Gerechtigkeit Kinder sind schon früh auf den eigenen Vorteil aus

"Sein Teddy ist größer als meiner": Kindern missfällt schon in jungen Jahren, wenn sie benachteiligt werden. Sind sie selbst im Vorteil, stört sie das weniger. Eine Studie zeigt: In den USA und Kanada entwickelt sich der kindliche Egoismus besonders früh.

Meins oder deins: Sich stets für Fairness einzusetzen, fällt Kinders schwer
Jens Schierenbeck/dpa/gms

Meins oder deins: Sich stets für Fairness einzusetzen, fällt Kinders schwer


Sind amerikanische Kinder gerechter als ihre Altersgenossen in Indien, Peru oder Uganda? Eine Studie, die nun im britischen Fachmagazin "Nature" veröffentlicht wurde, zeigt: Unabhängig von ihrer Kultur missfällt es Kindern, benachteiligt zu werden und weniger zu bekommen als andere. Und trotzdem: Es scheint in den Ländern verschiedene Auffassungen von Fairness zu geben, die an den Nachwuchs weitergegeben werden.

Das Forscherteam um Katherine McAuliffe von der Yale University in Connecticut verglich den Gerechtigkeitssinn von Kindern zwischen 4 und 15 Jahren aus Kanada, Indien, Mexiko, Peru, Senegal, Uganda und den USA. Paarweise, nach Alter und Geschlecht unterteilt, spielten über 860 Kinder verschiedene Varianten des sogenannten Ultimatum-Spiels.

Der Leiter des Experiments bot in den Versuchen dabei Naschereien als Belohnung an, die entweder gerecht oder zuungunsten eines der Kinder aufgeteilt waren. Dann traf ein Kind für sich und seinen passiven Spielkameraden Entscheidungen. Zog der Entscheider an einem grünen Griff, bekamen die Kinder die Süßigkeiten nach der zuvor festgelegten Verteilung. Zog das Kind den roter Griff, erhielt niemand eine Belohnung.

Starker Gerechtigkeitssinn bei Benachteiligung

Die Spielentscheider aus allen sieben Nationen schlugen Angebote oft komplett aus, wenn ihnen weniger Belohnung zugeteilt wurde als ihren Zuschauern. Sie empfanden den Spielaufbau als ungerecht und nahmen in Kauf, sich dem anderen Kind gegenüber unsozial zu verhalten und auch die eigene, wenn auch kleinere Belohnung, ganz zu verlieren.

Teilen oder behalten: Versuchsaufbau des Experiments
Katherine McAuliffe

Teilen oder behalten: Versuchsaufbau des Experiments

Während dieses eher egoistische Verhalten in den USA und Kanada schon bei Vier- bis Sechsjährigen auftrat, verhielten sich mexikanische Kinder erst mit zehn Jahren so. Die Wissenschaftler vermuten, dass Kinder in Kulturen mit härterer Konkurrenz früher eine Abneigung gegen die eigene Benachteiligung entwickeln.

Amerikanische Sprösslinge sind fairer

Auch ein weiteres Ergebnis lässt die Kinder eigennützig erscheinen: Insgesamt verzichteten nur wenige Kinder auf eine Belohnung, wenn sie selbst mehr bekommen sollten als ihr Gegenüber. Erst in höherem Alter war den Kindern aus den USA, Kanada und Uganda der eigene Vorteil unangenehm.

Der soziale Druck in westlichen Industriegesellschaften, alle Menschen gleich und fair zu behandeln, so die Interpretation der Forscher, könne bei diesen kulturellen Unterschieden eine Rolle spielen. Die ähnlichen Ergebnisse in Uganda erklären die Wissenschaftler durch die Beeinflussung der Kinder durch westliche Lehrer.

Fairness - angeboren oder erlernt?

Woher der Gerechtigkeitssinn beim Menschen stammt - ob er angeboren oder erlernt ist -, beschäftigt Forscher seit Langem. In bisherigen Studien wurden dabei aber meist nur Kinder aus reichen Industrieländern berücksichtigt.

Umstritten ist, ob es faires Verhalten auch bei Menschenaffen gibt. Schimpansen zum Beispiel teilten bei einem Ultimatum-Spiel ihr Futter gerecht mit einem Artgenossen - allerdings nur, wenn sie andernfalls selbst Einbußen fürchten mussten. Andere Versuche mit Schimpansen und Bonobos zeigten hingegen, dass es den Tieren offensichtlich egal ist, wenn sich ein anderer Affe in einem Experiment mehr als die Hälfte einer Portion Weintrauben sichert - Hauptsache, sie bekommen überhaupt etwas ab.

ruh/dpa



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Mr Bounz 19.11.2015
1. Wiedersprüchliche Ergebnisse
In einem Absatz verhalten sich US Kinder bereits mit 4-6 Jahren unsozial. Im nächsten Absatz sind Sie aber fairer. ... da stimmt doch was nicht mit den Ergebnissen. Oder liegt es etwa am verkorksten Versuchsaufbau, der die einzig faire und natürliche Reaktion verhindert? Natürlich wäre es wenn ich mehr bekomme dem anderen etwas ab zu geben, das geht aber nicht! Wenn das natürliche Sozialverhalten im Versuch nicht möglich ist können die Ergebnisse auch das natürliche Verhalten nicht wiedergeben!
ka117 19.11.2015
2. Na ja...
Wenn sich er Egoismus in bestimmten Ländern schneller als woanders entwickelt, dann ist er eindeutig, ähnlich wie der Neid, gar nicht eingeboren sondern gelernt.
loeweneule 19.11.2015
3.
Zitat von ka117Wenn sich er Egoismus in bestimmten Ländern schneller als woanders entwickelt, dann ist er eindeutig, ähnlich wie der Neid, gar nicht eingeboren sondern gelernt.
Wenn sich etwas entwickelt, war es ja schon da. Eindeutig. Verstehen Sie?
karl-wanninger 19.11.2015
4.
Zitat von ka117Wenn sich er Egoismus in bestimmten Ländern schneller als woanders entwickelt, dann ist er eindeutig, ähnlich wie der Neid, gar nicht eingeboren sondern gelernt.
Bei genauem Lesen des Artikels deutet die Studie vielmehr darauf hin, dass Altruismus eine Sache des Lernens ist. Ältere Kinder verzichten auf ihren Vorteil, wenn sie sehen dass das andere Kind benachteiligt wird.
julia-s12345 19.11.2015
5. na ja...
Wer verzichtet schon gerne auf seinen eigenen Vorteil zugunsten eines anderen? Unabhängig von der Schicht sowie dem Land, in dem jemand aufwächst, ist es doch zumeist so, dass jeder immer seinen Vorteil sucht!
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