Qualität in der Forschung "Wir stümpern, wo Wissen entstehen sollte"

Vor bestehendem Wissen keinen Respekt zu haben, ist Merkmal hochwertiger Forschung. Die Realität zeigt, dass die Welt von diesem Idealzustand erschreckend weit entfernt ist. Gerade Deutschland befindet sich im Tiefschlaf, kritisiert Gerd Antes, Direktor des Cochrane Zentrums.
Forscher bei der Arbeit: Wie wird teuer erworbenes Wissen genutzt?

Forscher bei der Arbeit: Wie wird teuer erworbenes Wissen genutzt?

Foto: Corbis

Wissenschaft und Forschung bilden einen steten Kreislauf zwischen Suchen, Entdecken und Überprüfen. Was an neuen Erkenntnissen die Prüfung übersteht, wird als gesichertes Wissen aufgenommen. Der Begriff "gesichert" hat allerdings zwei Gesichter, ist er doch immer nur Ausdruck einer Momentaufnahme. Gegenwärtig gesichertes Wissen wäre die richtigere Bezeichnung. Täglich wird scheinbar gesichertes Wissen über den Haufen geworfen. Vor bestehendem Wissen keinen Respekt zu haben, ist ein Merkmal hochwertiger Forschung. Dieser Kreislauf zwischen Erkenntnis und Überprüfung kann nur funktionieren, wenn die Forschungsergebnisse lückenlos, schnell und unverzerrt kommuniziert werden.

So weit die Theorie. Die Praxis zeigt durch eine Fülle empirischer Untersuchungen, dass die Welt von diesem Idealzustand in vielen Gebieten erschreckend weit entfernt ist. Wir scheinen mitten in der Wissensgesellschaft angekommen zu sein, stümpern aber erstaunlich oft dort, wo Wissen entstehen sollte, nämlich in der Wissenschaft.

Ineffizienz bedeutet in vielen Disziplinen vor allem enorme finanzielle Verluste und Verschwendung. Besonders dramatisch sind die Auswirkungen aber in der medizinischen Forschung und den Gesundheitswissenschaften. Hier trifft falsches oder nur verzögert angewendetes Wissen den Bürger nicht nur als Steuerzahler, sondern auch als Patient oder als Gesunden, der zum Beispiel zu Vorsorgemaßnahmen gedrängt wird, die mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen.

Finger in alle Wunden gelegt

Das "Lancet", eine der renommiertesten medizinischen Zeitschriften, hat mit einer Artikelserie zu mehr Wert und weniger Verschwendung in den medizinischen Wissenschaften den Finger in fast alle Wunden gelegt, die durch empirische Forschung der letzten Jahrzehnte bekannt sind. Es mangelt an koordinierter Priorisierung, so dass Antworten, die für viele Millionen Menschen relevant sind, nicht gesucht werden. Stattdessen werden hohe Summen investiert, wo der Nutzen zweifelhaft ist.

Hoher Aufwand ist oft nicht gleichbedeutend mit Qualität, weil schon bei der Durchführung von Studien chronische Fehler  dazu führen, dass deren Ergebnisse irreführend sind. Auch hochwertige Untersuchungen stehen in der Hälfte der Fälle nicht zur Überprüfung zur Verfügung, da sie nicht publiziert werden. Selbst die veröffentlichte Hälfte ist nur eingeschränkt nutzbar, da sie zum großen Teil als Artikel in lizenzpflichtigen Zeitschriften erscheint, die nur an wenigen Stellen im Medizinsystem zugänglich sind. Und wer die entsprechenden Beiträge dann doch findet, kann sie nur für mindestens 30 Euro pro Stück lesen.

Zu guter Letzt: Was in wissenschaftlichen Artikeln publiziert wird, ist oft gekennzeichnet durch bizarre und irreführende Verkürzungen  und Interpretationen, die nicht zu den zugrundeliegenden Zahlen passen. Der in Politik und anderen Zusammenhängen gängige Spin hat auch in der Wissenschaft eine wesentlich größere Verbreitung, als der naive Betrachter erwarten würde.

Neue Forschung braucht Grundelemente

Die vorliegenden Artikel im "Lancet" beschreiben die Defizite und strukturellen Mängel  in beeindruckender Weise, beschränken sich jedoch nicht nur aufs Klagen, sondern präsentieren jeweils eine Reihe von Empfehlungen, deren Umsetzung notwendig für substantielle Verbesserungen ist. Die Vorschläge erstrecken sich auf alle Schritte des Erkenntnis- und Wissensprozesses und fordern die Stärkung und die Beachtung von deren Grundelementen.

Der alles durchlaufende rote Faden ist die Forderung, neue Forschungsprojekte nur auf der Basis der vollen Kenntnis von vorhandenem, systematisch zusammengetragenen Wissen  zu erlauben und zu finanzieren. Zudem soll sichergestellt werden, dass die Ergebnisse daraus vollständig dem vorhandenen Wissenschatz zugeführt werden, um das gegenwärtig stark verzerrte sichtbare Wissen zu korrigieren. Weitestgehende Transparenz also.

Deutschland befindet sich im Tiefschlaf

Die "Lancet"-Artikel werden sicherlich große Bedeutung bekommen als Referenz für die gegenwärtigen Aktivitäten in Parlamenten , Wissenschaftsorganisationen und den Organisationen der Gesundheitsversorgung, die sich mit der Wissensmisere befassen.

Deutschland befindet sich weiterhin im Tiefschlaf. Die gesamte Diskussion im "Lancet" wie auch die empirischen Belege enthalten fast keine deutschen Beiträge, wie die Autorenlisten der Artikel und der zitierten Literatur sofort zeigen. Das regelmäßig von Ministerien und Industrie formulierte Selbstlob, Deutschland nehme eine Spitzenposition in Gesundheitsforschung und -versorgung ein, hat nichts mit der Realität zu tun, sofern es um die bessere Übersetzung von Forschungsergebnissen in die Anwendung geht. Der hierzulande erweckte Eindruck beruht auf regelmäßig wiederholten irreführenden Absolutzahlen.

Dass Deutschland bei der Förderung und Durchführung von Studien als reiches und bevölkerungsreichstes Land der europäischen Union im EU- oder globalen Vergleich im oberen Tabellenbereich landet, dürfte nicht überraschen. Doch die Landesleistung muss bezogen auf die Einwohnerzahl oder das Bruttosozialprodukt bewertet werden. Dann kehrt das Bild sich radikal um, weil selbst vergleichsweise winzige Länder wie Dänemark oder Neuseeland Beträge investieren, die denen Deutschlands nahekommen, und damit natürlich pro Einwohner ein Vielfaches des deutschen Aufkommens darstellen.

Stillstand auf der ganzen Linie

Besonders düster sieht es bei den methodischen Arbeiten aus, die über viele Jahre hinweg die Grundlagen für epochale Werke wie die aktuelle "Lancet"-Reihe oder auch die Arbeiten des Institute of Medicine der USA schaffen. In den entsprechenden Arbeitsgruppen glänzt Deutschland regelmäßig durch Nichterscheinen, nicht nur auf der wissenschaftlichen, sondern auch auf der politischen Ebene.

Das Ausbleiben empirischer Untersuchungen zur Rolle Deutschlands im Wechselspiel zwischen globaler Generierung von Wissen sowie seiner lokalen Implementierung und Nutzung ist hilfreich, um Missstände nicht wahrzunehmen und damit auch nicht angehen zu müssen. Die damit verbundene Gleichgültigkeit ist jedoch gleichbedeutend mit Stillstand und Ignoranz gegenüber dem Potential, das die systematische Wissensnutzung für Gesundheitsforschung und -versorgung enthält. Das kann keiner der Entscheidungsträger im Gesundheitssystem oder in der Politik wollen, der Steuerzahler schon gar nicht.

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