Genforschung Der Neandertaler ist entziffert

Im Erbgut heutiger Menschen finden sich Spuren des Neandertalers. Das konnten Forscher 2010 endlich mit Sicherheit sagen, nachdem sie den größten Teil des Frühmenschen-Genoms entschlüsselt haben - ein wichtiges Puzzlestück der menschlichen Evolution.

Rekonstruktion eines Neandertalers: Rohversion des Frühmenschen-Erbguts liegt vor
DPA / Wissenschaftliche Rekonstruktionen: W.Schnaubelt/N.Kieser (Wildlife Art) für Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Rekonstruktion eines Neandertalers: Rohversion des Frühmenschen-Erbguts liegt vor


Rund vier Jahre dauerte die Fleißarbeit: Aus winzigen Proben von 38.000 Jahre alten Knochen dreier Neandertaler-Frauen isolierten Forscher mehr als eine Milliarde kurze DNA-Schnipsel. Sie waren hochgradig verunreinigt - mehr als 95 Prozent des gewonnenen Materials bestanden aus der DNA von Mikroorganismen. Trotzdem gelang es dem internationalen Team um Svante Pääbo am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, eine Rohversion des Frühmenschen-Genoms zu rekonstruieren.

Ihre Arbeit ermöglicht nun einen genaueren Blick auf die menschliche Evolution. Warum starb der Neandertaler vor rund 30.000 Jahren aus, während sich der Homo sapiens auf fast dem gesamten Erdball verbreitete? Welche Gene machten den entscheidenden Unterschied? Und: Zeugten die zwei Menschenarten in den Jahrtausenden, in denen sie nebeneinander lebten, gemeinsame Kinder? Das nun entschlüsselte Frühmenschen-Genom hilft, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Die Wissenschaftler verglichen das Neandertaler-Erbgut mit dem von fünf heute lebenden Menschen aus verschiedenen Regionen - von Afrika über Westeuropa bis Papua-Neuguinea. So stellten sie fest, dass das aus rund drei Milliarden Bausteinen bestehende Erbmaterial vom Homo neanderthalensis dem vom Homo sapiens zu 99,7 Prozent gleicht. Und: Ein bis vier Prozent des Erbguts moderner Menschen stammen vom Neandertaler - zumindest gilt das für alle, die nicht aus Afrika stammen.

Damit scheint klar: Neandertaler und Homo sapiens hatten Sex, als sie in der Zeit vor 50.000 bis 100.000 Jahren gemeinsam im Mittleren Osten lebten. So lässt sich erklären, dass sich bei Ostasiaten ebenso wie bei Europäern die verräterischen Genspuren finden, bei Afrikanern aber nicht.

Der Blick ins Erbgut zeigt einige auffällige Unterschiede - unter anderem bei zwei Genen, die für den Energiestoffwechsel und die Skelettentwicklung eine Rolle spielen. Auch bei drei Genen, die die geistige Entwicklung mitsteuern, finden sich spezifische Veränderungen, die nur beim modernen Menschen auftreten. Es ist gut möglich, dass sie alle zum entscheidenden Überlebensvorteil des Homo sapiens beigetragen haben.

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wbr



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