Reparaturen im 18. Jahrhundert Das Rätsel des Präsidenten-Klebers

Im 18. Jahrhundert rührten viele Haushalte ihren Kleber selbst an. Die Rezepte enthielten Stoffe wie Bullenblut und Schlangenschleim. Auch die Mutter des ersten Präsidenten der USA setzte auf hausgemachte Mixturen.

The George Washington Foundation

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Uhu und Pattex gab es nicht. Im 18. Jahrhundert stellten viele Haushalte ihren Kleber noch selbst her und ließen sich von Rezepten aus Zeitschriften und Büchern inspirieren. Auch im Elternhaus von George Washington, dem ersten Präsidenten der USA, fanden Forscher Geschirr, das mit selbstgemachtem Kleber geflickt wurde. Eine Analyse der Stücke zeigt, mit welchen Stoffen die Leute dabei hantierten.

Um herauszufinden, aus welchen Zutaten Familie Washington in den Jahren 1738 bis 1772 ihren Kleber anrührte, haben die Forscher nun versucht, einige Rezepte aus der Zeit nachzukochen. Die Zutatenlisten hatten es mitunter in sich.

Einige Rezepte hätten gar nicht repliziert werden können, weil Inhaltsstoffe wie Bullenblut oder "weißer Schleim von großen Schlangen" schwer zu bekommen waren, berichten die Wissenschaftler um Mara Kaktins von der George Washington Foundation und Ruth Ann Armitage von der Eastern Michigan University in einem Artikel aus dem Jahr 2016.

Knoblauchkleber war besonders effizient

Das geflickte Geschirr aus George Washingtons Elternhaus wurde bereits vor einigen Jahren entdeckt, die Untersuchungsergebnisse der Kleber sind der breiten Öffentlichkeit bislang allerdings kaum bekannt. Armitage berichtete im Februar 2019 auf der Wissenschaftskonferenz AAAS in Washington erneut von der Forschung.

Nachdem sie die Rezepte mit Bullenblut und Schlangenschleim verworfen hatten, testeten die Forscher zunächst eher simple Mixturen. Die Kleber basierten typischerweise auf Balg - also bearbeiteter Tierhaut -, Käse oder Harz. Im ersten Versuch mischten die Wissenschaftler geriebenen Hartkäse, Milch und Löschkalk. Später probierten sie ein Rezept aus Balg, Weinbrand und Branntkalk aus oder nutzen Bienenwachs, Harz und Branntkalk als Zutaten.

Der effizienteste Kleber war ein etwas komplizierteres Gemisch aus Balg, Weinbrand, Knoblauchsaft, Ochsengalle, verschiedenen Harzen, Essig, Branntkalk und Fischleim. Die Forscher klebten damit eine zerbrochene Kindertasse, die heute, mehr als fünf Jahre später, noch stabil ist.

Geflicktes Geschirr diente wahrscheinlich als Deko

Mit dem nachgemachten Kleber repariertes Geschirr lagerten die Wissenschaftler für ein halbes Jahr bei unterschiedlicher Luftfeuchtigkeit, Temperatur und verschiedenem Druck. Ein paar Stücke vergruben sie auch unter der Erde. Das sollte die Zeit simulieren, in der sie unbemerkt im Keller des ungefähr 1830 abgerissenen Hauses der Washingtons lagerten.

Anschließend verglichen die Forscher die Stücke mit sieben geklebten Originalteilen aus dem Haus der Washingtons. Besonderes Augenmerk lag dabei auf einer Schüssel, die zwischen 1765 und 1772 in England gefertigt wurde. "Üblicherweise reichten Gäste solche Gefäße bei Feiern herum und tranken eine Art Punsch daraus", berichten die Forscher.

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Archäologie: Kleber-Test im Hause Washington

Der Kleber auf der Schüssel ist als hellbraune Substanz zu erkennen, im Inneren wurde die Masse gut sichtbar über die Fugen geschmiert. Weil der Kleber dort kaum Kratzer trägt, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass das Gefäß nach der Reparatur nicht mehr benutzt wurde und als Deko diente. Im Test zeigte sich außerdem, dass keiner der Kleber warmem Wasser standhielt. Zum Punsch trinken war die reparierte Schüssel also ungeeignet.

"Möglicherweise hat die Mutter von George Washington, Mary Ball Washington, die Stücke geflickt, weil sie emotional an ihnen hing oder sie dienten ihr als Statussymbol", schlussfolgern die Forscher.

Reizstoffe im Einsatz

Untersuchungen unter dem Mikroskop zeigten schließlich, dass die Kleber auf den sieben Originalstücken dem nachgemachten Käsekleber stark ähnelten. Die Washingtons haben ihr Geschirr demnach meist mit käsehaltigem Kleber geflickt. Die Proteine und das Fett im Käse zersetzten sich dabei über die Zeit. Die Masse enthielt letztlich ausschließlich die verwendeten Kalkbestandteile.

Chemische Analysen im Massenspektrometer bestätigten das Ergebnis, mit einer Ausnahme: Auf der Punsch-Schüssel fanden die Wissenschaftler neben den Kalkrückständen auch Reste von Harz. Sie wurde offenbar mit einem Harzkleber geflickt, im Rezept waren außerdem Bienenwachs und erhitzte Kiefer enthalten. Dass unterschiedliche Rezepte im Einsatz waren, deute darauf hin, dass im Haus der Washingtons öfter Geschirr geklebt wurde, so die Wissenschaftler.

Lage von George Washingtons Elternhaus

Da sie im Geschirr keine professionellen Bohrlöcher oder Metallbefestigungen fanden, gehen sie davon aus, dass Mary Washington sie eigenhändig reparierte. "Das Geschirr zu kleben war zeitaufwendig und man hatte mit potenziell schädlichen Stoffen zu tun", schreiben die Forscher.

Der in den Rezepten genutzte Brannt- und Löschkalk ist ein Reizstoff, der die Augen schädigen kann und leicht ätzend ist. Es hätte daher nahegelegen, die Aufgabe an Fachleute abzugeben, dafür gibt es allerdings keine Hinweise. Auch in den Unterkünften der Sklaven, die die Familie hielt, fand sich kein geflicktes Geschirr.



insgesamt 6 Beiträge
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upalatus 19.03.2019
1.
Hochinteressantes Thema! Auch bereits in vorgeschichtlicher Zeit wurde zerbrochene Keramik (weil teuer, vielleicht kultisch bedeutsam oder einfach nur aus Sparsamkeit) per Verschnürung über Löcher wieder zusammengefügt plus dem Universalpapp Birkenpech. In einer Klosterbibliothek bekam ich für eine Recherche mal ein uraltes Handwerkerbuch in die Hand, das voll war mit heute sehr seltsam anmutenden Tipps, Tricks und Rezepten für Möbelzimmerer.
fehleinschätzung 19.03.2019
2. und nun, welches Rezept
koche ich nach, damit es hält?
trafozsatsfm 19.03.2019
3. Wer weiß...?
"Dass unterschiedliche Rezepte im Einsatz waren, deute darauf hin, dass im Haus der Washingtons öfter Geschirr geklebt wurde, so die Wissenschaftler." Vielleicht ist es zwischen den Eheleuten ja auch hoch hergegangen... könnte Rückschlüsse auf das Privatleben der Washingtons zulassen. ;) Sorry, diesen unwissenschaftlichen Kommentar konnte ich mir jetzt nicht verkneifen.
frenchie3 20.03.2019
4. Man hätte die Forscher darauf hinweisen können
daß man Bullenblut in ausreichenden Mengen beim Metzger oder im Schlachthof bekommt. Wenn die es natürlich beim Roten Kreuz anlässlich eines Blutspendetages im Polizeirevier versucht...
kleinsteminderheit 20.03.2019
5. Wenig erstaunlich
Das liest sich wie ein spannender Ausflug in die Hexenküche. Dabei verbergen sich hinter diesen Ingredienzien absolut übliche Leime der damaligen Zeit. Löschkalk und Milchprodukte? Das war wohl ein Kaseinleim, wie ihn jeder Anstreicher nutzte. Häute? Man könnte sich mal informieren, wie Hasenleim hergestellt wurde. Auch die meisten anderen Zutaten klingen für Restauratoren oder interessierte Laien wenig geheimnisvoll. Wieder mal ein Artikel, bei welchem dem Autor etwas mehr Hintergrundrecherche gut zu Gesicht gestanden hätte.
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