Genforschung Schlüssel-Mechanismus des Alterns entdeckt

Ein Leben ohne Altern? Der Wunschtraum ist zwar noch weit entfernt, aber Forscher verstehen jetzt immer besser, warum der Körper nicht ewig jung bleibt. Schuld sind offenbar überforderte Gene, die sowohl Reparaturen überwachen als auch andere Gene steuern müssen.


Wenn die Falten tiefer, das Gehirn langsamer und die Knie dicker werden, wünschen sich viele nur eines: das Altern aufzuhalten. Doch der Prozess schreitet unaufhörlich voran, jede Stunde, jede Sekunde. Die Sonne brennt ihre Spuren in die Haut, und auch Alkohol, Zigaretten und fettes Essen vergisst der Körper nicht. Mit einer Armada von Abwehrmechanismen versucht er zwar, sich gegen den Verfall zu wehren - doch vergebens. Seine Reparaturenzyme, Fresszellen und Antikörper reichen nicht aus. Nach durchschnittlich sieben bis acht Jahrzehnten ist Schluss.

Senioren beim Eislaufen: Forscher suchen nach dem Geheimnis des Alterns
Celerina Tourismus/Stefan Sieber/gms

Senioren beim Eislaufen: Forscher suchen nach dem Geheimnis des Alterns

Was genau allerdings im Körper dazu führt, dass Zellen und Organe schlapp machen, wissen Forscher bislang nur ansatzweise. Ausgerechnet winzige Einzeller könnten jetzt einen Teil der Antwort liefern: Hefepilze. Bei ihnen sind offenbar die gleichen Genklassen wie bei Säugern dafür zuständig, dass die natürlichen Prozesse aus dem Ruder laufen, sprich: die Zellen sterben und am Ende der gesamte Organismus aufgibt.

Ein Team um Philipp Oberdörffer und David Sinclair von der Harvard Medical School in Boston (US-Bundesstaat Massachussetts) hat Alterungsprozesse bei Hefepilzen mit denen von Säugetieren verglichen - und verblüffende Parallelen gefunden. Die Schlüssel zum Altern heißen demnach Sirtuine. Das sind Gene, die vor allem zwei wichtige Aufgaben haben, wie die Forscher in der Fachzeitschrift "Cell" berichten: geschädigte DNA zu reparieren und andere Gene an- und auszuschalten. Von Hefepilzen ist das bereits seit Jahren bekannt, jetzt haben die Forscher den Mechanismus auch in Stammzellen von Mäusen gefunden.

In jeder Zelle eines Organismus sind zwar dieselben Gene vorhanden, doch nicht alle arbeiten am selben Ort und zur selben Zeit. In einer Nierenzelle etwa sind normalerweise alle Leber-Gene abgeschaltet. Wenn sie dennoch aktiv werden, können sie die Nieren schädigen. Die Aufsicht darüber liegt unter anderem beim Sirtuin-Gen Sirt1, das unter normalen Bedingungen dafür sorgt, dass inaktive Gene im Chromatin-Geflecht (bestehend aus DNA und Proteinen) verpackt und untätig bleiben.

Aufpassen und reparieren funktioniert nicht

Doch Sirt1 hat noch einen anderen wichtigen Job: Wann immer ultraviolettes Licht oder freie Radikale das Erbgut schädigen, muss es zu Hilfe eilen und die DNA-Reparaturmechanismen in Gang setzen. Dafür aber muss es die Überwachung der Gen-Aktivität vorübergehend aufgeben - und das hat Folgen: Häufig beginnt das Chromatin sofort, die Gene auszupacken, die dann aktiviert werden. Zwar kann Sirt1 wieder an seinen Aufpasserposten zurückkehren und die Gene erneut verpacken. Je älter die Mäuse aber werden, desto größer wird die Zahl der DNA-Schäden.

Oberdörffer testete daher, wie die Mäuse auf zusätzliche Sirtuine reagierten. Dazu fütterte er die Tiere mit Resveratrol, das die Entstehung von Sirtuinen ankurbelt. Resveratrol kommt in Rotwein und Ölen vor und soll vor Krebs und Arterienverkalkung schützen. Tatsächlich konnte Oberdörffer eine Verbesserung messen: Resveratrol führte dazu, dass sich das Leben der Mäuse um 24 bis 46 Prozent verlängerte.

Das Team um Oberdörffer behauptet gar, es hätte den ersten grundlegenden Mechanismus für Alterungsprozesse entdeckt. Doch auch deutsche Wissenschaftler haben Sirtuine und ihre Auswirkungen auf Alterungsprozesse bereits untersucht. Wie Eva Bober vom Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim Anfang 2008 zeigte, stärkt das Sirtuin namens Sirt7 offenbar die Widerstandskraft gegen Stressreize von außen. Da mit zunehmendem Alter auch weniger Sirtuine hergestellt würden, schreite der Alterungsprozess immer rasanter voran.

Ob sich die Alterung allerdings verlangsamen lässt und sie beim Menschen auf dieselbe Art vonstatten geht wie bei der Maus, haben die Forscher mit ihren Studien nicht beantwortet. Noch nicht.

hei



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