Geplantes Gentestgesetz Bio-Datenbanken ohne Datenschutz

Arbeitgeber, die sich über den Gesundheitszustand von Bewerbern informieren, Versicherungen, die ihre Beiträge an der Fitness ihrer Kunden bemessen. Mit der unbeschränkten Ausbeutung von Gendatenbanken wäre diese Horrorvision von Datenschützern Realität. Ein Gentest-Gesetz soll dem vorbeugen, die Umsetzung kommt aber nur zögerlich voran.

Von Holger Kulick


 Spiros Simitis, Vorsitzender des Nationalen Ethikrats
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Spiros Simitis, Vorsitzender des Nationalen Ethikrats

Berlin - "Es wird nicht morgen oder übermorgen sein, aber die Zeit ist jetzt günstig für solch ein Gesetz", sagt Spiros Simitis, der Vorsitzende des Nationalen Ethikrats. Ihm geht es um baldige gesetzliche Regelungen, den kommerziellen Missbrauch von Genanalysen zu verhindern und zu unterbinden, dass Chefs und Versicherungen Kenntnisse über genetisch veranlagte chronische Erkrankungen gegen ihre Angestellten oder Versicherten benutzen können.

Das Gremium, das Gerhard Schröder im Juni 2001 "als nationales Forum des Dialogs über ethische Fragen" einberufen hat, beriet diese Tage öffentlich in Berlin, ob Biobanken eine "Chance für den wissenschaftlichen Fortschritt" bieten oder den "Ausverkauf der Ressource Mensch" bedeuten.

Biobanken sind laut Definition des Ethikrats "Einrichtungen zur langfristigen Speicherung von Substanzen des menschlichen Körpers wie Zellen, Gewebe und Blut", also eine Art menschliches Archiv. Sie sollen als Grundlage für die Entwicklung präziserer therapeutischer Verfahren und Medikamente dienen, um Volkskrankheiten wie Rheuma, Bluthochdruck, Diabetes oder Asthma individuell effizienter zu behandeln.

Solche Genbanken sind allerdings aufwendig und die Erfolgsaussichten ungewiss, zumal die Entwicklung des Menschen nicht nur von seinen genetischen Grundlagen, sondern maßgeblicher auch von Umwelteinflüssen abhängt. Doch vor allem die Pharmaindustrie drängt und geht bereits eigene Wege, bevor die rechtlichen Grundlagen überhaupt geschaffen sind.

Privatisiertes öffentliches Forschungsgut

So gut wie entschlüsselt: Die Doppel-Helix-Struktur der menschliche DNA im Modell....
AFP

So gut wie entschlüsselt: Die Doppel-Helix-Struktur der menschliche DNA im Modell....

Beispiel Island. Die Insel gilt mit ihren 286.000 Einwohnern als optimaler Ort für Forschungen auf dem Gebiet der so genannten "populations genomics". Dort erhielt die Gentechnologiefirma "deCODE" im Jahr 2000 die Privatlizenz, um eine zentralisierte Gesundheitsbank aller Bürger des Landes aufzubauen, die mit einer genetischen und genealogischen Datenbank gekoppelt werden kann.

Das Gesetz hat laut isländischen Kritikern wie der Philosophin Sigridur Thorgeitsdottir von der Universität Helsinki ein schwer wiegendes Manko. Es geht von der angenommenen Einwilligung des Patienten für die Datenerfassung aus. Datenschutzrechtlich wäre aber ein ausdrückliches Einverständnis wichtig, das eine ausführlichen Aufklärung darüber voraussetzt, was mit den persönlichen Daten und den daraus gewonnenen Erkenntnissen geschieht.

Dem isländischen Vorzeigeprojekt sagen seine Kritiker ein weiteres Manko nach. So ging die Firma einen millionenschweren Deal mit einem Schweizer Pharmakonzern ein und sicherte diesem Exklusivrechte an den Daten zu. Deren Anonymisierung sei aber nur schwer überprüfbar, beklagen die Kritiker.

...und DNS-Stränge aufgenommen mit dem Rasterkraft-Mikroskop. Forscher wollen schon in 20, 30 Jahren Medikamente auf das individuelle Gen-Profil eines Patienten zuschneidern können.
DPA

...und DNS-Stränge aufgenommen mit dem Rasterkraft-Mikroskop. Forscher wollen schon in 20, 30 Jahren Medikamente auf das individuelle Gen-Profil eines Patienten zuschneidern können.

Überdies habe die Firma eine schwere Hürde für andere Wissenschaftler aufgebaut. "Die exklusive, auf zwölf Jahre angelegte Lizenz bedeutet, dass externe Wissenschaftler die Daten nicht benutzen können, wenn ihre Forschungen möglicherweise in Widerspruch zu den Interessen der Firma stehen", kritisiert Thorgeitsdottir.

Ist aber die Privatisierung von Gesundheitsdaten überhaupt zulässig oder sind sie öffentliches Gut und müssten eigentlich unter staatlicher Verwaltung bleiben? Und gibt es wenigstens einen unmittelbaren Nutzen für diejenigen, die ihre Daten als Spende zur Verfügung stellen?

Biopiraterie auf der Asthma-Insel

In manchen Fällen ist das sehr fraglich. So wusste die Hamburger Bio-Wissenschaftlerin Ingrid Schneider dem Ethikrat von einem Fall zu berichten, in dem rund 500 chronisch an Asthma erkrankte Einwohner der entlegenen Atlantikinsel Tristan da Cunha von kanadischen Wissenschaftlern ausgeforscht wurden. Asthma wird dort inselweit von Generation zu Generation genetisch vererbt. Die Nutzung dieser Daten sicherten sich ein kalifornisches Labor und für einen Millionenbetrag eine namhafte Ingelheimer Pharmafirma.

Der Dank an die Datenspender habe sich aber nur in Lungendruckmessgeräten erschöpft, beklagt die Hamburger Forscherin. Überdies wirft eine kanadische Umweltorganisation den beteiligten Firmen "genetischer Biopiraterie" vor, weil Forschungsergebnisse bis zur Patentanmeldung zurückgehalten würden. Das benachteilige andere Forscher und verletzte bewusst die gängigen Veröffentlichungspflichten in der Wissenschaft.

Fragekatalog des Ethikrats

Der Ethikrat in seinem Domizil, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
DPA

Der Ethikrat in seinem Domizil, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Der Ehikrat ist sich solcher Nebenwirkungen der Genforschung mittlerweile bewusst und hat eine ganze Reihe offener Fragen aufgelistet, die mit den Datenschätzen so genannter Biobanken verbunden sind, sofern sie nicht unter öffentliche oder wenigstens notarielle Verwaltung kommen. Zu den Fragestellungen zählt:

- "Wem gehören die Körpersubstanzen, Gene und Informationen, die in solchen 'Biotheken' lagern oder daraus gewonnen werden: dem einzelnen Patienten/Spender, der Biothek, den Forschern oder der Allgemeinheit?

- Sind Biotheken nach dem Muster öffentlicher 'Leihbiotheken' organisiert oder handelt es sich bei ihnen um Datenmärkte, die ökonomischen Spielregeln von Angebot und Nachfrage gehorchen?

- Ist der Spender auf Grund der Unentgeltlichkeit seiner Gabe das ausgebeutete Opfer, während alle anderen den Gewinn einstecken?

- Soll er seine Blankozustimmung zu den gegenwärtigen und zukünftigen Forschungszielen geben, die er zunächst noch gar nicht absehen kann?

- Wie lässt sich sicherstellen, dass die Erkenntnisse dem Gemeinwohl zugute kommen und nicht durch Biopatente und Biopiraterie an ihrer Verbreitung gehindert werden?"

- Reicht die freie und informierte Zustimmung des Einzelnen aus, um seine Interessen und Rechte zu wahren, oder bedarf es zusätzlicher Kontrollinstanzen?

- Wie lässt sich die Anonymität wahren, wenn es auf die Erforschung der Zusammenhänge von genetischer Ausstattung, Lebensstil und subjektiver Befindlichkeit ankommt?

- Wie konkret ist die Gefahr persönlicher und kollektiver Diskriminierung bei groß angelegten Datenerhebungen, wie sie z.B. in Estland und Großbritannien geplant sind?

Langfristige Sicherung unklar

Gentest-Gesetz ohne zu "überhasten" in Aussicht gestellt: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD)
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Gentest-Gesetz ohne zu "überhasten" in Aussicht gestellt: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD)

So ist in Estland ab kommendem Jahr die Erfassung von rund Dreiviertel der Bevölkerung in einer Gesundheits-Datenbank geplant. In England wird bereits seit diesem Jahr eine umfassende "UK-Biobank" mit den Daten von rund 500.000 Patienten im Alter von 45 bis 69 angelegt. Hausärzte bitten deshalb ihre Patienten um die freiwillige Weitergabe ihrer Gesundheitsdaten.

Natürlich würden alle Datenspender vorab über das unterrichtet, was mit ihren Biodaten geschehen kann, aber "auf die lange Sicht ist dies nicht machbar, denn immer neue Forschungsansätze sind zum Zeitpunkt der Datenerfassung gar nicht absehbar", räumt Tom Meade vom zuständigen Medical Research Council London ein.



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