Gentechnik Geklonte Zellen erhöhen Lebenserwartung

Das ewige Leben rückt in greifbare Nähe: Einer Studie zufolge könnten Tiere, die aus den Zellen von Föten geklont werden, bis zu 50 Prozent länger leben als normale Tiere. Die Forschungsergebnisse sollen auch für die Behandlung menschlicher Erkrankungen von Bedeutung sein.


Washington - Die Studie wird von einem internationalen Forscherteam aus den USA und Kanada in der neuen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science" vom Freitag vorgestellt. Ein begleitender Artikel weist darauf hin, dass andere, bisher noch nicht veröffentlichte Studien mit Rindern und Mäusen denselben Schluss zulassen.

Dolly
DPA

Dolly

Die Wissenschaftler sehen "die reelle Chance, dass geklonte Tiere 50 Prozent länger leben könnten als ihre normalen Gegenüber - bis zum Alter von 180 bis 200 Jahren im Fall von Menschen", heißt es in dem Begleitartikel von "Science". Viel versprechend ist dieses Ergebnis vor allem für das Vorhaben, aus geklonten Zellen einmal Ersatzgewebe für Menschen mit schweren Leiden wie Leberversagen oder der Parkinsonschen Krankheit herstellen zu können.

Dabei hatte die Hoffnung auf frisches Klongewebe nach der Geburt des ersten geklonten Schafes Dolly einen empfindlichen Dämpfer erfahren. Denn wie sich herausstellte, wiesen Dollys Zellen bereits zum Zeitpunkt der Geburt eindeutige Alterungsmerkmale auf.

Die Enden der Chromosomen in Dollys Zellen, Telomere genannt, sind kürzer als normal - ein deutliches Zeichen für fortgeschrittenes Alter. Das Team um Robert Lanza von dem Unternehmen Advanced Cell Technology (ACT) im US-Staat Massachusetts stellte jedoch in "Science" vor, dass es auch anders geht. Das Lanza-Team klonte seine Versuchskälber aus Zellen von Föten. Die dadurch entstandenen Tiere haben wesentlich längere Telomere als normale Kälber und zeigen noch andere Zeichen von Jugend. So teilen sich ihre Zellen im Durchschnitt 93 Mal im Vergleich zu den Zellen von ungeklonten Tieren, die sich nur 61 Mal teilen.

Und so lief der Versuch ab: Lanza und Kollegen aus Philadelphia und Vancouver nahmen Zellen von Kalbsföten und erlaubten ihnen, sich mehrere Monate lang zu teilen. Am Ende zeigten die Zellen normale Zeichen von Altern, wurden größer, sammelten zellulären Abfall an und hatten kürzere Telomere. Die Kerne dieser alternden Zellen übertrugen die Forscher in entkernte Eizellen und ließen sechs so entstandene Embryos austragen.

Die Tiere zeigten, wie seit Dolly zu erwarten, bei ihrer Geburt typische Zeichen von fortgeschrittenem Alter, Bluthochdruck und Atemprobleme. Nach zwei Monaten aber revidierte sich der Prozess und die sechs Klon-Kälber wirkten gesund und normal. Fünf bis zehn Monate nach der Geburt ergab eine Untersuchung ihrer Blutzellen, dass die Telomere inzwischen länger waren als die von Kälbern gleichen Alters und sogar länger als die von normalen, nicht geklonten Kälbern unmittelbar nach Geburt.

Ein anderer Versuch bestätigte das Ergebnis. Ein Kollege von Lanza, der Telomer-Experte Jerry Shay von der Universität von Texas in Dallas, kann sich das überraschende Resultat nur so erklären: die vergleichsweise kurzen Telomere am Anfang ihrer Entwicklung könnten die Embryos zur "Überkompensation", das heißt, zum Wachstum besonders langer Telomere anregen.



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