Geschichte Görings Geheimatlas Europas veröffentlicht

Eine nach Kriegsende verschollene Kartensammlung von Reichsmarschall Hermann Göring ist knapp 60 Jahre später wieder aufgetaucht. Sie dokumentiert die wichtigsten Ressourcen im Machtbereich des Dritten Reichs und zeigt, auf welche Reichtümer Europas es die Nazis abgesehen hatten.

Bislang unveröffentlichte und verschollen geglaubte geheime Karten aus der NS-Zeit von Reichsfeldmarschall Hermann Göring sind als Nachdruck in einem Atlas erschienen. Die Karten eröffnen neue Einblicke in die Rüstungsstrategie des Dritten Reichs und zeigen, woher Rohstoffe für Waffen beschafft wurden, wie der Herausgeber von "Görings Atlas", Werner Abelshauser, am Donnerstag bei der Präsentation in Berlin sagte. Nach umfangreichen Analysen und Recherchen sei er von der Authentizität des Materials überzeugt.

Der limitierte, hochwertige Nachdruck der 33 Kartenblätter im Großformat (50 mal 50 Zentimeter) ist im Archiv-Verlag erschienen und kostet 178 Euro. Er beruht allerdings nicht auf dem deutschen Original, sondern auf einem amerikanischen Druck von 1946. "Das deutsche Original ist nicht auffindbar", sagte der Wirtschaftshistoriker Abelshauser. Der amerikanische Druck sei aber eine Fotografie des deutschen Originals und damit praktisch identisch. Die Amerikaner hätten lediglich die Länder- und Meeresnamen übersetzt, während die Städtenamen deutsch geblieben seien.

Amerikanische Soldaten hatten 1945 bei Görings Festnahme auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden das vertrauliche Kartenmaterial sichergestellt. Die Karten wurden von den US-Militärbehörden aufgearbeitet und 1946 als "Goering's Atlas" gedruckt, aber nicht veröffentlicht. Nach dem Krieg sei das in einer Bibliothek in Washington lagernde Material in Vergessenheit geraten, sagte Abelshauser. Eine Dame aus Hamburg habe im Nachlass ihres Vaters vor einem Jahr ein zweites Exemplar des Drucks gefunden und dieses dem Verlag angeboten - der ohne Zögern "für kleines Geld" zugegriffen habe.

"Ein einmaliger Fund"

Göring trieb als Beauftragter für den Vierjahresplan seit 1936 die deutsche Rüstungs- und Kriegswirtschaft systematisch voran. Als er im April 1945 aus Berlin entkam, habe er die geheimen Akten der Vierjahresplanbehörde bei sich gehabt. Die Karten seien für ihn ein Symbol und Ausweis seiner Macht gewesen, sagte Abelshauser. Sie seien streng geheim und nur zur Unterrichtung der militärischen und wirtschaftlichen Führung bestimmt gewesen.

"Diese Karten haben sicher mit dazu beigetragen, dass sich Amerikas Europastrategie 1946 dramatisch änderte", sagte der Herausgeber. So sei die Entscheidung getroffen worden, dass der Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zu Lasten, sondern mit Hilfe Deutschlands geschehen müsse. Die Karten hätten offenbart, wie groß die Rüstungsindustrie in Deutschland gewesen sei, die darüber hinaus vom Bombenkrieg relativ verschont geblieben sei. Mit Hilfe der noch in Deutschland vorhandenen Industrie sollte die Wirtschaft wieder angekurbelt werden.

"Es handelt sich um einen einmaligen Fund", sagte Abelshauser. Er gehe davon aus, dass sich der Atlas zu einem bedeutenden Instrument zur Erforschung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs entwickeln werde. Nach der Veröffentlichung werde sich nun ein internationaler Diskurs entwickeln. Eine Devotionalie für das Dritte Reich werde dies auf keinen Fall.

Göring wurde nach seiner Gefangennahme als ranghöchster Nationalsozialist in Nürnberg angeklagt. Er wurde in allen Punkten für schuldig befunden und zum Tod durch Erhängen verurteilt. Der Urteilsvollstreckung entzog er sich durch Selbstmord mit Zyankali.

Holger Mehlig, AP