Gesichtsblind Ist das mein Kind?

Etwa zwei Prozent der Menschen fällt es schwer, Gesichter zu erkennen - manchmal sogar das eigene. Gehören Sie auch dazu? Hier kommt der Test in den Wissenschaftsnachrichten der Woche aus den USA.

Gesichtsblinde können andere - und teils auch sich selbst - nicht am Gesicht erkennen
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Gesichtsblinde können andere - und teils auch sich selbst - nicht am Gesicht erkennen

Aus Boston berichtet


  • DER SPIEGEL/ Rick Friedman
    Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.

Fehler in der Datenerfassung

In seiner Forschung hat es Martin Eimer mit Menschen zu tun, die Angst haben, ihre Kinder von der Schule abzuholen - weil sie fürchten, diese nicht zu erkennen. Einmal, erzählt der Neurowissenschaftler aus London, brachen zwei seiner Probanden weinend zusammen, weil sie ein Foto von sich selbst für dasjenige eines Fremden gehalten hatten.

Im Vortrag am Hirnforschungsinstitut des MIT berichtet Eimer von seiner Forschung zum Thema Gesichtsblindheit. Verblüffenderweise, sagt er, seien die Hirnregionen, die sich mit der Verarbeitung von Gesichtszügen befassen, bei den Betroffenen intakt. Es sind vermutlich ihre Augen, die Gesichter nicht recht zu lesen vermögen. Mit anderen Worten: Es hapert nicht an der richtigen Software. Defekt ist vielmehr die Art der Datenerfassung.

Zumindest in moderater Form ist Gesichtsblindheit übrigens überraschend verbreitet: Rund zwei Prozent aller Menschen leiden darunter. Das erklärt vielleicht das enorme Interesse: Auf der Website von Eimers Institut kann jedermann ausprobieren, wie gut er fähig ist, Gesichter zu erkennen. Dieser Test (hier), sagt Eimer, wird bis zu 150.000 Mal pro Woche abgerufen.

Ist Trump dement?

Eine heikle Frage wirft der medizinische Onlinedienst "Stat" auf. Reporterin Sharon Begley ist sich bewusst, dass sie sich damit bis an die Grenze des Zulässigen vorwagt: Könnte es sein, so fragt sie, dass der Mann im Weißen Haus unter Demenz leidet?

Begley verglich Trumps heutige Auftritte auf Pressekonferenzen mit älteren Aufnahmen, auf denen er sich als Immobilienmogul den Fragen von Journalisten gestellt hatte. Der Unterschied ist frappierend: Einst antwortete Trump in vollständigen Sätzen, heute stammelt er oft nur syntaktisches Wirrwarr; sein Wortschatz ist verkümmert; neu sind auch seine fahrigen Gedankensprünge und die ständigen Wiederholungen.

Begley befragte Psychiater, Psychologen und Neurologen. Einhellig glaubten diese, Merkmale kognitiven Verfalls zu erkennen. Doch sind solcherart Ferndiagnosen erlaubt? Sie widersprechen der sogenannten Goldwater-Regel, die erlassen wurde, nachdem Psychiater dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater im Jahr 1964 öffentlich psychiatrische Störungen attestiert hatten.

Zwar könne niemand, der Trump nicht persönlich untersucht hat, Verbindliches über seine geistige Gesundheit aussagen, räumt Begley ein. Doch dank der umfänglichen Ton- und Bilddokumente könnten Experten diesem Ziel nahekommen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Psychologen und Journalisten Trump trotz der Goldwater-Regel per Ferndiagnose geistige Störungen attestieren. Mehrfach wurde spekuliert, dass Trump von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung betroffen ist.

"Stellt euch dem Risiko!"

Harvard-Absolventen bei ihrer Abschlussfeier am Donnerstag in Boston
AP

Harvard-Absolventen bei ihrer Abschlussfeier am Donnerstag in Boston

Die Harvard-Universität entlässt eine neue Generation von "Leadern" ins Leben, alles steht im Zeichen der Feierlichkeiten. Ausgelassene Trupps mit Talaren und purpurroten Schärpen ziehen durch die verregneten Straßen. Etwas verloren, aber stolz streunen die Eltern über den Harvard Square, überglücklich darüber, dass sich ihre große Investition in die Zukunft der frisch graduierten Söhne und Töchter gelohnt hat.

Gute Ratschläge für die Chefs von morgen gibt's von den Chefs von gestern: "Seid kühn! Stellt euch dem Risiko!", ruft in der Law School die von Trump gefeuerte Ex-Generalstaatsanwältin Sally Yates den Studienabgängern zu. Die Rede für die frisch gebackenen Politologen und Staatswissenschaftler der Kennedy School hält Ex-Außenminister John Kerry: "Nichts ist normal in der heutigen Politik", verkündet er dort. Ex-Vizepräsident Joe Biden tröstet unterdessen die Abgänger des Colleges, auch die Ära Trump werde ein Ende nehmen: "Glaubt mir, das geht vorüber."

China ist besser als die USA

Mit einem Kommentar im "Boston Globe" trübt Graham Allison von der Kennedy School die Feierlaune. Bei allem Jubel möge man nicht vergessen, dass die so hoch gerühmten US-Universitäten in Begriff seien, ihre Vormachtstellung in der Welt zu verlieren. Das MIT, lange Zeit unumstritten in seiner Rolle als beste Ingenieursschule der Welt, sei im Ranking von "US News & World Report" auf den zweiten Platz hinter die chinesische Tsinghua Universität abgerutscht. Unter den Top Ten fänden sich inzwischen neben vier technischen Hochschulen aus Amerika auch vier aus China.

Überhaupt, meint Allison, hätten die Amerikaner noch nicht begriffen, dass ihr Land den Platz an der Weltspitze vielerorts bereits verloren hat. Wie wenig dies bisher ins Bewusstsein gedrungen ist, zeige sich unter seinen Studenten. Als er sie fragte, ob China wohl noch zu ihren Lebzeiten Amerika als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen werde, hielt etwa die Hälfte der befragten Harvard-Studenten dies für nicht sehr wahrscheinlich. Auch die andere Hälfte war schockiert, als Allison ihnen dann eröffnete, dass das in ferner Zukunft Erwartete längst eingetreten ist: Seit dem Jahr 2014 ist Amerika nur noch die Nummer zwei in der Welt.

Drohnen in der Atemfontäne

Die besondere Sorge der Meeresbiologen am Aquarium in Boston gilt dem Atlantischen Nordkaper. Mit großem Aufwand verfolgen sie das Schicksal fast jedes einzelnen der knapp 500 Exemplare dieser hoch bedrohten Walart. Auch die Gesundheit der Tiere wird protokolliert.

Atlantischer Nordkaper
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Atlantischer Nordkaper

Zwar können die Waldoktoren ihre kolossalen Patienten nicht mit dem Stethoskop abhorchen. Dafür ermitteln sie auf anderem Wege, wie gesund die Lunge der Wale ist: Sie steuern Drohnen in die Atemfontäne der Tiere und analysieren dann die dabei entnommenen Proben.

Noch ist ungewiss, ob es gelingen wird, das Aussterben dieser behäbigen Giganten zu verhindern. Erschreckend häufig kollidieren Nordkaper mit Frachtschiffen, oder sie verheddern sich in den Fangleinen der Hummerfischer und gehen elendiglich daran zugrunde.



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