Gentechnik Reis-Erbgut ist entziffert

Ein internationales Forscherteam hat das Erbgut von Reis nahezu vollständig erschlossen. Die Wissenschaftler hoffen jetzt, besonders ergiebige und widerstandsfähige Sorten der Pflanze herstellen zu können - um künftig Hungersnöte in weiten Teilen der Welt zu verhindern.


Afghanischer Bauer, zum Trocknen ausgelegter Reis: Pflanzen-Genom entziffert
DPA

Afghanischer Bauer, zum Trocknen ausgelegter Reis: Pflanzen-Genom entziffert

Es könnte ein Meilenstein in der Ernährungsforschung sein: Das Erbgut von Reis, der große Teile der Weltbevölkerung ernährt, ist nahezu vollständig entziffert. Die am meisten verbreitete Sorte mit dem Namen Oryza sativa bestehe aus 37.544 Einzelgenen auf zwölf Chromosomen, schreiben die Mitglieder des International Rice Genome Sequencinq Project (IRGSP) im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Bd. 436, S. 793). Damit hat Reis mehr Gene als der Mensch, der zwischen 20.000 und 25.000 Erbfaktoren besitzt.

Die Ergebnisse, an denen Forscher aus zehn Ländern sechs Jahre lang gearbeitet haben, könnten ein wichtiger Schritt zur Entwicklung neuer Reissorten sein. Für mehr als die Hälfte aller Menschen ist Reis die Grundlage des täglichen Überlebens. Mit den neuen Daten könnte die Zucht besonders ertragreicher und widerstandsfähiger Sorten beschleunigt werden, sagte Projektleiter Richard McCombie. So könne der wachsende Nahrungsbedarf der Weltbevölkerung gedeckt werden.

Reis ernährt laut den Vereinten Nationen täglich rund drei Milliarden Menschen. Die weltweite Produktion wurde in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt, doch bis 2025 wird damit gerechnet, dass 4,6 Milliarden Menschen von Reis als Nahrungsmittel abhängig sein werden. Um diese Nachfrage zu decken, müsste die Produktion nochmals um 25 Prozent steigen.

Das IRGSP-Team hat 95 Prozent des Erbguts sequenziert, darunter nahezu alle DNA-Bausteine der Reispflanze, die Gene bilden. Zwar gab es bereits zuvor Sequenzentwürfe, die einen ersten Einblick in das Reisgenom erlaubten. Doch die neue, viel bessere Auflösung der nun vorgestellten Erbgutsequenz ermögliche es, die Funktion weiterer wichtiger Gene zu identifizieren, schreiben die Forscher. Die Gensequenz ist öffentlich in der GenBank der amerikanischen National Institutes of Health zugänglich.

Das Reis-Genom sei auch der Schlüssel zum Verständnis des Aufbaus vieler anderer Getreidesorten, schrieb Forschungsteam-Mitglied Joachim Messing von der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey. Er verglich die Entschlüsselung mit dem Fund des Rosettasteins in Ägypten, der wegen identischer Inschriften in drei Sprachen im 19. Jahrhundert maßgeblich zur Entzifferung der Hieroglyphen beigetragen hatte.



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