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Briefwechsel zwischen DNA-Pionieren: "Ich habe es gründlich satt"

Foto: COLD SPRING HARBOR LABORATORY/ AP

Geschichte der DNA-Entschlüsselung Briefe enthüllen Zwist zwischen Forscher-Rivalen

Rivalität, Misstrauen und verletzte Egos: Ein jetzt in New York entdecktes Bündel von Briefen des berühmten DNA-Pioniers Francis Crick zeigt, wie erbittert der Wettlauf zweier Forschergruppen um die Entschlüsselung der Doppelhelix-Struktur wirklich war.
Von Cinthia Briseño

Francis Crick

Angeblich sollte eine übereifrige Sekretärin die Briefe weggeworfen haben. Das zumindest behauptete der berühmte Entdecker der DNA-Doppelhelix in einem Schreiben von 1975 an seinen Mitstreiter James Watson. Es waren Briefe aus jener großen Zeit, als der berüchtigte "RNA Tie Club" sein Unwesen trieb - ein Club, dem neben Watson und Crick noch weitere renommierte Wissenschaftler wie Richard Feynman, Sydney Brenner oder Max Delbrück angehörten, die alle ein Ziel hatten: Sie wollten die genetische Botschaft der DNA entschlüsseln (siehe Kasten links). Kurz zuvor hatten Watson und Crick die Struktur der DNA entschlüsselt.

Doch die Sekretärin hatte, wie sich jetzt herausstellt, die Briefe gar nicht weggeworfen. Von 1956 bis 1977 teilten sich Crick und sein Kollege Brenner im Cavendish Laboratory in Cambridge einen Raum. In der Zeit mussten sie jedoch mehrere Büro-Umzüge hinter sich bringen - wobei Cricks Briefe-Kisten offenbar versehentlich in Brenners Besitztum wanderten.

Diese Briefe sind lebhaftes Zeugnis eines wissenschaftsgeschichtlichen Dramas: Ohne die Forschung der Engländerin Rosalind Franklin wäre die Struktur des Moleküls des Lebens seinerzeit wohl kaum entschlüsselt worden - doch Rivalität und Missgunst unter den Akademikern führte dazu, dass sie nie dafür geehrt wurde.

Entdeckt und ausgewertet wurde das Brief-Vermächtnis Cricks von Alexander Gann und Jan Witkowski von der Bibliothek des Cold Spring Harbor Laboratory in New York. Brenner, der später in die USA ging, hatte das Material der Bibliothek überlassen - neun Archivboxen voller Briefe, Fotos, Postkarten, Artikel, Notizen und Zeitungsausschnitten aus Mitte der fünfziger bis Mitte der sechziger Jahre.

Zeugnis der Missgunst

Es war die Zeit, als Forschergruppen sich ein Wettstreit lieferten, wer als erstes den Aufbau des menschlichen Erbguts beschreibt. Die Briefe dokumentieren die Anspannung und Missgunst, die seinerzeit zwischen den rivalisierenden Laboren geherrscht hatte, schreiben Gann und Wikowksi, die Auszüge dieses wissenschaftsgeschichtlichen Schatz nun in "Nature"  veröffentlicht haben.

Dabei interessierten sie sich insbesondere für den Briefwechsel zwischen Crick und Maurice Wilkins, jenem Forscher, der im Konkurrenzlabor am King's College in London arbeitete. Cavendish kontra King's College - an beiden Forschungseinrichtungen suchte man nach der Struktur der DNA: Zu der Zeit waren Crick und Watson eifrig daran, hinter verriegelten Türen Molekülmodelle zu basteln.

Die ersten DNA-Modelle, die Crick und Watson gebastelt hatten, waren ein Fehlschlag: Sie basierten auf Daten der Wissenschaftlerin Rosalind Franklin, die neben Wilkins am King's College arbeitete. 1951 im November luden Watson und Crick die King's-Gruppe ein, um ihnen ihr "cleveres Ding" zu zeigen. Franklin sah das Modell - eine Tripelhelix - und wusste sofort, dass es falsch war. Watson hatte einen entscheidenden Fehler gemacht.

Daraufhin reagierte das Cavendish-Team alles andere als souverän, was einen großen Graben zwischen die beiden Gruppen riss - es kam zum Streit. Die beiden Gruppenleiter William Bragg vom Cevendish Labor und John Randall vom King's College versuchten, den Zwist zu schlichten. Den meisten Darstellungen zufolge, sollen Watson und Crick von ihrem Chef die Order erhalten haben, ihre Arbeit an der DNA einzustellen.

"Ich habe es gründlich satt"

Zwei der jetzt entdeckten Briefe werfen neues Licht auf diese Vorgänge: Am 11. Dezember 1951 schrieb Wilkins einen offiziellen Brief an Crick und forderte das Team in Cambridge dazu auf, ihre Arbeit an der DNA zu stoppen. Am selben Tag schickte er aber auch den weniger formalen Brief an seinen Kollegen in dem er zugibt, wie leid er die ganzen Machtkämpfe sei.

"Hiermit will ich nur sagen, dass ich es gründlich satt habe…", heißt es in dem Brief von Wilkins an Crick und Watson. "Wir werden von Kräften aufgerieben, die uns in Stücke reißen können. Ich musste Randall davon abhalten, einen Beschwerdebrief an Bragg über Euer Benehmen zu schicken."

Cricks Replik aber fiel reichlich unterkühlt aus. Zwar wies Crick darauf hin, Wilkins stehe kurz davor, eines der Schlüsselprobleme der biomolekularen Strukturforschung zu lösen, beendete den Brief aber mit: "Kopf hoch. Selbst wenn wir Dich in den Hintern getreten haben. Es war unter Freunden. Wir hoffen, dass unser Diebstahl zumindest zu einer vereinten Front in Deiner Gruppe führt!"

Herbe Worte und eine Anspielung auf die zerrütteten Verhältnisse im Wilkins-Labor: 1950 hatte Wilkins damit begonnen, die DNA mit Hilfe von Röntgenstrukturanalysen zu untersuchen. Ein Jahr später aber kam die Wissenschaftlerin Franklin ans King's College und wurde, ohne dass Wilkins zuvor gefragt wurde, ebenfalls beauftragt, an der Entschlüsselung der DNA-Struktur zu arbeiten.

Die Dame ging leer aus

Zwei Jahre danach, 1953, als Watson und Crick wieder am DNA-Problem arbeiteten, wollten sie London erneut einen Besuch abstatten, um Franklins Abschieds-Vortrag zu hören. Die Wissenschaftlerin stand kurz davor, King's College zu verlassen, um ans Birkbeck College zu wechseln. In einem verwirrten und etwas unbeholfenem Brief forderte Wilkins Crick auf, lieber in Cambridge zu bleiben. "Lass uns anschließend reden, wenn die Luft etwas klarer ist. Ich hoffe, diese Hexerei ist bald außer Sicht." Gemeint war damit Franklin.

Ein weiterer Brief von Wilkins, nachdem Franklin das Labor verlassen hatte, zeugt von Wilkins Frust darüber, dass Franklin nicht schon vorher auf die Doppelhelix-Struktur gekommen war: "Wenn ich daran denke, dass Rosie diese ganzen 3-D-Daten neun Monate lang hatte, ohne darin die Helix-Struktur zu erkennen…Jesus Christus."

1953 veröffentlichten Watson und Crick ihren berühmten Artikel "Molecular structure of nucleic acids. A structure for deoxyribose nucleic acid"  in "Nature".

Doch tatsächlich war es die damals knapp 33-jährige Wissenschaftlerin Franklin, die die entscheidenden röntgenkristallografischen Experimente durchgeführt hatte und den Durchbruch von Watson und Crick überhaupt erst ermöglichte - kaum einer bestreitet das inzwischen. Den Ruhm für die Arbeit - den Nobelpreis im Jahr 1962 - heimsten jedoch die drei Herren ein. Franklin war zuvor gestorben.

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