, den betroffenen Staaten mit verbilligten Medikamenten zu helfen.

Thembisa Mkhosana sieht gesund aus, als würde sie vor Kraft strotzen. Sie ist eine selbstbewusste Frau mit lachenden Augen und einem Gang, nach dem sich die Männer umdrehen. Dass die 36-Jährige seit gut zehn Jahren HIV-positiv ist, sieht man ihr nicht an. Sie schluckt antiretrovirale Medikamente, die das Virus lange Zeit in Schach gehalten haben.

Thembisa Mkhosana ist das lebende Beispiel dafür, dass HIV nicht den sofortigen Tod bedeuten muss. Sie selbst hat diese Botschaft weitergetragen - als Aids-Aktivistin in den Kliniken ihres Heimatortes Khayelitsha, dem größten der Townships vor den Toren Kapstadts. Seit drei Wochen tut sie das nicht mehr.

"Schon im Januar haben sich meine Blutwerte drastisch verschlechtert", sagt sie und knetet nervös ihre Hände. "Und jetzt habe ich plötzlich Fieber und Schmerzen."

Die Mutter zweier Kinder hat nicht einfach nur Fieber - die Aids-Krankheit ist bei ihr ausgebrochen. Die Medikamente, die sie bisher genommen hat, wirken nicht mehr.

Ihre Ärzte wissen, dass sie sterben wird, und sie weiß es auch. "Sie sagen, ich soll meine Tabletten einfach weiternehmen. Andere gebe es hier nicht."

Seit 2004 stellt Südafrika, das Land mit der höchsten HIV-Infektionsrate der Welt, seiner Bevölkerung kostenlos Aids-Medikamente zur Verfügung. Wer dagegen resistent wird, bekommt eine Alternativbehandlung. "Bei weiteren Resistenzen ist Schluss", sagt Gilles van Cutsem, Programmdirektor von Médecins Sans Frontières (MSF), zu deutsch Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation betreibt in Khayelitsha eines der ältesten Aids-Programme Afrikas und steht damit an vorderster Front im Kampf gegen die Seuche.

Doch momentan stecken die Helfer und ihre kranken Patienten in einer schweren Krise. Weil der Westen unter der globalen Finanzkrise leidet, hat er zunehmend andere Sorgen als den Kampf gegen Aids in Afrika. Doch die Seuche ist längst nicht besiegt - im Gegenteil.

Im Global Fund, dem großen Aids-Fonds der Vereinten Nationen, klafft ein Loch von drei Milliarden Dollar. "Wir steuern hier auf eine Katastrophe zu", warnt van Cutsem. "Und das nur, weil die reichen Länder ihre eigenen Versprechen nicht einhalten und nicht genug Geld einzahlen." Damit meint van Cutsem das international vereinbarte Zwischenziel des Millenniumsentwicklungsprojektes, bis 2010 allen Aidskranken weltweit Zugang zu Behandlung und Medikamenten zu ermöglichen. Ein Ziel, dem sich auch die G-8-Staaten verpflichtet haben - darunter Deutschland.

Sieben Millionen Menschen ohne Zugang zu Aids-Medikamenten

Doch obwohl bisher erhebliche Summen in den Fonds geflossen sind, wächst der Bedarf schneller, als die Gelder aufgestockt werden. Aids-Aktivisten wie das deutsche "Aktionsbündnis gegen Aids" haben sich bereits vor Monaten an die Bundesregierung gewandt mit der dringenden Bitte, die Zahlungen an den Globalen Fonds "signifikant zu erhöhen". Seit 2002 hat Deutschland 670 Millionen Euro eingezahlt; für den Zeitraum von 2008 bis 2010 steuert es jährlich 200 Millionen Euro bei und gehört damit - neben Frankreich mit rund 300 und den USA mit mehr als 600 Millionen Euro - zu den wichtigsten Geberländern.

Gemessen an seiner Wirtschaftsleistung im internationalen Vergleich trüge es aber eine größere Verantwortung, der eine "Aufstockung der bisherigen Zusagen um 704 Millionen US-Dollar (knapp 500 Millionen Euro) entspräche", so das Aktionsbündnis in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im März. In einer Reaktion auf die Forderungen räumte Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) ein, dass für die Jahre 2011 bis 2013 eine "kräftige Mittelaufstockung" für den Fonds nötig sei. Dafür nahm sie aber "die Regierungen, die bislang wenig zum Globalen Fonds beigetragen" hätten sowie Privatunternehmen und Stiftungen in die Pflicht.

Während unter den Gebern noch der Schwarze Peter hin- und hergeschoben wird, hat Ärzte ohne Grenzen für sechs afrikanische Länder bereits die Folgen der Finanzlücken dokumentiert: So habe Tansania in diesem Jahr 25 Prozent weniger Geld für die Aids-Bekämpfung zur Verfügung als 2008. In Uganda nähmen viele Kliniken keine neuen Patienten mehr auf. Und in Malawi würden schon jetzt vielerorts die Tabletten knapp. Ohnehin haben weltweit sieben Millionen Menschen noch keinen Zugang zu Aids-Medikamenten. Kürzungen der Programme zum jetzigen Zeitpunkt wären "ein Rückschritt ohnegleichen", sagt van Cutsem. "In Europa mögen die Menschen aufgrund der Wirtschaftskrise Arbeitsplätze verlieren. In Afrika verlieren sie ihr Leben."

Teure HIV-Medikamente: Profit auf Kosten der Kranken

Von seinem spartanisch eingerichteten Büro im zweiten Stock schaut van Cutsem auf einen kleinen Marktplatz und auf Hütten aus Holz und Pappe. Jeder dritte Mensch dort unten trägt das HI-Virus in sich. Für Ärzte ohne Grenzen hat das Aids-Programm in Khayelitsha Modellcharakter und bietet so etwas wie einen Blick in die Zukunft Afrikas.

Gerade hat die Organisation neue Daten erhoben. Thembisa Mkhosana ist Teil dieser Statistik, den Zahlen zufolge entwickeln 16 Prozent aller Patienten Resistenzen gegenüber der Ersttherapie. Ein Viertel dieser Menschen spricht nach weiteren zwei Jahren auch auf die Folgetherapie nicht mehr an.

Eine wirksame Dritttherapie gibt es zwar, aber nicht im öffentlichen Gesundheitssektor Südafrikas. "Diese Medikamente sind hier nicht registriert, sie sind wahnsinnig teuer", sagt van Cutsem. Rund 3000 US-Dollar pro Patient koste diese Behandlung mit patentgeschützten Medikamenten im Jahr, verglichen mit 80 US-Dollar für die Ersttherapie.

Die in Khayelitsha dokumentierten Resistenzen mit Todesfolge - ironischerweise eine Folge gut funktionierender Aids-Programme - drohen nun auch dem Rest des Kontinents. Eine ähnliche Situation gab es vor rund zehn Jahren, als die ersten Aids-Medikamente noch ein Vermögen kosteten und selbst Experten eine flächendeckende Behandlung in Afrika für utopisch hielten.

"Pharmaunternehmen müssen die Preise senken"

Denn am Grundproblem hat sich wenig geändert: Pharmaunternehmen lassen neue Medikamente patentieren und verkaufen sie in der Regel zum höchstmöglichen Preis. Das arme Afrika ist als Kunde uninteressant, und so lassen sich viele Konzerne alle Jahre wieder um Preissenkungen bitten und haben keine Eile mit der Zulassung ihrer Tabletten in Entwicklungsländern, sagt van Cutsem. Das bedeutet nicht nur den Tod von Patienten; es treibt auch die Kosten für die Aids-Programme in die Höhe. Am Ende zahlt die internationale Gemeinschaft drauf, die diese Programme überwiegend finanziert.

"Es ist höchste Zeit, dass Pharmaunternehmen mit Patenten auf die am dringendsten benötigten Aids-Medikamente die Preise in Afrika drastisch senken", sagt van Cutsem. "Und sie müssen ihre Tabletten auch in Ländern registrieren lassen, in denen sie bis heute nicht zugelassen sind."

Laut Stephan Grosserüschkamp, Sprecher von Médecins Sans Frontières, gilt das vor allem für Medikamente, deren Patente gehalten werden von Konzernen wie Gilead (Tenofovir), Merck (Raltegravir, Efavirenz), Abbott (Lopinavir/Ritonavir) und anderen.

Beispiel Tenofovir: Das Medikament wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO als Erstbehandlung empfohlen. In Staaten, in denen nur das patentierte Originalmedikament erhältlich ist, liegen die Kosten bei mehr als tausend US-Dollar pro Person und Jahr. Doch selbst in Ländern, in denen ein Generikum erhältlich ist, also eine wirkstoffgleiche Kopie des Markenmittels, kosten die Tabletten mindestens doppelt so viel wie die wissenschaftlich überholte und mit erheblichen Nebenwirkungen einhergehende 80-US-Dollar-Alternative namens Stavudine, die in den meisten afrikanischen Ländern noch immer Standard ist. Besserer und billigerer Zugang zu Tenofovir würde nicht nur die Kosten der Aids-Programme in erheblichem Maße senken und armen Patienten die extremen Nebenwirkungen längst überholter Medikamente ersparen - es würde auch dafür sorgen, dass weniger Menschen später Resistenzen entwickelten, so van Cutsem.

Konzerne wollen "wettbewerbsfähige Preise"

Der Pharmakonzern Gilead, der Tenofovir patentiert hat, verweist darauf, dass er bereits seit 2005 Rabatte für Entwicklungsländer anbiete und in einzelnen Staaten mit Generika-Produzenten kooperiere. Mehr als 500.000 Patienten in ärmeren Ländern erhielten derzeit Tenofovir unter dem Markennamen Viread. "Das sind circa 13 Prozent derer, die Tabletten benötigen", so Gilead-Sprecher Polly Ruettgers. Angesichts der harten Position des Unternehmens reagierte Ärzte ohne Grenzen mit Erleichterung, als nach Brasilien nun auch Indien das beantragte Patent für Tenofovir verweigerte. Zumindest auf diesen Märkten können Patienten nun auf sinkende Preise durch die Produktion von Generika hoffen.

Beispiel Lopinavir/Ritonavir: Die Tablettenkombination ist in Südafrika patentiert und laut Hersteller Abbott in allen 69 afrikanischen Ländern erhältlich zum Preis von 500 US-Dollar für einen erwachsenen Patienten im Jahr. Das sei ein "wettbewerbsfähiger Preis", so Sprecherin Franziska Theobald gegenüber SPIEGEL ONLINE, die gleichzeitig erklärt, der Zugang zu Aids-Medikamenten für arme Patienten zum geringstmöglichen Preis sei heute "mehr denn je unsere Priorität." Zu möglichen weiteren Preissenkungen könne sie sich allerdings nicht äußern.

Ähnlich der Konzern Merck, der mit seinem Medikament Raltegravir eine der wichtigsten Neuentwicklungen im Kampf gegen Aids in den Händen hält. Laut Sprecherin Michele Rest möchte Merck "derzeit nicht über weitere Preissenkungen spekulieren". Schließlich sei Raltegravir in Ländern mit mittlerem Einkommensniveau - dazu gehört auch Südafrika aufgrund seiner extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich - bereits verbilligt erhältlich. In den ärmsten Ländern mache der Konzern keinen Gewinn beim Verkauf der Tabletten.

Kein Geld für Tabletten

Gilles van Cutsem freut sich über jeden dieser "Schritte in die richtige Richtung". Doch das Problem bedürfe einer langfristigen Lösung und beschränke sich auch nicht auf die hier beispielhaft zitierten Firmen. So fordert Ärzte ohne Grenzen, dass alle derzeit von der WHO empfohlenen Aids-Medikamente sowie die wichtigsten Neuentwicklungen künftig in einem internationalen Patent-Pool Organisation Unitaid gesammelt werden, der es Herstellern in aller Welt erlaubt, sie nachzubauen.

Für die großen Konzerne hieße das, lukrative Patentrechte dauerhaft aufzugeben und sich mit geringeren, aber fairen Gewinnen aus Lizenzgebühren zufriedenzugeben. Gilead und Merck zeigen sich bisher vorsichtig an dem Projekt interessiert; Abbott legt Wert darauf, dass die Teilnahme freiwillig sein müsse. Konkrete Zusagen wollte keine der drei Firmen machen. Van Cutsem hingegen hält den Patent-Pool für absolut notwendig: "Wenn wir das nicht schaffen, dann fürchte ich, dass wir nächstes Jahr wieder protestieren müssen, damit irgendein Unternehmen den nächsten kleinen Schritt geht, und in fünf Jahren wieder, und in zehn Jahren."

Seine Patienten aber können so lange nicht warten. Thembisa Mkhosana etwa, die kein Einkommen hat, um sich die Tabletten selbst zu kaufen, die sie zum Überleben benötigen würde, war dabei, als Aids-Aktivisten vor Wochen auf einer internationalen Konferenz in Kapstadt der Pharmaindustrie Preistreiberei vorwarfen. Die Mitarbeiter der Konzerne, denen angeblich das Wohl der Menschheit am Herzen liegt, schwiegen pikiert. Manche verschwanden diskret hinter leuchtenden Werbetafeln, bis auch dieser Proteststurm vorübergezogen war. Und danach galt, davon ist Thembisa Mkhosana fest überzeugt, was schon seit Jahren gilt: Nach der Demo ist vor der Demo - Business as usual.

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