Genfer Erfindermesse Kerzenwunder für die Torte

Der Frust lauert im Alltag an jeder Ecke. Die Kokosnuss etwa will sich nicht öffnen, der Maulwurf nicht aus dem Garten verjagen lassen. Wer hat sich nicht schon eine Maschine für das erste und Knallkörper für das zweite Problem gewünscht? SPIEGEL ONLINE hat auf der Genfer Erfindermesse erlebt, dass beides möglich ist.

Von , Genf


"Sophisticated Chess": Schach in drei Dimensionen verspricht dieses in der Schweiz entwickelte Spiel
Christoph Seidler

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Gleich in drei Sprachen steht der Schriftzug "Lizenznehmer gesucht" auf dem Schild an der Rückseite des kleinen Messestandes. Davor sitzt ein älterer Herr, der mit Adleraugen nach potenziellen Interessenten für seine Erfindung Ausschau hält. Jeder, der sich in seine Nähe wagt und nicht bei drei wieder das Weite sucht, muss sich auf ein halbstündiges Fachgespräch über die Vorteile eines Fahrrads gefasst machen, dessen Pedale nicht im Kreis laufen, sondern wie beim Treppensteigen auf und ab getreten werden.

Einmal im Jahr gibt es für die Tüftler dieser Welt nur eine Adresse: die Erfindermesse in Genf. Hier stellen Unternehmen, Forschungsinstitute und private Erfinder ihre Ideen der Öffentlichkeit vor. Sie hoffen vor allem darauf, diese Ideen gewinnbringend an Investoren oder Lizenznehmer zu verhökern. Die Messe, die bereits zum 33. Mal stattfindet, mutet an wie eine seltsame Kombination aus hartem Business und einer Seniorenversion von "Jugend forscht".

Erfindungsrekord im 33. Jahr

In diesem Jahr haben 735 Aussteller mit rund 1000 Erfindungen den Weg ins Kongresszentrum "Palexpo", direkt am Genfer Flughafen, gefunden - so viele wie noch nie. Die Erfindungen sind dabei nicht immer fundamentale Neuentdeckungen vom Format der Glühbirne oder des Telefons.

In den allermeisten Fällen handelt es sich bei den in Genf vorgestellten Lösungen eher um kleinere Verbesserungen, die gegen die Widrigkeiten des Alltags helfen sollen. Der Zehennagelclipper des Spaniers Saturnino Munoz Carriqui zum Beispiel, der dafür sorgt, dass man sich bei der Pediküre endlich nicht mehr bücken muss. Oder das magnetische Lesezeichen, das sich auch die Zeile merkt.



Ebenfalls im Angebot: Die Sprengfalle gegen Maulwürfe und die Getränkebüchse mit zwei Kammern vorgestellt von Cristina Salazar aus Barcelona. Sie stellt endlich sicher, dass sich Gin und Tonic erst im Mund mischen, und nicht schon in der Dose. Bleibt nur die Frage, ob die Welt das braucht.

"Bio Ocean", eine revolutionäre Reinigungsanlage für Sportboote, macht derweil den Einsatz von umweltschädlichen Anti-Faul-Anstrichen überflüssig. Der Unterwasser-Hochdruckreiniger brachte dem Franzosen Jean-Philippe Tible den großen Preis der Jury für die beste in Genf vorgestellte Erfindung ein.

"Seit ich ein kleiner Junge war, hatte ich ein Boot", sagt Tible im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Und acht Jahre lang habe er an seiner Erfindung getüftelt, mit der Boote von lästigen Ablagerungen aus Algen, Muscheln und Mikroorganismen befreit werden können. Natürlich gebe es dazu auch jetzt schon Lösungen, bestätigt Tible. Doch während die Konkurrenz auf Bürsten setze, arbeite sein Hochdruck-Verfahren kontaktlos und beschädige die Boote auf diese Weise nicht.

Kerzenhalter für die Torte

Geehrt werden die Erfinder von Genf mit einer schier unübersehbaren Flut von Preisen. Neben dem Großen Preis der Jury gibt es zahllose Sonderpreise sowie Gold-, Silber- und Bronzemedaillen in verschiedenen Kategorien. Solch ein Preis ist zum einen ein nettes Marketinginstrument, das bei der Kommerzialisierung der Erfindung helfen kann, zum anderen auch Balsam für die oft geschundene Erfinderseele. Denn nur die wenigsten Konzepte kommen tatsächlich groß raus.

Zwei-Kammer- Getränkedose aus Spanien: Gin und Tonic mischen sich erst im Mund, nicht schon in der Dose
Christoph Seidler

Zwei-Kammer- Getränkedose aus Spanien: Gin und Tonic mischen sich erst im Mund, nicht schon in der Dose

Das liegt manchmal auch daran, dass die Erfinder Lösungen für Probleme bieten, die einem bisher gar nicht als Probleme aufgefallen sind. So hat zum Beispiel der Österreicher Peter Latzel einen speziellen Kerzenhaltehalter für Geburtstagstorten erfunden, auf dem in kürzester Zeit bis zu 96 Kerzen angezündet werden können, ohne dass man sich die Finger dabei verbrennt.

Und auch die von ungarischen Tüftlern vorgestellte magnetische Wandfarbe scheint so eine Erfindung zu sein, die eigentlich niemand ganz dringend braucht. Der Anstrich macht besonders schnelle Tapetenwechsel möglich: einfach frische Magnettapete an die magnetische Wand kleben - und fertig. "Alle auf der ganzen Welt können das brauchen", sagt Andreas Csurgo.

Privathaushalte, Geschäftsleute, Filmstudios - sie alle könnten von seiner Farbe profitieren. Sogar Schränke könne man ganz einfach mit Magneten an die Wand hängen. Nie wieder Löcher bohren also. In seinem Büro, sagt Csurgo, mache er das schon so. Und genau genommen sei die Wandfarbe auch gar nicht magnetisch, sondern nur dank eingebetteter Metallteilchen magnetisierbar. Angst vor Elektrosmog müsse man also nicht haben.

Gin und Tonic aus zwei Kammern

Bei anderen Erfindungen lässt sich die Frage gar nicht so leicht beantworten, ob die Welt sie nun braucht oder nicht. Der Kokosnussschäler von Mohamed Amir Bin Tukiman aus Malaysia - vermarktet unter dem hübschen Slogan "Überlassen Sie das Kokosnussschälen der Maschine" - mag in Europa kein Kassenschlager werden, in anderen Teilen der Erde vielleicht schon.

Wie sehr die Messe tatsächlich ihrem Anspruch genügen kann, Erfinder und Investoren zusammen zu bringen, darüber gehen die Meinungen auseinander. Gerard Sermier, Pressechef der Messe, verweist darauf, dass es im vergangenen Jahr immerhin Umsätze von 30 Millionen Dollar gegeben hätte. Und auch Cristina Salazar, die junge Spanierin mit der Zwei-Kammer-Getränkebüchse sagt, sie habe "viele wichtige Kontakte geknüpft".

Sportartikelhersteller Rudi Scheib aus Ulm, der in Genf einen faltbaren Schlitten aus Kunststoff vorstellt, ist weit weniger euphorisch: "Das Publikum ist insgesamt nicht das, was ich erwartet habe. Ich hatte vermutet, dass mehr Fachbesucher hier sind." Und auch der aus Süddeutschland stammende Rentner Eugen Fleisch, der zum ersten Mal auf der Genfer Messe ausstellt, ist nicht recht zufrieden: "Ich hatte nicht in dem Maße Kontakte, wie ich es mir gewünscht hätte." Fleisch hat einen revolutionären Schutzhelm, zum Beispiel für Freizeitsportler, entwickelt und sucht nun nach Lizenznehmern. Doch das ist schwierig. So resümiert denn auch der Österreicher Peter Latzel: "In Europa gibt doch niemand etwas für eine Idee".



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