Gibraltar Die letzte Zuflucht der Neandertaler

Die letzten Neandertaler hatten eine sonnige Zuflucht - und einen tollen Ausblick. Steinwerkzeuge aus einer Höhle in Gibraltar stellen ihre jüngsten Spuren dar. Demnach lebten Neandertaler bis vor 28.000 Jahren in Europa - lange parallel zu modernen Menschen.
Von Stefan Schmitt

Heute liegt die Gorham-Höhle gleichermaßen pittoresk wie unwirtlich am Fuße eines der bekanntesten geografischen Punkte Europas: Aus der Höhle fällt der Blick auf die Straße von Gibraltar, unten schwappt das Mittelmeer gegen den Fels. Vor mehr als 30 Jahrtausenden fiel der Blick aus derselben Höhle auf fruchtbare Küstenebene und Marsch. Wegen der Eiszeit lag der Meeresspiegel niedriger, auch an der Engstelle zwischen Europa und Afrika.

Die Höhle, in der heute Forscher graben, war bereits damals bevölkert - vom Neandertaler, dem ausgestorbenen Vetter des Menschen. Dessen Abschied aus der Evolutionsgeschichte soll jedoch deutlich später stattgefunden haben, als Forscher bisher angenommen hatten: Steinwerkzeuge aus Gibraltar deuten auf Neandertaler hin, die hier noch vor 28.000 Jahren lebten, eventuell sogar noch vor 24.000 Jahren.

Die Neandertaler von Gibraltar seien die "letzten irgendwo verzeichneten", schreiben Clive Finlayson und ein Team von 24 weiteren Wissenschaftlern in einer Online-Vorabpublikation des Fachblatts "Nature" : "Unsere Ergebnisse zeigen, dass Neandertaler lange nach der Ankunft moderner Menschen in abgeschiedenen Zufluchten überlebt haben."

Überlebensspanne rückwirkend verlängert

150 Jahre nach dem Fund der ersten Neandertaler-Knochen in einem Steinbruch bei Düsseldorf und kurz nach der Ankündigung von Leipziger Forschern, das Neandertaler-Erbgut vollständig zu entziffern, soll nun auch die Überlebensspanne des Homo-sapiens-Vetters rückwirkend verlängert werden.

Die Ergebnisse seien ausreichend, um diese Schlussfolgerung zu rechtfertigen, sagte Darren Fa, Vizedirektor des Gibraltar Museums und Mitglied des Forscherteams, zu SPIEGEL ONLINE. Zur Sensation jedoch fehlt den Forschern der Protagonist: Sie fanden keine Neandertaler selbst, sondern nur deren Werkzeuge.

Mehrere Stellen der Gorham-Höhle dienten den Bewohnern vor Jahrtausenden als Küche. Bis heute können die Forscher die Feuerstellen im Boden erkennen. Und wo gekocht wird, braucht man Besteck und Küchengeräte. Im Fall der Höhlenherren von vor rund 30.000 Jahren waren das Steinwerkzeuge, die Finlayson und seine Kollegen im Boden fanden. Wie Archäologen legten sie einen sogenannten Horizont an, einen vertikalen Schnitt durch den Untergrund. Wo Steinwerkzeuge steckten, entnahmen sie Asche-, Holzkohle- und Sedimentproben.

Von Keilen auf Kerle geschlossen

Mittels Massenspektrometern und der Kohlenstoff-14-Datierung konnten sie das Material, in welches die Werkzeuge gebettet lagen, zeitlich einordnen. Von diesen primitiven Keilen schließen die Forscher auf Hersteller und Benutzer. "In Europa wird die Moustier-Technik ausschließlich mit Neandertalern in Zusammenhang gebracht", sagte Fa. Nach dem Fundort im französischen Le Moustier ist eine bestimmte Art benannt, Steine zu Werkzeugen zu behauen. Moderne Menschen hätten Moustier-Keile nur im östlichen Mittelmeerraum benutzt, und zu einer ganz anderen Zeit, sagte Fa.

Die Befundlage sei "nicht ideal", aber die Schlussfolgerungen des Forscherteams halte sie für "sinnvolle Annahmen", sagte Katerina Harvati vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie zu SPIEGEL ONLINE.

Die Anthropologin hat zusammen mit Eric Delson vom Museum of Natural History in New York für "Nature" einen Begleitartikel zu Finlaysons Aufsatz verfasst. Ihr Urteil: Zwar seien die Hinweise auf eine nur 24.000 Jahre alte Neandertaler-Population in Gibraltar noch zu unsicher, aber die Spuren aus der 28.000 Jahre alten Schicht seien jünger als irgendein anderes gut belegtes Erscheinen des Homo neanderthalensis. "So ein langes Überleben würde die Bedeutung der südlichen iberischen Halbinsel unterstreichen - als Zufluchtsort in einer Zeit, als sich der moderne Mensch in Mitteleuropa schon ausgebreitet und kulturell entfaltet hat", schreiben die beiden Wissenschaftler.

Wie lange waren Homo sapiens und Neandertaler Nachbarn?

Laut Harvati sieht es so aus, dass die Zeit der Überschneidung länger gedauert hat, als jüngste Forschungsergebnisse vermuten lassen. Vor rund 32.000 Jahren erreichten moderne Menschen den Süden der iberischen Halbinsel. Sollten sich Finlaysons Schlussfolgerungen als korrekt erweisen, würde das eine Parallelexistenz von mehr als 6000 Jahren bedeuten. Und falls Finlayson gar in der Lage sein sollte, auch den Verdacht auf Neandertaler noch vor 24.000 Jahren zu erhärten, hätten die beiden Hominiden-Arten rund 8000 Jahre nebeneinander Südspanien bewohnt.

"Zu irgendeinem Zeitpunkt müssen sie sich dann getroffen haben", sagte Harvati, auch wenn die Populationen auf beiden Seiten eher klein gewesen sein dürften. Der Fund am äußersten Südzipfel des europäischen Kontinents stützt auch die These, dass der Neandertaler vor dem aus Südosten eindringenden Homo sapiens immer weiter zurückgewichen ist, bis dieser ihn schließlich überall verdrängt hatte. Von der These eines blutigen Urvölkermordes halten viele Wissenschaftler dagegen nichts. Vielmehr kursieren unter Anthropologen Szenarien einer unterschiedlich intensiven Koexistenz während einer Überschneidungszeit.

Hausputz verschleiert Ende der Höhlenbewohner

Wie viele Jahrtausende die ungleichen Vettern im heutigen Südspanien Gelegenheit hatten, sich kennenzulernen, haben ausgerechnet die Bewohner der Gorham-Höhle verschleiert - durch ihre häusliche Reinlichkeit. Selbst das Team um Finlayson ist äußert vorsichtig, was die Datierung auf nur 24.000 Jahre betrifft. Harvati und Delson gehen gar davon aus, dass man diese Zahl noch nicht ernst nehmen kann - zu unsicher seien die Funde.

Denn an jenen Stellen im Untergrund, die auf eine Besiedlung bis vor 24.000 Jahren hindeuten, sei die Schichtung gestört: Jünger datierte Holzkohlestücke tauchten dort etwa in zu tiefen Schichten auf. Die Vermischung sehen die Forscher als Zeichen, dass die ehemaligen Bewohner der Höhle ihre Herdplätze mehrfach gesäubert und neu angelegt haben. Nur die Belege für Neandertaler vor 28.000 Jahren stammen aus ausreichend ungestörten Ecken der Zuflucht.

Doch auch diese Datierungen sind der Anfang eines neuen Rätsels. Just jene Moustier-Werkzeuge, anhand derer Finlayson und sein Team auf die Anwesenheit von Neandertalern schließen, lassen die Wissenschaftler grübeln: "Wenn sie schon so lange überlebt haben sollten, warum stellten die Neandertaler dann weiterhin diese Steinwerkzeuge her?", fragt sich Anthropologin Harvati.

Denn an anderen Orten Europas wie den berühmten Neandertaler-Fundstätten Arcy-sur-Cure und St. Césaire in Westfrankreich waren Neandertaler schon deutlich früher einer anderen Mode gefolgt. So fanden Forscher Steinwerkzeuge anderer Bauart und sogar Schmuckstücke. Das können sich die Neandertaler nach Ansicht vieler Wissenschaftler nur beim zugewanderten Homo sapiens abgeschaut haben. Demnach könnte der unveränderte Moustier-Stil der relativ jungen Werkzeuge aus Gibraltar darauf hindeuten, dass die letzte Zuflucht des ausgestorbenen Vetters zwar ein gastfreundliches Plätzchen war - dafür aber ziemlich frei von kulturellen Anregung und neuen Impulsen.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.