Gift-Hinrichtung Henker verstehen ihr Handwerk nicht

Die Giftspritze steht für das Paradoxon einer humanen Hinrichtung. Doch eine neue Studie von US-Medizinern zeigt, warum das in den USA favorisierte Verfahren schmerzhaft, fehlerhaft und quälend langsam sein kann: Die Methode ist ungenügend erforscht und wird nachlässig angewendet.


Neuer Stoff für die Debatte über die Todesstrafe und ihre Vollstreckung: Ausgerechnet bei der Exekution per Giftspritze zeigen US-Forscher, wie wenig über die Wirkstoffkombination und ihre Anwendung bekannt ist. Unterlagen von jüngsten Hinrichtungen, klinische Fachveröffentlichungen und die Ergebnisse von Tierversuchen haben Mediziner um Teresa Zimmers von der University of Miami ausgewertet. Nun berichten sie in der Fachzeitschrift "PLoS Medicine" (Online-Veröffentlichung): Man weiß wenig, genau berechnet wird die Dosierung in der Hinrichtungskammer nicht, und das Exekutionspersonal ist nur mangelhaft für seine Aufgabe ausgebildet.

Hinrichtungs-Liege (in Kalifornien): Paradoxe Illusion von der humanen Hinrichtung
California Department of Corrections and Rehabilitation

Hinrichtungs-Liege (in Kalifornien): Paradoxe Illusion von der humanen Hinrichtung

Für öffentliches Aufsehen sorgen indes nur besonders spektakuläre Fälle wie jener im Dezember 2006: Festgeschnallt an eine Liege wurde dem Mann über Schläuche Gift in die Venen geleitet. Zeichen von Agonie durchfuhren minutenlang Gesicht und Körper. Doch entgegen den Erwartungen starb der Mann nicht. Auch nach mehr als einer Viertelstunde ging der Todeskampf noch weiter. Plötzlich bäumte sich der Sterbende auf, seine starren Augen öffneten sich weit. Ein Arzt mit einer blauen Kapuze über dem Kopf betrat die Bühne und überprüfte zwei Mal die nachlassenden Lebenszeichen. Insgesamt 34 Minuten dauerte die gesamte Prozedur, bis die Vollstreckung annonciert werden konnte.

Die qualvolle Hinrichtung des wegen Raubmordes zum Tode verurteilten Angel Diaz erhitzte die Gemüter. Floridas Gouverneur Jeb Bush, Bruder des amtierenden US-Präsidenten, wies in einer schriftlichen Stellungnahme auf die korrekte Einhaltung des vorgegebenen Verfahrens hin.

Angeblich soll eine Leberkrankheit die Wirkung des Giftes bei Diaz verzögert haben. Deshalb sei er erst nach der Injektion einer zweiten Dosis gestorben.

Betäubungsmittel kann schnell wieder abklingen

Doch nach der Studie von Zimmers und ihren Kollegen läuft die Hinrichtung per Todesspritze immer wieder weniger glatt als vorgesehen. Ein Teil des amerikanisch-spanischen Teams hatte bereits vor zwei Jahren in der Medizinzeitschrift "Lancet" auf Probleme bei der Betäubung hingewiesen. Jetzt analysierten die Wissenschaftler Daten zu Exekutionen in den US-Bundesstaaten North Carolina und Kalifornien - diese beiden veröffentlichen Details über Hinrichtungen - und können ihr Unbehagen mit Daten untermauern.

Vor allem den Einsatz des Anästhetikums Thiopental kritisiert Zimmers scharf. Es wird bei einer Gift-Hinrichtung als erste von drei Substanzen eingeleitet. "In der Chirurgie wird es kontinuierlich in kleinen, ansteigenden Mengen verabreicht, bis eine tiefe Narkose erreicht ist", sagte die Medizinerin zu SPIEGEL ONLINE. Bei einer Vollstreckung werden dagegen zwei oder drei Gramm auf einmal injiziert. "Das kann die Wirkung beschleunigen, aber auch wieder schneller abklingen lassen."

In der Veterinärmedizin werden mehrere hohe Einzeldosen Thiopental benutzt, um größere Tiere für 5 bis 15 Minuten zu betäuben. Und tatsächlich wurden im Blut toter Verurteilter erschreckend geringe Thiopental-Konzentrationen nachgewiesen. In mehr als 40 Prozent der Fälle, das geht aus den Hinrichtungs-Unterlagen hervor, könnten die Hingerichteten sogar noch bei Bewusstsein gewesen sein, als die beiden anderen Substanzen sie töteten - genau diese Qual sollte der Einsatz der Mixtur eigentlich verhindern.



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