Geschichte der Spionage Geheime Mission in Frauenkleidern

Die Spionage ist eines der ältesten Gewerbe der Welt. Schon wer im Altertum als Despot auf sich hielt, beschäftigte ein Heer von Spitzeln, die weit mehr verrieten als militärische Geheimnisse. Die Methoden der Agenten waren raffiniert - manche sogar weltbewegend.

Berühmte Spionin und Tänzerin: Mata Hari

Berühmte Spionin und Tänzerin: Mata Hari

Von Theodor Kissel


Mata Hari, Alfred Redl, Doktor Sorge, Günter Guillaume - klangvolle Namen aus dem Reich von 007, die leicht den Eindruck erwecken könnten, Spionage sei eigentlich eine Spezialität der Moderne. Doch weit gefehlt! Ein Blick zurück in die Historie zeigt, dass sie zu den ältesten Gewerben der Welt zählt. Schon vor mehr als 2500 Jahren versuchten die Herrschenden in Erfahrung zu bringen, was mögliche Staatsfeinde im In- und Ausland im Schilde führten. Den Anfang machte der Mederkönig Deiokes, der Herodot zufolge über ein Heer von Spitzeln verfügte. "Überall in seinem Machtbereich unterhielt er Späher und Horcher, so dass man ein offenes Wort nur hinter vorgehaltener Hand pflegen konnte", heißt es in den Mitte des 5. Jahrhunderts entstandenen "Historien " des griechischen Geschichtsschreibers.

Der persische Großkönig Kyros, der um 547 v. Chr. das Mederreich eroberte, hielt dieses Spitzelsystem für so effektiv, dass er es übernahm und noch ausbaute. Er überzog sein Riesenreich mit einem dichten Netz von Agenten, den "Augen und Ohren des Königs", die ihm kontinuierlich Informationen über die unterworfenen Völker, aber auch über die eigenen Beamten zutrugen. Diese sollten laut dem griechischen Historiker Xenophon "aufmerksam, verschwiegen und absolut loyal sein und die Kunst der Verstellung ebenso beherrschen wie die Gabe, sich unauffällig zu bewegen". Und damit diese "IMs der Antike", so der amerikanische Althistoriker David Graf von der University of Miami im US-Bundesstaat Florida, ihrem Gewerbe auch intensiv nachgehen konnten, wurden sie mit Geschenken und Privilegien überhäuft.

Aus dem Mund Xenophons klingt das so: "So brachte der Herrscher viele dazu, es zu ihrem Beruf zu machen, mit ihren Ohren zu horchen und mit ihren Augen auszuspähen, was immer sie dem König zu seinem Nutzen hinterbringen konnten." Die Fäden des persischen Geheimdienstes liefen beim "Auge des Königs" zusammen, einer Art Minister für Staatssicherheit. "Wie weit dessen Arm reichte", erklärt der Althistoriker Josef Wiesehöfer aus Kiel, "zeigt ein im südägyptischen Elephantine gefundener Papyrus. " Der Text, in aramäischer Sprache verfasst - der Lingua franca im persischen Vielvölkerreich -, bezeichnet einen Mann als gaušaka (von altpersisch: gauša, Ohr) - offenbar ein Spitzel in Diensten seiner persischen Majestät.

Eine Frühform des totalitären Überwachungsstaats?

Misstrauisch beäugte auch der sizilische Tyrann Hieron I. von Syrakus (gest. 466/65 v. Chr.), was in seinem Machtbereich vorging. Der griechische Philosoph Aristoteles schildert, worauf es bei der Despotenherrschaft ankam: "Für den Tyrannen gilt es, möglichst dafür Sorge zu tragen, dass nicht verborgen bleibt, was einer von den Untertanen sagt oder tut; vielmehr also Späher eingesetzt werden, wie in Syrakus die so genannten 'Zuträger' und wie Hieron die 'Ohrenkriecher' ausschickte, wo irgendein Treffen oder eine Zusammenkunft stattfand." Manche Historiker, wie der Berliner Althistoriker Volker Fadinger, sehen darin eine Frühform des totalitären Überwachungsstaats, wie ihn George Orwell 2500 Jahre später in seinem Roman "1984" prophezeit. Im Fall von Hieron I. von Syrakus diente der Bespitzelungsapparat einzig und allein dem Erhalt seiner Alleinherrschaft.

Dass geheimdienstliches Wissen Macht bedeutete, zeigte sich indes nicht nur bei Maßnahmen gegen vermeintliche innere, sondern auch gegen potenzielle äußere Feinde - allen voran bei kriegerischen Auseinandersetzungen: Wer militärisch reüssieren wollte, musste Stärken und Schwächen des Gegners kennen. Eine wichtige Quelle der Militärspionage, das zeigen die Schriften über Cäsars Feldzüge in Gallien oder Berichte über Alexanders Eroberungskrieg im Osten, waren Händler, Deserteure, vor allem aber ehemalige Kriegsgefangene. "Nicht umsonst begegneten die Römer ihren aus Feindeshand frei gelassenen Landsleuten mit großem Misstrauen und überprüften diese nach ihrer Rückkehr auf Herz und Nieren", sagt Boris Rankov von der University of London. Er vermutet, dass Kriegsgefangene schon damals während ihrer Inhaftierung auch "umgedreht" wurden. Und einen "Maulwurf" im eigenen Lager wollte man sich freilich nicht einhandeln.

"Ein ums andere Mal an der Nase herumgeführt"

In dieser Hinsicht hatten die Römer bereits jahrelang Lehrgeld bezahlt, wie Rose Mary Sheldon am Beispiel des Kriegs mit Hannibal aufzeigt. "Dieser mit allen nachrichtendienstlichen Finessen vertraute Heerführer hat die Römer ein ums andere Mal an der Nase herumgeführt", erklärt die am Virginia Military Institute lehrende Althistorikerin mit Bezug auf den römischen Historiker Livius. Der berichtet, dass Hannibal Briefe mit dem Siegelring des römischen Konsuls Marcus Claudius Marcellus fälschte, der ihm nach dessen Tod in der Schlacht von Venusia (207 v. Chr.) in die Hände gefallen war, Gerüchte über falsche Angaben zu Truppenstärke und Angriffszielen streute und seine Soldaten in römische Uniformen steckte. Berichte aus den feindlichen Feldlagern wurden ihm so direkt übermittelt. Für Klaus Zimmermann von der Universität Münster ein wesentlicher Grund dafür, warum sich der Karthager so lange gegen das Imperium behaupten konnte.

Die Römer lernten dazu und begannen ihrerseits bald nach Ende des Zweiten Punischen Kriegs (218 - 201 v. Chr.) Soldaten zu Spionagezwecken auszubilden. Inschriften belegen, dass es fortan im römischen Heer in jeder Legion zehn speculatores gab, handverlesene Soldaten, die wie moderne Spezialeinheiten hinter den feindlichen Linien operierten und die gegnerischen Truppen observierten. Alle Anzeichen eines solchen Kommandounternehmens trägt beispielsweise die Aktion des Sertorius, der im Jahr 102 v. Chr. bei den Kelten spionierte. Sertorius, so der griechische Historiker Plutarch, habe nicht nur keltische Kleidung getragen, sondern sich auch die Sprache angeeignet, um Konversation betreiben zu können. Derart getarnt sei er im Lager der Feinde erfolgreich gewesen.

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