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26. Januar 2009, 08:12 Uhr

Gene und Verhalten

"Wir können uns von unseren Genen nicht emanzipieren"

Wie sehr ist der Mensch ein Sklave seiner Gene - kann er sie überlisten? Soziobiologe Eckart Voland spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Grenzen unseres Verstandes - und erklärt die Wurzeln von Selbstmordattentaten, Religion, sexueller Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Voland, die Religionen versprechen den Menschen ewiges Leben, die Evolutionstheorie verheißt nur ein endliches Dasein als Gen-Marionette - kann es da wirklich verwundern, dass Darwins Theorie selbst nach 150 Jahren von der Mehrheit der Menschen noch immer nicht akzeptiert wird?

Eckart Voland: Es wundert mich nicht - aber ich vermute, es gibt auch andere Gründe: Unser Gehirn ist nicht auf das Verständnis der Evolution eingestellt. Wir denken nicht so dynamisch, wie sie es erfordert. Wir denken dualistisch, trennen Körper und Geist - aber dafür ist in der Evolutionstheorie kein Platz. Das ist in der Evolution nicht vorgesehen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen evolutionären Vorteil bietet das offenbar hartnäckige Bedürfnis nach Religion?

Voland: Bei den Biologen gibt es zwei große Lager. Die einen vermuten, dass Religion nur ein Nebenprodukt des Gehirns ist. Andere sehen in der Religion einen evolutionären Vorteil. Durch gemeinsame Rituale, Mythen und Emotionen bindet Religion eine Gruppe zusammen, schafft eine Binnenmoral. Die hilft, um nach außen hin aggressiver auftreten zu können. Religion könnte also ein Überlebensstrategiereflex sein, der aus dem permanenten Konkurrenzkampf autonomer Gruppen um Ressourcen resultiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Soziobiologie versucht, das Sozialverhalten - auch das des Menschen - evolutionär zu erklären. Evolutionär erfolgreich ist, wer seine Gene verbreitet. War in der Steinzeit Vergewaltigung eine erfolgreiche Strategie?

Voland: Manche Forscher glauben das, andere sehen in Vergewaltigern eine Extremform des normalen testosterongesteuerten Sexualverhaltens. Analysiert man aber sexuelle Gewalt, zeigt sich, dass sie sehr kontextspezifisch auftritt - ein Hinweis auf adaptive Strategien. Das zeigt uns wieder einmal: Was evolutionär gut ist, muss in einem humanistischen Weltbild nicht zwangsläufig auch gut sein. Sexuelle Gewalt hat evolutionäre Wurzeln, aber in der Moderne arbeiten wir daran, sie zu überwinden.

SPIEGEL ONLINE: Auf Herder geht der Ausspruch zurück, der Mensch sei der "erste Freigelassene der Schöpfung". Hat sich der Mensch also durch die Entstehung des Bewusstseins vom Diktat seiner Gene befreit?

Voland: Ich halte diese Vorstellung für grundfalsch. Es ist unbestritten, dass das menschliche Gehirn in der Natur außer Konkurrenz ist. Aber Lernen, Reflexion, Bewusstseinsfunktionen sind trotzdem hochgradig programmgesteuert. Diese Programme sind sehr schwer zu verstehen. Manche interpretieren diese Komplexität als Freiheit, weil sie sie nicht verstehen. Eine irrige Annahme.

SPIEGEL ONLINE: Ist Verhütung ein Akt evolutionären Ungehorsams?

Voland: Wenn man der Auffassung ist, dass evolutionäre Fitness gleichzusetzen wäre mit Fruchtbarkeit, dann ja. Aber beides ist nicht immer gleichzusetzen. In gesättigten Gesellschaften, wo Populationswachstum kaum mehr möglich ist, ist es evolutionär von Vorteil, weniger Kinder heranzuziehen - diese dann aber besonders wettbewerbsfähig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Tiere, die verhüten?

Voland: Es gibt Mechanismen, die Empfängnis regulieren. Das könnten Sie in gewisser Weise als Verhütung bezeichnen. Der Eierstock der Säugetiere ist ein kompliziertes Organ, nicht bei jedem Geschlechtsverkehr findet eine Empfängnis statt. Wenn die Umstände für eine Fortpflanzung ungünstig erscheinen, wird die Entwicklung der befruchteten Eizelle eingestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklärt die Soziobiologie das Phänomen Selbstmord?

Voland: Das ist eine extrem spannende Frage, auf die es keine leichte Antwort gibt. Zuerst muss man unterscheiden: Es gibt Selbstmorde, die durch Depressionen bedingt sind. Und es gibt solche aus Motiven des Heldentums, wie bei Kamikaze-Fliegern oder Selbstmordattentätern.

SPIEGEL ONLINE: Depression ist letztlich eine Folge fehlgeschlagener sozialer Interaktion ...

Voland: ... von sozialer Konkurrenz. Man hat Probleme, soziale Anerkennung zu erlangen. Für den sich im ständigen sozialen Wettbewerb befindlichen Menschen ist der Prestigeverlust psychisch schlimmer als der Ressourcenverlust. Das sind die Kosten des Gesamtsystems. Natürlich ist der Suizid evolutionär nicht von Vorteil, aber das System der Prestigekonkurrenz als solches gesehen schon - und es kann nur funktionieren, wenn auch Kosten entstehen. Sozusagen als Warnung.

SPIEGEL ONLINE: Und warum bringen sich Selbstmordattentäter freiwillig um?

Voland: Das Phänomen Selbstmordattentäter erklärt die Soziobiologie als eine Form des Altruismus, der im Interesse der Eltern liegt, nicht im Interesse des Täters selbst. Wenn sie eines ihrer Kinder als Krieger heranziehen und opfern, dann können sie das wie eine Art Steuer für die Gemeinschaft sehen - und letztlich natürlich auch für sich selbst. Diejenigen Gemeinschaften, die nicht in die Feindabwehr investiert haben, haben letztlich auch nicht standgehalten. Es ist natürlich eine sehr inhumane Form der Steuer, man zahlt nicht mit Geld, sondern mit Menschenleben.

SPIEGEL ONLINE: Die Eltern des Selbstmordattentäters erhöhen also ihre Fitness, indem sie ihr Kind opfern?

Voland: Ja, weil sie in die Erhaltung ihres Clans investieren. Es zahlt sich ja auch direkt aus, wenn Sie sich mal moderne Konflikte anschauen: Eltern von Selbstmordattentätern bekommen die Anerkennung der Gemeinschaft und erhalten finanzielle Unterstützung. Besonders zynisch dabei ist, dass Eltern mitunter Kinder opfern, die in anderen Bereichen des Lebens nicht als große Hoffnungsträger gelten.

SPIEGEL ONLINE: Der Begründer der Theorie vom egoistischen Gen, Richard Dawkins, sprach erstmals von Memen – Ideen, Wörter, Gedanken, Lieder, Bilder, die sich wie Gene in menschlichen Gehirnen verbreiten. Ist das eine völlig neue Evolution, die hier stattfindet?

Voland: Ich persönlich stehe der Mem-Theorie eher skeptisch gegenüber. Um von Evolution sprechen zu können, brauchen wir Replikatoren, sich selbständig vervielfältigende Informationseinheiten. Meme kopieren sich ja nicht selber. Wir Menschen suchen uns die Meme heraus, die zu uns passen, und replizieren sie. Ich würde also von einem selektiven Gebrauch von Memen sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Die Mem-Forscherin Susan Blackmore befürchtet bereits eine weitere Mem-Evolution, die nicht mehr in Gehirnen, sondern im Internet stattfindet. Wenn es Maschinen eines Tages gelänge, sich selbst zu reproduzieren, könnten sie zu einer Bedrohung für den Menschen werden. Science-Fiction oder reale Gefahr?

Voland: Das ist Kulturpessimismus wie in Charlie Chaplins Film "Moderne Zeiten": Der Mensch gerät unter die Räder der Maschinen, ist nicht mehr Herr des Ganzen. Das Szenario Blackmores ist genau dasselbe, nur hat sie die Zahnräder gegen IT-Technologien getauscht. Selbst wenn es einmal so sein sollte, dass Menschen Aufgaben an intelligente Maschinen delegieren werden - ihre Autonomie werden sie nicht so leicht aus der Hand geben.

SPIEGEL ONLINE: Sind nicht Computerviren schon die erste Form sich selbst replizierender Meme?

Voland: Ja, aber ein Szenario wie von Blackmore beschrieben halte ich dennoch für ausgeschlossen unwahrscheinlich. Denn die Menschen wehren sich gegen Computerviren, entwickeln Anti-Viren-Programme.

SPIEGEL ONLINE: Darwin studierte Tiere und Pflanzen und leitete davon das Prinzip der Evolution ab. Heute haben Evolutionsbiologen eine recht kalte Sicht auf die Dinge. Was würde Darwin dazu sagen?

Voland: Es ist in der Tat eine technische Sprache, die die Evolutionsbiologen benutzen. Auch Darwin war Wissenschaftler, aber das hat ja nichts damit zu tun, dass man den Wundern der Natur nicht auch emotional gegenüberstehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Craig Venter sieht in der DNA die Software des Lebens, die er zum Wohle des Menschen beliebig programmieren möchte. Haben damit die Menschen die endgültige Herrschaft über die Gene und die Evolution erlangt?

Voland: Die Medizin hat grandiose Fortschritte gemacht, aber sie wird nie endgültig triumphieren können. Auch wenn der Mensch die DNA nutzbar macht - er hört damit nicht auf, ein biologisches Wesen zu sein. Man kann sich von der DNA nicht emanzipieren. Ohne DNA läuft einfach nichts.

Das Interview führte Jens Lubbadeh

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