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Hitler im Teekessel: Dinge mit Gesicht

Foto: jcpenney.com

Phänomen Pareidolie Warum wir überall Hitler sehen

Eine Katze mit Hitler-Bart? Ein Teekessel, geformt wie die Silhouette des Diktators? Immer wieder erkennen Menschen das Antlitz Hitlers in Hausfassaden, Wolken und anderen Gegenständen. Warum ist das so?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Henkel ragt dunkel und gewellt über das Teekesselchen wie die Silhouette kurzer, akkurat gescheitelter Haare. Auf dem Deckel thront ein schwarzer Knubbel, so breit wie hoch. Ein Bärtchen? Und auch die Tülle reckt sich in die Höhe wie eine erhobene rechte Hand.

Ein Werbeplakat für einen Teekessel ging in dieser Woche um die Welt. Nicht, weil das Gerät besonders viel konnte. Wasserkochen und Pfeifen, weiter nichts. Doch wer einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, konnte nicht anders: Aus der Silhouette des Kesselchens starrte der Diktator auf die Straßen von Culver City in Los Angeles County, in denen die Plakate hingen.

Das Phänomen ist kein Einzelfall. Immer wieder sehen Menschen die markante Silhouette Hitlers in Gegenständen, in Hauswänden , sogar in flauschigen Kätzchen. Die Neigung dazu ist tief im Menschen verwurzelt. Wissenschaftler bezeichnen sie als Pareidolie - die fälschliche Erkennung von Mustern in der Unordnung. Erlebt hat das Phänomen fast jeder schon mal.

Lenin auf einem Duschvorhang, Jesus auf einem Toast

"Es gibt eine allgemeine Tendenz unter Menschen, alle Dinge als sich selbst ähnlich aufzufassen und diese Eigenschaften auf alle Objekte zu übertragen. Wir erkennen menschliche Gesichter im Mond und Armeen in den Wolken", schrieb der schottische Philosoph David Hume einst. Die Eigenschaft, Gesichter in Dingen zu erkennen, waren für ihn eine der Voraussetzung für die Entstehung von Religionen.

Lenin auf einem Duschvorhang, Jesus auf einer Scheibe Toast, Hitler in einem Kätzchen - eine lange Liste mit Beispielen zeugt von der Neigung der Menschen . Eine besondere Stellung darunter hat ein menschlich wirkendes Antlitz, das die US-Sonde "Viking 1" am 25. Juli 1976 auf dem Mars erspäht hatte. Die Aufnahme zeigte eine Felsformation, die einem Gesicht ähnelte - und Ufologen, Verschwörungstheoretiker und Hobby-Astronomen daraufhin Jahrzehntelang beschäftigte.

Anders als viele Freizeitforscher gingen die Nasa-Experten von einer optischen Täuschung aus: Dass vermeintlich Augen, Mund und Nase zu sehen sind, liege am Sonnenstand und der Form des Felsen. Doch es sollte 30 Jahre dauern, bis die europäische Raumfahrtagentur Esa das Rätsel schließlich mit viel Aufwand lösen konnte. Eine Sonde fotografierte das Marsgebiet in hoher Auflösung. Die spektakulär detailreichen 3-D-Bilder bestätigen die These, dass "Viking 1" nichts anderes als den Schatten eines verwitterten Tafelbergs entdeckt hatte.

Dinge mit Gesicht: Linke und rechte Hirnhälfte spielen mit

Die Erkennen von Gesichtern in einer Reihe von Dingen, ist wahrscheinlich auch evolutionär bedingt. Ständig muss der Mensch aus einer Ansammlung von Linien, Kurven, Oberflächen und Farben auf das Gesehene schließen. Dabei ist das Gehirn in besonderer Weise dazu erzogen worden, Gesichter zu sehen. Bereits kurz nach der Geburt richten Babys ihre Aufmerksamkeit auf Gesichter und Dinge, die Gesichtern ähneln. Hat der Mensch einmal ein Gesicht in einem Gegenstand erkannt, verstärkt die Erwartung das Phänomen: Hitler ist aus der Silhouette der Teekanne nicht mehr wegzudenken.

Forscher des Massachusetts Institute of Technology untersuchten die Eigenschaft, Gesichter in Gegenständen zu sehen, im Jahr 2012 im Detail . Mit Hilfe funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRI) beobachteten sie bei Testpersonen, was im Gehirn passiert, während sie Bilder von Gesichtern und Bilder von Dingen mit Gesichtern betrachteten.

Laut ihren Ergebnissen bewertet ein Hirnareal in der linken Hälfte, wie ähnlich ein Bild einem Gesicht ist. Die rechte Hirnhälfte hingegen entscheidet, ob es sich bei dem Gesehenen tatsächlich um ein Gesicht handelt. Starrt man den Hitler-Teekessel an, geraten also - stark vereinfacht gesagt - beide in Konflikt: Links meldet ein Gesicht, rechts einen Gegenstand. Der Mensch sieht ein Ding mit Gesicht.

Bleibt noch die Frage, warum die Menschen rund um den Globus gerade Hitler so häufig erspähen. Ein Grund dafür ist wohl seine markante Silhouette, sein unverkennbares Bärtchen, sein strenger Seitenscheitel. Ein anderer seine grausige Berühmtheit. Überall auf der Welt kennen die Menschen den Diktator. Und überall auf der Welt erkennen sie ihn.


Sie wollen mehr über das Phänomen erfahren? Im August erscheint das Buch "Dinge mit Gesicht: Die Welt steckt voller Lächeln"  von SPIEGEL ONLINE-Autor Konrad Lischka.

irb/lis