Gen-Analyse Steinzeit-Europäer vertrugen keine Milch
Blähungen, Durchfall und Magengrummeln - solche Symptome plagen heute all jene Menschen, die Milchprodukte verspeisen, ohne dass sie über das Enzym Laktase verfügen. Dieses spaltet Milchzucker in seine Bestandteile und macht ihn so erst verdaulich. Möglicherweise litten auch die Menschen vor 5000 Jahren schon unter unangenehmen Darmwinden, zumindest wenn sie sich am Kuh-Drink versuchten. Denn auch sie konnten offenbar keine Milch verdauen.
Das haben Anthropologen von der Universität Mainz jetzt durch die Analyse von neun Skeletten aus der Jung- und Mittelsteinzeit herausgefunden, deren Erbgut sie untersucht haben. Wie die Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen vom University College London in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" ("PNAS") online vorab berichten, habe die Fähigkeit, Milch zu verdauen, bei der Entwicklung der Europäer eine wesentliche Rolle gespielt.
Im Säuglingsalter ist Laktase zunächst in ausreichender Menge vorhanden, nach dem Abstillen wird das Enzym bei den meisten Menschen auf der Welt aber nur noch in geringem Maße produziert. Nur Europäer und einige afrikanische Bevölkerungsgruppen machen eine Ausnahme: Sie bilden das Enzym auch noch im Erwachsenenalter. Bislang rätselten Wissenschaftler darüber, woher diese sogenannte Laktase-Persistenz kommt.
Eine "evolutionäre Erfolgsgeschichte"
Der Mainzer Anthropologe Joachim Burger und seine Kollegen isolierten die DNA der neun steinzeitlichen Skelette, die in Zentral- und Osteuropa gefunden worden waren. Bei keiner dieser Proben fanden die Forscher die für die sogenannte Laktase-Persistenz verantwortliche Genmutation.
Die Schlussfolgerung des deutsch-britischen Forscherteams: Nomadische Hirten, die aus dem Uralgebirge einwanderten, verbreiteten die Genmutation in Europa. Als die ersten domestizierten Ziegen, Schafe und Rinder vor rund 8000 Jahren nach Europa gebracht wurden, konnten die meisten Bauern die Milch ihres Viehs noch nicht vertragen. Nur eine kleine Minderheit produzierte auch im Erwachsenenalter noch Laktase. Sie hatte gegenüber den Bauern ohne das Enzym einen deutlichen Vorteil, der sich durch natürliche Selektion verbreitete und eine "evolutionäre Erfolgsgeschichte" darstellt, meint Burger.
"Mit Milch konnte die hohe Rate der Kindersterblichkeit nach dem Abstillen reduziert werden", sagte der Mainzer Juniorprofessor. "Nun scheint es wahrscheinlich, dass die heutigen Nord- und Mitteleuropäer eine kleine Gruppe von Milch trinkenden Viehbauern des fünften vorchristlichen Jahrtausends als ihre Vorfahren bezeichnen können." Eine andere Hypothese war bislang davon ausgegangen, dass sich zunächst eine Laktase-Persistenz bei der Mehrheit der Bevölkerung gebildet hatte. Diese sei dann erst Voraussetzung für das Entstehen der Milchwirtschaft gewesen, so die bisherige Vermutung - die die Mainzer Forscher mit ihrer Untersuchung widerlegt haben wollen.
hei/ddp/dpa