Genanalyse US-Genetiker entwickelt Erbgutkartei für Krebs

Das Ziel ist ehrgeizig: Jede einzelne Genveränderung, die Krebs auslöst, soll in den Cancer Genome Atlas. Mit seinem Milliarden-Dollar-Projekt will US-Forscher Eric Lander vor allem die Krebstherapie vorantreiben.


Was früher das Gen der Woche war, ist heute das Krebsgen des Monats. Immer wieder berichten Wissenschaftler rund um den Globus von ihren Forschungserfolgen: Das TGFBR1-Gen etwa schützt vor Darmkrebs, Tbx2 löst Hautkrebs aus und SATB1 bringt einen Brusttumor dazu, seine Zellen im Körper zu verstreuen.

Menschliche DNA: Welche Abschnitte für Krebs verantwortlich sind, will US-Forscher Eric Lander herausfinden
DPA

Menschliche DNA: Welche Abschnitte für Krebs verantwortlich sind, will US-Forscher Eric Lander herausfinden

Wirklich gebündelt wurden diese Einzelinformationen nicht - bis jetzt. Der amerikanische Gen-Forscher Eric Lander plant nun jedoch das wohl größte Krebsforschungsprojekt der Medizingeschichte: Innerhalb von zehn Jahren will er in einem sogenannten Cancer Genome Atlas alle relevanten Genfehler bei jeder der 230 bekannten menschlichen Krebsarten zusammentragen.

"Wir werden sämtliche Genveränderungen aufspüren, die Krebs auslösen und antreiben", sagt der 51-jährige Institutsleiter am Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Interview mit der "Zeit". Mit seinem Projekt, das voraussichtlich eine Milliarde Dollar verschlingen wird, will Lander die Krebsmedizin "vom Kopf auf die Füße stellen".

Der Plan ist in der Tat ehrgeizig: Um aussagekräftige Daten zu bekommen, will der Wissenschaftler von jeder der 230 Krebsarten 500 Proben sammeln. "Wir brauchen diese Datenmenge", so Lander. "Das erlaubt uns, alle Veränderungen festzunageln, die bei mindestens drei Prozent der Zellen einer Krebsart auftreten." Mit Hilfe des Krebsgenom-Atlas erhofft sich Lander deutliche Fortschritte in der Krebstherapie: "Wenn wir Erfolg haben, wird jeder Tumor künftig anhand seines Spektrums von Genfehlern klassifiziert und behandelt", ist der Amerikaner überzeugt. "Egal, ob es Hirn-, Leber- oder Lungenkrebs ist – entscheidend wird dann sein: Welche Mutationen hat er, und welche Medikamente haben wir, um ihn zu stoppen."

Profit durch Erbgutanalysen

Lander ist nicht der einzige, der sich mit Leib und Seele der Genkartierung verschreibt: Craig Venter etwa ist eine der schillerndsten Figuren der Genforschung. 2003 hatte er als erster das gesamte menschliche Erbgut entschlüsselt. Seine eigene DNA (Desoxyribonukleinsäure) hat Venter ebenfalls längst analysieren lassen - und ins Internet gestellt. Auch von James Watson, Entdecker der DNA, ist die Abfolge der Basenpaare bekannt und das Personal Genom Projekt bietet allen, die daran teilnehmen wollen, an, ihr Erbgut kostenlos zu analysieren - wenn sie damit einverstanden sind, dass ihre Daten und Namen veröffentlicht werden.

Aus dem ständig wachsenden Interesse an Gensequenzierung versuchen mittlerweile auch zahlreiche Konzerne, bei Privatpersonen Profit zu schlagen: Die kalifornischen Firmen 23andMe und Navigenics etwa bieten kommerzielle Erbgutanalysen für Privatkunden an - bei 23andMe kostet das Vergnügen 999 Dollar. Was ein genetisch Durchleuchteter dann jedoch mit seiner Informationsflut anfängt, ist fraglich. Kritiker befürchten vor allem, dass die Information etwa für ein erhöhtes Krebsrisiko Betroffene überfordern könne. In Kalifornien untersagte die Gesundheitsbehörde unlängst 13 Unternehmen, Gentests anzubieten.

hei



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