Genforschung Baupläne für tödliche Tumoren entschlüsselt

Krebs in der Bauchspeicheldrüse und aggressive Hirntumoren enden meist tödlich. Warum, ist bislang unbekannt. Jetzt haben Forscher Gene entdeckt, die den Tumoren beim Wachsen helfen. Davon erhoffen sie sich neue Therapieansätze.


Als Edward Kennedy an einem Samstagmorgen im Mai plötzlich zuckend am Boden lag, wurde sofort ein Rettungshubschrauber gerufen. Der flog den US-Senator in eine Bostoner Klinik, wo die Ärzte bald die traurige Gewissheit verkündeten: Ted Kennedy hat Krebs, einen besonders gefährlichen Hirntumor, ein Glioblastom.

DNA-Molekül (Grafik): Jeder Tumor hat seine eigene Mixtur von Genveränderungen
Max-Planck-Institut für Informatik

DNA-Molekül (Grafik): Jeder Tumor hat seine eigene Mixtur von Genveränderungen

Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 2000 Menschen neu an einem Glioblastom. Der aggressive Tumor ist schwer zu behandeln und kaum zu besiegen: Operationen können das Wachstum vorübergehend aufhalten, aber nicht stoppen. Bestrahlung und Chemotherapie verlängern die Lebenszeit, heilen aber nicht. Nach fünf Jahren leben nur noch maximal zwei Prozent der Erkrankten, die meisten sterben schon innerhalb des ersten Jahres nach der Diagnose.

Warum die Geschwulst mit solcher Macht wuchert, verstehen Wissenschaftler bislang nicht. Doch nun haben sich gleich mehrere Forscherteams daran gemacht, das Erbgut von Erkrankten genauer zu untersuchen. Wie die Gruppe um Linda Chin von der Harvard Medical School in Boston (US-Bundesstaat Massachusetts) im Fachmagazin "Nature" online vorab berichtet, haben sie die Genome von 206 Patienten mit Glioblastom analysiert, die ihre Zellen zur Untersuchung freigegeben hatten. Gleichzeitig veröffentlichen Wissenschaftler vom Johns Hopkins Kimmel Cancer Center in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland) ihre Untersuchung an 22 Menschen mit Glioblastom im Fachblatt "Science".

Grundlage für die "Nature"-Studie ist der Cancer Genome Atlas, in dem Forscher alle relevanten Genfehler bei jeder der 230 bekannten menschlichen Krebsarten zusammentragen. In den Geweben der Glioblastom-Patienten sequenzierten die Wissenschaftler insgesamt 601 Gene und stießen auf drei Mutationen, von denen sie bislang nicht wussten, dass sie eine Rolle bei der Entstehung des Hirntumors spielen. Die Gene waren allerdings - wie etwa ERBB2 und PIK3R1 - bereits von anderen Tumorarten bekannt.

Guerillakrieg gegen Krebs

Das "Science"-Team um Williams Parsons sequenzierte über 20.000 Gene von 22 Glioblastom-Geweben. Es identifizierte im Durchschnitt 60 Genmutationen, die bei jedem Tumor eine Rolle spielen und fand zusätzlich Tumorzellen mit zu vielen oder zu wenigen Genkopien.

Die Forscher hoffen nun, durch die Kenntnis der mutierten, überzähligen oder fehlenden Gene neue Ansätze für Therapien zu finden. "Wenn Sie 100 Patienten haben, dann haben Sie auch 100 verschiedene Krankheiten", sagte Co-Autor Bert Vogelstein vom Johns Hopkins Kimmel Cancer Center. Jeder Tumor habe seine eigene Mixtur von Genveränderungen. Das spricht nach Meinung der Forschergruppen für eine individuelle Behandlung je nach Form, Ausprägung und Stadium der Erkrankung.

Neben der Untersuchung der Glioblastome analysierten die Johns-Hopkins-Wissenschaftler auch die Gene von Patienten mit Krebs in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas). Dieser Tumor ist ebenfalls sehr aggressiv und nur schwer zu behandeln. Fünf Jahre nach der Diagnosestellung leben - wie beim Glioblastom - nur noch ein bis zwei Prozent der Erkrankten. Im Durchschnitt entdeckten die Experten pro Patient 63 genetische Veränderungen bei einem Pankreastumor.

Die Arbeiten können dabei helfen, eines Tages die Diagnose und die Therapie dieser schweren Erkrankungen zu verbessern, schreiben die Forscher in "Science". Jedoch seien bis dahin noch weitere, große Studien notwendig, betonen die Experten. "Die Landschaft der bösartigen Tumoren ist noch komplexer als angenommen", sagte Kenneth Kinzler, der ebenfalls am Johns Hopkins Kimmel Cancer Center arbeitet. Angesichts der Dutzenden von mutierten Erbanlagen in jedem Tumor ähnele der lange Kampf gegen den Krebs mehr einem Guerilla- als einem konventionellen Krieg.

hei/dpa



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