Gentherapie Experten warnen vor zu großer Hoffnung

Zwischen theoretischem Wissen über das Erbgut und dessen praktischen Nutzung klafft eine große Lücke. Die Mediziner auf dem Weltgesundheitskongress in Hannover berichteten, dass die Gentests zur Krankheitsdiagnose, die eine gezieltere Therapie ermöglichen, Erfolg versprechend seien.


Hannover - Nach Auskunft von Felix Mitelman, Professor an der Universität Lund in Schweden, sind etwa 600 verschiedene Erbgutfehler bekannt, bei denen ein Gen oft ohne erkennbare Ursache an einen falschen Ort gelangt ist und dadurch Krebs auslöst. "Bei jedem Tumor gibt es eine spezielle Genveränderung."

Gentherapie ist noch nicht ausgereift
AP

Gentherapie ist noch nicht ausgereift

Wenn der Arzt diese kennt, könnte er, so die Hoffnung, genau das Eiweiß angreifen, das bei diesem Krebs zu häufig oder in falscher Form produziert wird. Bei einer Form der chronischen myeloischen Leukämie (Blutkrebs) seien damit schon erste Erfolge erzielt worden.

Einen Einsatz der Gendiagnose bei Brustkrebs nannte Jonathan Knowles, Forschungsdirektor bei Hoffmann-La Roche in Basel. So sei das Mittel Herceptin nur bei einer ganz speziellen Genveränderung wirksam, die einen Typ des Tumors auslöst.

Bob Williamson vom Royal Children's Hospital in Melbourne sprach sich dafür aus, klinische Versuche erst zu beginnen, wenn genügend Grundlagenforschung geleistet sei. Sonst könnten sie falsche Hoffnungen wecken. In den vergangenen zehn Jahren habe es etwa 400 bis 500 Versuche der Gentherapie am Menschen gegeben, jedoch erst einen wirklichen Erfolg.

Die weitgehende Entzifferung des menschlichen Erbmaterials brachte den Forschern eine Reihe neuer Probleme: "Die Gene zu finden, ist schwieriger, als wir dachten", bekannte Jean Weissenbach vom Nationalen Zentrum für Gensequenzierung in Evry (Frankreich). Nach neuesten Schätzungen einiger Forscher hat der Mensch nicht rund 100.000 sondern nur 25.000 Gene, etwa doppelt so viele wie die Fruchtfliege Drosophila. Der Unterschied zwischen dem Menschen und diesen Tieren liege wahrscheinlich vor allem in der Steuerung der Gene, sagte Weissenbach. Sie sei beim Menschen wesentlich vielfältiger, aber noch kaum verstanden.

Der Kongress, der parallel zur Expo stattfindet, dauert noch bis zum 20. August. Das für Dienstag geplante Tagesforum zum Thema Krebs wurde abgesagt.



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