Geschichte der Spionage Geheime Mission in Frauenkleidern

Die Spionage ist eines der ältesten Gewerbe der Welt. Schon wer im Altertum als Despot auf sich hielt, beschäftigte ein Heer von Spitzeln, die weit mehr verrieten als militärische Geheimnisse. Die Methoden der Agenten waren raffiniert - manche sogar weltbewegend.
Von Theodor Kissel
Berühmte Spionin und Tänzerin: Mata Hari

Berühmte Spionin und Tänzerin: Mata Hari

Foto: Getty Images/ Hulton Archive

Mata Hari

Spionage

, Alfred Redl, Doktor Sorge, Günter Guillaume - klangvolle Namen aus dem Reich von 007, die leicht den Eindruck erwecken könnten, sei eigentlich eine Spezialität der Moderne. Doch weit gefehlt! Ein Blick zurück in die Historie zeigt, dass sie zu den ältesten Gewerben der Welt zählt. Schon vor mehr als 2500 Jahren versuchten die Herrschenden in Erfahrung zu bringen, was mögliche Staatsfeinde im In- und Ausland im Schilde führten. Den Anfang machte der Mederkönig Deiokes, der Herodot zufolge über ein Heer von Spitzeln verfügte. "Überall in seinem Machtbereich unterhielt er Späher und Horcher, so dass man ein offenes Wort nur hinter vorgehaltener Hand pflegen konnte", heißt es in den Mitte des 5. Jahrhunderts entstandenen "Historien " des griechischen Geschichtsschreibers.

Der persische Großkönig Kyros, der um 547 v. Chr. das Mederreich eroberte, hielt dieses Spitzelsystem für so effektiv, dass er es übernahm und noch ausbaute. Er überzog sein Riesenreich mit einem dichten Netz von Agenten, den "Augen und Ohren des Königs", die ihm kontinuierlich Informationen über die unterworfenen Völker, aber auch über die eigenen Beamten zutrugen. Diese sollten laut dem griechischen Historiker Xenophon "aufmerksam, verschwiegen und absolut loyal sein und die Kunst der Verstellung ebenso beherrschen wie die Gabe, sich unauffällig zu bewegen". Und damit diese "IMs der Antike", so der amerikanische Althistoriker David Graf von der University of Miami im US-Bundesstaat Florida, ihrem Gewerbe auch intensiv nachgehen konnten, wurden sie mit Geschenken und Privilegien überhäuft.

Aus dem Mund Xenophons klingt das so: "So brachte der Herrscher viele dazu, es zu ihrem Beruf zu machen, mit ihren Ohren zu horchen und mit ihren Augen auszuspähen, was immer sie dem König zu seinem Nutzen hinterbringen konnten." Die Fäden des persischen Geheimdienstes liefen beim "Auge des Königs" zusammen, einer Art Minister für Staatssicherheit. "Wie weit dessen Arm reichte", erklärt der Althistoriker Josef Wiesehöfer aus Kiel, "zeigt ein im südägyptischen Elephantine gefundener Papyrus. " Der Text, in aramäischer Sprache verfasst - der Lingua franca im persischen Vielvölkerreich -, bezeichnet einen Mann als gaušaka (von altpersisch: gauša, Ohr) - offenbar ein Spitzel in Diensten seiner persischen Majestät.

Eine Frühform des totalitären Überwachungsstaats?

Misstrauisch beäugte auch der sizilische Tyrann Hieron I. von Syrakus (gest. 466/65 v. Chr.), was in seinem Machtbereich vorging. Der griechische Philosoph Aristoteles schildert, worauf es bei der Despotenherrschaft ankam: "Für den Tyrannen gilt es, möglichst dafür Sorge zu tragen, dass nicht verborgen bleibt, was einer von den Untertanen sagt oder tut; vielmehr also Späher eingesetzt werden, wie in Syrakus die so genannten 'Zuträger' und wie Hieron die 'Ohrenkriecher' ausschickte, wo irgendein Treffen oder eine Zusammenkunft stattfand." Manche Historiker, wie der Berliner Althistoriker Volker Fadinger, sehen darin eine Frühform des totalitären Überwachungsstaats, wie ihn George Orwell 2500 Jahre später in seinem Roman "1984" prophezeit. Im Fall von Hieron I. von Syrakus diente der Bespitzelungsapparat einzig und allein dem Erhalt seiner Alleinherrschaft.

Dass geheimdienstliches Wissen Macht bedeutete, zeigte sich indes nicht nur bei Maßnahmen gegen vermeintliche innere, sondern auch gegen potenzielle äußere Feinde - allen voran bei kriegerischen Auseinandersetzungen: Wer militärisch reüssieren wollte, musste Stärken und Schwächen des Gegners kennen. Eine wichtige Quelle der Militärspionage, das zeigen die Schriften über Cäsars Feldzüge in Gallien oder Berichte über Alexanders Eroberungskrieg im Osten, waren Händler, Deserteure, vor allem aber ehemalige Kriegsgefangene. "Nicht umsonst begegneten die Römer ihren aus Feindeshand frei gelassenen Landsleuten mit großem Misstrauen und überprüften diese nach ihrer Rückkehr auf Herz und Nieren", sagt Boris Rankov von der University of London. Er vermutet, dass Kriegsgefangene schon damals während ihrer Inhaftierung auch "umgedreht" wurden. Und einen "Maulwurf" im eigenen Lager wollte man sich freilich nicht einhandeln.

"Ein ums andere Mal an der Nase herumgeführt"

In dieser Hinsicht hatten die Römer bereits jahrelang Lehrgeld bezahlt, wie Rose Mary Sheldon am Beispiel des Kriegs mit Hannibal aufzeigt. "Dieser mit allen nachrichtendienstlichen Finessen vertraute Heerführer hat die Römer ein ums andere Mal an der Nase herumgeführt", erklärt die am Virginia Military Institute lehrende Althistorikerin mit Bezug auf den römischen Historiker Livius. Der berichtet, dass Hannibal Briefe mit dem Siegelring des römischen Konsuls Marcus Claudius Marcellus fälschte, der ihm nach dessen Tod in der Schlacht von Venusia (207 v. Chr.) in die Hände gefallen war, Gerüchte über falsche Angaben zu Truppenstärke und Angriffszielen streute und seine Soldaten in römische Uniformen steckte. Berichte aus den feindlichen Feldlagern wurden ihm so direkt übermittelt. Für Klaus Zimmermann von der Universität Münster ein wesentlicher Grund dafür, warum sich der Karthager so lange gegen das Imperium behaupten konnte.

Die Römer lernten dazu und begannen ihrerseits bald nach Ende des Zweiten Punischen Kriegs (218 - 201 v. Chr.) Soldaten zu Spionagezwecken auszubilden. Inschriften belegen, dass es fortan im römischen Heer in jeder Legion zehn speculatores gab, handverlesene Soldaten, die wie moderne Spezialeinheiten hinter den feindlichen Linien operierten und die gegnerischen Truppen observierten. Alle Anzeichen eines solchen Kommandounternehmens trägt beispielsweise die Aktion des Sertorius, der im Jahr 102 v. Chr. bei den Kelten spionierte. Sertorius, so der griechische Historiker Plutarch, habe nicht nur keltische Kleidung getragen, sondern sich auch die Sprache angeeignet, um Konversation betreiben zu können. Derart getarnt sei er im Lager der Feinde erfolgreich gewesen.

Geheimnis im Spazierstock

Keineswegs inkognito, aber doch in geheimer Mission reisten dagegen römische Gesandte im Jahr 358 an den persischen Königshof. Sie sollten Friedensgespräche mit dem Perserkönig Shapur II. führen. So jedenfalls lautete der offizielle Auftrag. Tatsächlich aber nutzten sie ihre unverfängliche Position, um die Stärke des persischen Heers auszuspionieren. Doch wie konnten sie ihre Informationen möglichst schnell und unbemerkt am Gegner vorbei außer Landes schmuggeln? Schon damals waren dem Erfindungsreichtum kaum Grenzen gesetzt, meint Wolfgang Kuhoff von der Universität Augsburg und verweist auf das 18. Buch der "Römischen Geschichte" des spätantiken Geschichtsschreibers Ammianus Marcellinus (um 330 - 400). Dieser Quelle zufolge schrieben besagte Emissäre am persischen Hof ihre Nachricht auf ein Blatt Pergament und versteckten es in einer Schwertscheide, die sie den Römern zuspielten.

Die Methoden der Nachrichtenübermittlung wurden immer raffinierter. Trug man anfangs geheime Botschaften von Mund zu Mund weiter oder verschoss sie mit Pfeilen, ging man bald dazu über, sie zu tarnen. Laut Herodot schrieben die Spartaner Geheimdepeschen auf Holztäfelchen und überzogen sie anschließend mit Wachs, in das sie einen harmlosen Text kratzten. So blieb Brisantes unentdeckt, weil es in vollkommen harmlosem Gewand daherkam. Zudem wurden sensible Informationen auch verschlüsselt übermittelt (siehe Kasten links).

Wirtschaftsspionage

Mit den Methoden entstanden die ersten Handbücher für Spionagetätigkeit, etwa die "Kunst des Kriegs" des chinesischen Generals Sunzi (um 500 v. Chr.) oder das Staatslehrbuch "Arthashastra" des Kautilya, Minister des indischen Maurya-Königs Candragupta (340 - 297 v. Chr.), in dem sich laut dem Marburger Historiker Wolfgang Krieger sogar eine Gehaltsliste für Agenten befand. Auch Fälle von waren in der Antike schon bekannt. So schildert der griechische Historiker Prokop (um 500 - 560) in seiner "Geheimgeschichte des Kaiserhofs von Byzanz" den Fall zweier persischer Mönche, die lange in China gelebt hatten und das Geheimnis der Seidenraupe kannten. Im Jahr 555 boten sie ihr Wissen dem oströmischen Kaiser an, der sie nach China zurückgeschickt haben soll, um Eier der kostbaren Raupen zu stehlen - versteckt in einem eigens dafür ausgehöhlten Spazierstock. Mit dem Anbau von Maulbeerbäumen gelang es schließlich, eine Zucht zu etablieren, die den Grundstock für das byzantinische Monopol einer eigenen Seidenindustrie bildete.

Geistliche wurden gerne für Spitzeldienste eingesetzt

Die mittelalterliche Geschichte kennt zahlreiche Beispiele von Kirchenmännern, die sich für weltliche Dienste einspannen ließen. Bekannt sind die Fälle zweier französischer Priester, Jean de Saint-Amand und Jean Fusoris, die während des Hundertjährigen Kriegs (1339 - 1453) für den Erzfeind England spionierten. Beide waren von einem englischen "Kaufmann" auf französischem Boden gegen gute Bezahlung angeworben worden. Offenbar wurden Geistliche gerne für die spätmittelalterlichen Spitzeldienste eingesetzt, weil sie als Seelsorger und Diener des Herrn kaum Verdacht erregten, vermutet der britische Mediävist Christopher Allmand. Großes Vertrauen genoss auch der für den Kalifen von Bagdad verdeckt operierende Sklavenhändler Ibrahim Ibn Jaqub. Auf seinen weitläufigen Reisen nach Osteuropa machte er heimlich genaue Aufzeichnungen über die zurückgelegten Routen, die Größe der Städte und die Bedeutung der Märkte - ohne Misstrauen zu erwecken.

Längst hatte auch die Kurie in Rom den Wert geheimdienstlicher Aktivitäten erkannt. Papst Innozenz IV. etwa schickte 1245 den Franziskaner Pian del Carpini ins Mongolenreich, um, wie dieser seinem Tagebuch anvertraute, "dort alles genau zu erforschen". Der hochgebildete Kleriker und erfahrene Diplomat sollte vor allem herausfinden, ob ein erneuter Angriff der Mongolen auf Europa bevorstünde. Ein zweites Liegnitz - 1241 war dort ein deutsch-polnisches Ritterheer vernichtend von den Mongolen geschlagen worden - wollte man der Christenheit ersparen. Aus Carpinis Mund klingt das so: "Es war unsere vordringlichste Aufgabe, hinter die wirklichen Pläne und Absichten der Mongolen zu kommen, um sie den Christen zu offenbaren, damit jene nicht vielleicht wieder bei einem plötzlichen Ansturm die Christen unvorbereitet fänden."

"Dutzende Spezialisten arbeiteten der geheimnisumwitterten Institution zu"

Nicht von ungefähr fallen die Ursprünge des diplomatischen Dienstes mit den verfeinerten Formen des Kundschafterwesens und der geheimen Agententätigkeit zusammen. In Venedig, der führenden Handelsmacht Europas zu jener Zeit, etablierte sich im Jahr 1310 mit dem "Rat der Zehn" eine Behörde für die innere Sicherheit der Markusrepublik. Diese Männer leiteten Venedigs Geheimdienst, wofür sie einen umfangreichen Sicherheitsapparat unterhielten, wie der amerikanische Historiker Sean P. Winchell 2006 dargelegte: "Dutzende Spezialisten arbeiteten dieser geheimnisumwitterten Institution zu, darunter Spione, Informanten, Archivare und Dechiffrierer, die abgefangene Briefe in- und ausländischer Verdächtiger entzifferten, aber auch professionelle Mörder, die auf Geheiß bis weit über die Grenzen Venedigs hinaus agierten." Schon beim geringsten Verdacht auf staatsgefährdende Umtriebe wurde der "Consiglio dei Dieci" aktiv, gegen verbündete Söldnerführer ebenso wie gegen auswärtige Gegner, ja sogar gegen den Dogen, das Oberhaupt der Serenissima. Namentlich gegen Marino Falieri, jenen 55. Herzog von Venedig, dem man 1355 wegen einer Verschwörung - er soll geplant haben, die aristokratische Regierung durch eine Dogendiktatur zu ersetzen - den Prozess machte und den man anschließend im Hof des Dogenpalastes enthauptete.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts tauchten die ersten hauptamtlichen und namentlich bekannten Agenten auf. Im Auftrag König Johanns II. von Portugal machte sich der arabische sprechende Diplomat Pedro de Covilhão, als muslimischer Kaufmann getarnt, auf den Weg zum Indischen Ozean. Sein Ziel war die "Pfefferküste", wie man damals den gewürzreichen Westteil des indischen Subkontinents nannte. Er sollte die Region auskundschaften, geeignete Ankerplätze für portugisische Karavellen finden und Kontakte zu Einheimischen knüpfen.

Casanova auf heikler Mission

Bis zu diesem Zeitpunkt gelangten die Gewürze über den Landweg nach Kleinasien und von dort über das Mittelmeer nach Italien. Seit der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen hatten christliche Händler aus Europa keinen Zugang zu diesen Handelswegen. Auf dem direkten Seeweg, so hofften die Portugiesen, ließe sich das lukrative Monopol der Moslems brechen. Unbemerkt passierte Covilhão die Land- und Seesperren der Türken und erreichte die Küste Indiens, von wo er mit wichtigen Informationen für Portugal die Heimreise antrat. Als sein Schiff in Äthiopien Halt machte, wurde er gefasst und umgebracht.

Wie gefährlich Agenten damals lebten, zeigt auch das Beispiel Antoine Rincons. Vom französischen König Franz I. (1494 - 1547) ins Lager des Sultans geschickt, um über den Freikauf venezianischer Besitzungen zu verhandeln, fiel er auf der Rückreise in Norditalien in die Hände der kaiserlichen Truppen Karls V., die ihn sofort töteten. Beide Fälle zeigen: Damals gab es weder einen offiziellen Agentenschutz noch allgemein anerkannte Spielregeln, was mit Spionen geschehen sollte, wenn die Gegenseite sie enttarnte.

Einer Agentenorganisation im engeren Sinn begegnen wir zum ersten Mal im England Oliver Cromwells (1599 - 1658), dessen Postminister John Thurloe ein nahezu lückenloses Zensursystem aufbaute. "Er war auch der Erste, der Agenten gezielt als Maulwürfe im gegnerischen Lager einsetzte, die für längere Zeit an einem Ort tätig sein sollten", sagt der britische Historiker Stephen Budiansky. Thurloe selbst beschrieb die Aufgaben seines Dienstes so: "Beschäftigung von Agenten, die über alles berichten, was sich in der Welt begibt. Ziel ist es, die eigenen Absichten zu verbergen, aber möglichst viel über die der anderen zu erfahren … Was der Geheimhaltung überdies noch dient, ist die Tatsache, dass stets nur eine kleine Anzahl von Personen Kenntnis von den Absichten der Regierung hat. Um herauszufinden, was bei den anderen Mächten vor sich geht, bedienen wir uns nicht der Gesandten, sondern eigener Spione, die weniger beachtet werden. Dafür werden kluge, ihrer Stellung nach aber unbedeutende Männer verwendet, die niemandem auffallen." Auf diese Weise wusste Thurloe, was in Frankreich, Spanien, Deutschland und Venedig politisch vor sich ging.

Erstmals ließen sich auch Frauen für geheime Aufträge anwerben

An die Spitze seines Geheimdienstes stellte der britische Postminister die beiden Juden Antonio Fernandez Carvajal und Simon von Careeres. Durch ihre weltweiten Handelsbeziehungen unterhielten sie Kontakte, die dem Staat zugutekamen. Anlaufstationen waren die Handelsniederlassungen und Konsulate. Thurloes Geheimdienst verschlang jährlich 7000 Pfund - ein teures Projekt, das den Staatshaushalt der englischen Krone derart belastete, dass Karl II. 1660 den Etat kürzte und die Agententätigkeit auf Spitzeldienste im eigenen Land beschränkte.

Französische Quellen aus dieser Zeit berichten erstmals auch von Frauen, die sich für geheime Aufträge anwerben ließen. Etwa die Bretonin Louise de Querouaille, deren vielseitigen Beziehungen am englischen Königshof Karls II. es Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. zu verdanken hatte, dass das Inselreich eine Allianz mit der Bourbonendynastie einging. Wie aus Aufzeichnungen vom Hof in Versailles hervorgeht, hat de Querouaille das Bündnis mit einer Mischung aus Attraktivität, Sex und diplomatischem Geschick zu Stande gebracht.

Auch der italienische Schriftsteller und Lebemann Giacomo Casanova (1725 - 1798) ließ sich unter dem Decknamen Chevalier de Seingalt für Agentendienste anwerben. Mit ihm betrat laut Genovefa Etienne, Vizepräsidentin des European Strategic Intelligence and Security Center (ESISC) in Brüssel, ein neuer Typus des Agenten die historische Bühne: weltgewandt, von hoher Bildung, abenteuerlustig. Sein erster Auftrag im Dienst Ludwigs XV.: die Observation von zehn auf der Reede vor Dünkirchen liegenden britischen Kriegsschiffen. In seinen Memoiren berichtet Casanova davon, wie er sich, als Matrose verkleidet, Zugang zu den Schiffen verschaffte und einen Kapitän ausfindig machte, der ihm ahnungslos Auskunft über Bewaffnung, Personal und Proviant gab.

Schnüffelsysteme von Ludwig bis Metternich

Ein halbes Jahrhundert später verdankte ein anderer Edelmann seine Agentenlaufbahn einer Verkleidung. Im Winter 1755 erlaubte sich der Chevalier d'Éon den Scherz, als Dame verkleidet den Maskenball am Hof von Versailles zu besuchen, mit dem Erfolg, dass der lüsterne König sich für die "schöne Unbekannte" interessierte. Als Ludwig XV. über deren wahres Geschlecht aufgeklärt wurde, kam ihm der Einfall, die Travestie diplomatisch zu nutzen. Er sandte den Chevalier als Mademoiselle Lia de Beaumont an den Hof der Zarin Elisabeth von Russland, um über den Stand der russisch-englischen Verhandlungen und über die russische Heeresstärke nach Versailles zu berichten. Tatsächlich fand die Zarin Gefallen an "Mademoiselle de Beaumont" und ernannte "sie" zur "französischen Vorleserin". Glaubt man Lucien Bély von der Université Paris IV, gewann der "Mann in Frauenkleidern" so viel Einfluss am Zarenhof, dass er zum "Umsturz der Bündnisse" beitrug. Woraufhin Russland eine Koalition mit Frankreich gegen Friedrich II. von Preußen einging, die schließlich zum Siebenjährigen Krieg führte. Nach seiner Karriere als Mademoiselle Lia bemächtigte sich der Chevalier d'Éon als Dragonerrittmeister bei den Vorverhandlungen zum Frieden von Paris 1763 in London englischer Geheimakten.

Gleich zwei Herren diente der französische Kardinal und Außenminister Ludwigs XIV., Guillaume Dubois (1656 - 1723). Vor seiner Zeit als Außenminister hatte er als französischer Gesandter in London gearbeitet und dort ein ausgedehntes Agentennetz aufgebaut. Dieses erlaubte ihm, die Rolle des Doppelagenten sowohl für den britischen als auch für den französischen Hof zu spielen. Hinter der Kirche von Charing Cross in London, so erzählt man sich noch heute, empfing Dubois regelmäßig seine Mittelsmänner. Legendär waren auch seine Auftritte bei Hof. Im Palast von Whitehall, seit 1530 Hauptresidenz der britischen Monarchen in London, soll er sich in Nebenräumen versteckt haben, um geheime Verhandlungen zwischen Vertretern der Krone und auswärtigen Partnern zu belauschen.

Mit Fouché begann die moderne Polizeiarbeit im Sinn einer Geheimpolizei

Weniger Dunkelmann als Geheimdienstkoordinator war der österreichische Staatskanzler Wenzel Anton Graf Kaunitz (1711 - 1794), dem es unter der Habsburger-Kaiserin Maria Theresia gelang, das gesamte Postwesen für seine Zwecke einzuspannen. An allen Posthaltereien instruierte er Mitarbeiter, vornehmlich die Korrespondenz ausländischer Diplomaten auszukundschaften. Die Spitzel kopierten heimlich verdächtige Briefe und übermittelten die Abschriften dem Wiener Hof. Doch das Unterfangen flog auf: Bei der Überprüfung der Post eines englischen Gesandten namens Keith hatte einer der Schnüffler versehentlich die Kopie mit in den Umschlag des Originals gesteckt. Als der Brite protestierte, kommentierte Kaunitz die geheimdienstliche Panne lakonisch: "Was wollens, lieber Keith? Die Leit' sind halt noch ung'schickt. Es wird schon werden."

Die Ära Napoleon brachte einige brillante Köpfe hervor, die ihr konspiratives Handwerk hervorragend verstanden. Hierzu zählte etwa Joseph Fouché (1759 - 1820). Als Polizeiminister Napoleons widmete er sich in erster Linie der inneren Opposition gegen das Kaiserreich. "Mit diesem Staatsschützer", so Wolfgang Krieger von der Universität Marburg, "begann die moderne Polizeiarbeit im Sinn einer Geheimpolizei." Erstmals wurden auffällige Personen in Personalbögen, so genannten fiches, erfasst, die als Vorläufer der elektronischen Datenerfassung gelten können. Fouché unterhielt ein ganzes Heer von Spitzeln, das auf Straßen und Wegen, in Gasthäusern, Buchhandlungen und Druckereien unterwegs war. Die Berichte darüber sind noch heute in Hunderten von Bänden in den französischen Staatsarchiven einzusehen.

Einige dieser Affären sind in die Geschichte eingegangen - etwa die des Spions "Monsieur Charles", eines wortgewandten Elsässers namens Carl Ludwig Schulmeister, der sich "mit großem Geschick verstellen konnte und auch in den schwierigsten Momenten die Nerven behielt ", wie die beiden französischen Historiker Abel Douay und Gerard Hertault in ihrem 2002 erschienenen Buch "Schulmeister - dans les coulisses de la Grande armée" konstatieren. Fouché hatte dessen Qualitäten erkannt und setzte ihn erfolgreich als Agenten gegen die Österreicher ein. Als Napoleon 1805 seinen Feldzug gegen die Donaumonarchie vorbereitete, gelang es "Monsieur Charles", den Wiener Hof davon zu überzeugen, dass von Paris keine Gefahr drohe. Aufstände im Innern des Landes machten Napoleon angeblich zu schaffen, weshalb Wien seinen Grenzen gegen Frankreich kaum noch Beachtung schenkte. Was folgte, ist schnell erzählt: Napoleon zog in Wien ein und übertrug Schulmeister die Reorganisation der Polizei - eine Aufgabe, die er mit Bravor meisterte.

Ungeahnte Möglichkeiten der Informationsbeschaffung

Als sich Napoleon 1815 ergeben musste, schlug die Stunde eines Mannes, den die Zeitgenossen noch mehr fürchteten als den martialischen Korsen: Klemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich-Winneburg zu Beilstein. Wiederum mit Hilfe des Postwesens schuf der Staatskanzler Österreichs ein nahezu lückenloses Netz der Überwachung, wie der Frankfurter Historiker und Journalist Ralf Zernack 2009 nachwies. Metternichs "Ziffernkanzlei", ein Deckname für seinen Geheimdienst, machte sämtliche Posthalter zu Erfüllungsgehilfen der Polizei. Was mit dem Fürsten Kaunitz unter Maria Theresia begonnen hatte, erlangte unter Metternich Perfektion. In der Wiener Stallburg, dem Sitz der Ziffernkanzlei, saßen Spezialisten, die die Briefe verdächtiger Personen überprüften und manchmal sogar mit Zusätzen versahen, um die Observierten schließlich ans Messer zu liefern. Um jeden Funken liberaler Gesinnung auszulöschen, wurden landesweit Sicherheitsbehörden eingerichtet, deren Mittelsmänner die Nachrichten in die Staatskanzlei weiterleiteten. Als 1848 in Wien die Revolution ausbrach, richtete sich der Zorn der Massen auch gegen Metternichs Geheimbüro. Doch bevor die Revolutionäre die Ziffernkanzlei stürmten, verbrannte der verantwortliche Hofrat Zambe sämtliche Unterlagen.

War dem postalischen Schnüffelsystem damit ein Ende gesetzt, öffnete das anbrechende technische Zeitalter den geheimen Diensten ungeahnte Möglichkeiten der Informationsbeschaffung. Damit trat auch das, was Geheimdienstler gemeinhin als HUMINT, als humansourced intelligence, bezeichnen, immer stärker in den Hintergrund - doch das ist eine andere Geschichte.

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