Geschlecht von Neugeborenen Zweifel an der Müsli-Empfehlung für Frauen

Die These war steil: Frauen, die vor der Zeugung kräftig essen, bekommen eher einen Sohn als eine Tochter, berichteten britische Forscher im April. Nun haben Statistikexperten die Studie unter die Lupe genommen und behaupten: Der vermeintliche Effekt basiert auf einem Auswertungsfehler.


Statistik ist ein schwieriges Feld. Viele Studenten quälen sich durch die Vorlesungen und Prüfungen. Und mancher Wissenschaftler hat bei der Berechnung von statistischer Signifikanz, Irrtumswahrscheinlichkeit und Bias schon den Blick dafür verloren, was die Zahlen belegen und was nicht.

Neugeborenes: Junge oder Mädchen - am Essen der Mutter liegt's wohl eher nicht
DDP

Neugeborenes: Junge oder Mädchen - am Essen der Mutter liegt's wohl eher nicht

So soll es auch drei britischen Forschern ergangen sein, die im April über einen faszinierenden Zusammenhang von Ernährung und Geschlecht bei Neugeborenen berichtet hatten. Frauen, die sich einen Jungen wünschten, sollten vor der Zeugung kräftig essen, empfahlen Fiona Mathews von der University of Exeter und zwei Kollegen von der University of Oxford. Denn kalorienreiche Speisen würden eher für männlichen Nachwuchs sorgen als Diätkost. Das Phänomen des immer geringeren Anteils von Jungen unter Neugeborenen in westlichen Ländern sei somit erklärt - mit der um sich greifenden kalorienbewussten Ernährung der Frauen.

US-Statistiker haben nun gravierende Zweifel an der Ernährungsthese geäußert. Die Beobachtung der britischen Forscher lasse sich als statistischer Zufall erklären, schreiben Stanley Young und seine Kollegen vom National Institute for Statistical Sciences im Fachblatt "Proceedings B" der britischen Royal Society. Dort war im vergangenen April auch die nun kritisierte Untersuchung erschienen (Bd. 275, S. 1661).

Mathews und ihre Kollegen hatten darin das Essverhalten von 740 Frauen vor ihrer Schwangerschaft untersucht und waren zu dem Schluss gekommen, dass mit der Kalorienzahl auch die Wahrscheinlichkeit auf einen Jungen steigt. Das gelte vor allem für ein Müsli zum Frühstück, schrieben sie damals. Eine Erklärung für diesen möglichen Zusammenhang konnten sie allerdings nicht anbieten.

Youngs Team wirft den britischen Forschern vor, bei der Auswertung der Daten den Einfluss des Zufalls vernachlässigt zu haben. In der Studie habe es im Zusammenhang mit 132 unterschiedlichen Lebensmitteln 264 einzelne Hypothesentests gegeben. Die gleichen Daten seien also mehrfach hintereinander statistischen Analysen unterzogen worden. Dies hätte jedoch in der Auswertung berücksichtigt werden müssen. Ohne eine solche Korrektur müsse man mit falsch positiven Ergebnissen rechnen. Im konkreten Fall der 264 Hypothesentests seien dies genau 13. Dies entspreche den Daten der britischen Forscher, mithin sei Zufall eine plausible Erklärung dafür.

"Es ist nur schwer vorstellbar, dass Frauen die Wahrscheinlichkeit dafür, einen Sohn zu bekommen, durch den Verzehr von mehr Bananen, Müsli oder Salz erhöhen können", schreiben die Statistikexperten. Mehrfachtests von Daten ohne die dafür nötige Korrektur könnten falsche Schlussfolgerungen zur Folge haben. Deshalb sei es wichtig, dass Forscher ihre Originaldaten und ihre Auswertungsmethoden transparent machten.

hda/dpa



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