Geplantes Parkhaus Römische Lustvilla in Gefahr

Roms Bürgermeister lässt ein Parkhaus in die Tiefen des Pincio-Hügels buddeln. Das Projekt erregt massiven Widerstand, denn der Ort ist geschichtsträchtig: Hier feierte Feldherr Lucullus legendäre Gelage, zelebrierte Valeria Messalina Orgien - und saß Galileo Galilei im Hausarrest.

In Rom, schreibt der amerikanische Reiseschriftsteller Bill Bryson, sieht es hinter jeder Straßenecke so aus, als hätte man gerade einen Parkwettbewerb für Blinde verpasst. Er selbst, so Bryson, würde sein Auto höchstens dann derart quer abstellen, wenn er sich gerade einen Becher Salzsäure über den Schoß gegossen habe. Das alltägliche Parkchaos in der römischen Innenstadt ist alles andere als eine würdige Kulisse für die zahlreichen Marmorbauten vergangener Jahrhunderte. Außerdem hält es, besonders in den Edelboutiquen entlang der Straßen rund um die Piazza del Popolo, die betuchte Kundschaft von ihren bevorzugten Einkaufsgründen ab.

Dagegen hatte der frühere Bürgermeister von Rom, Walter Veltroni, sich einen schlauen Plan erdacht. Man könne, dachte er, den Pincio-Hügel östlich der Piazza del Popolo aushöhlen, und darin ein Parkhaus für 726 Autos bauen. Doch Vertroni blieb nicht lange genug im Amt, um die ersten Spatenstiche noch als Bürgermeister zu erleben. Jetzt, unter seinem Nachfolger Gianni Alemanno, wirbelt das Projekt mehr Staub in der römischen Politik auf als die ersten Baumaschinen, die ihre Baggerschaufeln in die Gartenerde des Hügels senken. * Inzwischen hat Bürgermeister Alemanno den Bau gestoppt (siehe aktuelle Ergänzung am Ende des Artikels).

Eine "Monstrosität" schimpfen die Gegner das Parkhaus in der italienischen Presse, gar ein "Verbrechen an der Kultur gleich der Sprengung der Bamiyan Buddhas durch die Taliban". Und zu jenen, die das unterirdische Treiben verhindern wollen, gehören immerhin so hochkarätige Prominente wie der Schnulzensänger Adriano Celentano oder der mittlerweile 79-jährige frühere Umweltminister Carlo Ripa di Meana - der sogar gedroht hat, in den Hungerstreik zu treten, sollte das Projekt weiter vorangetrieben werden.

Getränkt mit Geschichte

Denn der Pincio ist, wie jeder Hügel Roms, getränkt mit Geschichte und durchzogen von archäologischen Resten. Die Anhöhe mit dem schönen Blick über die Stadt wählte sich gegen Ende der römischen Republik der Feldherr Lucullus (117 v. Chr. bis 56 v. Chr.) für den Bau seiner Villa. Hier feierte er seine legendären Festgelage, deren Menüs bis heute in unserem Sprachgebrauch als "lukullische Genüsse" nachklingen. Dabei verspeiste der Feldherr mit seinen Gästen auch Kirschen, die er auf seinen Eroberungszügen am Schwarzen Meer kennengelernt und ganz eigennützig im Römischen Reich eingeführt hatte.

Später riss sich die zügellose Valeria Messalina (25 bis 48 n. Chr.), Gattin des Kaisers Claudius, das Anwesen unter den Nagel, um hier ein Liebesnest für ihren Gespielen Gaius Silius einzurichten. Dafür ließ sie kurzerhand den Besitzer der Villa, den angesehenen Kaufmann Asiaticus, ausgerechnet wegen Ehebruchs zum Tode verurteilen. Doch auch sie selber starb unter den Bäumen in diesem Garten. Da fand sie nämlich der Gesandte ihres Ehemannes, der sie nach einem aufgedeckten Mordkomplott hinrichten sollte. Den Dolch, den er ihr zum Selbstmord hinhielt, lehnte sie ab. Der kaiserliche Offizier musste ihn ihr ins Herz stechen.

Auf den Überresten der Villa des Lucullus steht seit dem 16. Jahrhundert die Villa Medici. Hier saß 1633 Galileo Galilei ein, nachdem er behauptet hatte, die Erde würde sich um die Sonne drehen. Im 18. Jahrhundert gestaltete der Architekt Guiseppe Valadier die Gärten in einen öffentlichen Park um. Seitdem kann sich in ihm erholen und über Rom blicken, wem der Trubel der Piazza del Popolo zu viel oder die Einkaufstaschen zu schwer werden.

"Supermarkt für Massentourismus"

Dem noch nicht genug. Veltroni hat in seiner Begeisterung für das Parkhausprojekt nicht nur die eine oder andere historische Bedeutsamkeit übersehen, sondern auch das nur 130 Meter entfernte Parkhaus "Villa Borghese Park Sì" in der Via del Galoppatoio. Das nämlich ist so chronisch unterbelegt, dass jüngst ein Teil davon umgebaut und in ein Gesundheitszentrum umgewandelt wurde. Vielleicht zeigen die Römer ihre Autos einfach nur gerne, und verstecken sie nicht unter der Erde. Immerhin sind sie so automobilverliebt, dass auf 1000 Einwohner Roms, inklusive aller Minderjährigen und Greise, 900 Pkw kommen. Vielleicht aber wollen die sparsamen Römer auch einfach nur nicht die teuren Parkgebühren zahlen, die im "Villa Borghese Park Sì" verlangt werden, während man sein Auto in den Straßen darüber kostenlos abstellen kann.

Wenn der neue Bürgermeister, die Prominenz und die Stadtplaner also alle gegen das geplante Parkhaus sind, warum lässt sich der Bau nicht einfach stoppen? Das würde der Stadt teuer zu stehen kommen. Die Arbeiten sind bereits so weit vorangeschritten, dass die Entschädigungszahlungen an die Bauunternehmer bis zu 40 Millionen Euro belaufen könnten. Zu viel für Rom. Doch zum Glück ist die Stadt ja auch gleichzeitig der Sitz der italienischen Regierung. Nun hat der italienische Kulturminister Sandro Bondi die Angelegenheit zur nationalen Sache erklärt und ein Machtwort gesprochen. Das letzte Wort zum geplanten Parkhaus behalte er sich vor - nach eingehender Prüfung der Sachlage. Aus seinen Sympathien macht er jedenfalls keinen Hehl. Veltroni und seiner Mitte-Links-Partei warf er vor, sie wollten Rom in einem "Supermarkt für Massentourismus" umgestalten.


* Aktuelle Entwicklung: Inzwischen hat Bürgermeister Alemanno den Bau gestoppt. Stattdessen soll nun das Parkhaus in der Via del Galoppatoio um 500 Stellplätze und neue Ausgänge zur Piazza del Popolo erweitert werden. Der Stadtrat hat noch nicht entschieden, was mit dem bereits bestehenden Loch im Pincio Hügel geschehen soll. Auch wenn die Bagger nun still stehen, klafft es derzeit noch in der Flanke des Hügels und macht den Park zu großen Teilen unbenutzbar.

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