Gift im Moor Das bleierne Erbe der Kelten

Der Torf vergisst nicht. Bleiablagerungen in einem Moor bei Dijon erzählen eine Jahrhunderte lange Geschichte des Bergbaus. Große Mengen des giftigen Metalls stammen jedoch nicht aus der Neuzeit, sondern aus den Schmelzöfen der Kelten.


Keltische Grabbeigaben aus dem 6. Jahrhundert vor Christus: Bleispuren aus Holzkohleöfen finden sich bis heute im Torf
DPA

Keltische Grabbeigaben aus dem 6. Jahrhundert vor Christus: Bleispuren aus Holzkohleöfen finden sich bis heute im Torf

An ihrem Müll sollst Du sie erkennen - die alte Regel der Archäologie bewährt sich immer wieder aufs Neue und lässt sich auch auf Abgase und dreckige Abfälle erweitern. Im Torf eines Moores 100 Kilometer südwestlich von Dijon entdeckten Geologen der der Université de Bourgogne erstaulich hohe Bleikonzentrationen - ein eindeutiger Hinweis auf Bergbau in der Region.

Die Bleianalyse bestätigt einige Thesen über die Besiedlung des Gebiets, schreiben die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Environmental Science and Technology". "Archäologen hatten bereits vermutet, dass es hier vor Beginn der Zeitrechnung Bergbau gegeben hat", sagte der Geologe Fabrice Monna dem Wissenschaftsdienst "Nature Science Update". "Es fehlte aber bis heute ein Beweis."

Ein Fünftel des Bleis im Torf stamme aus der Zeit vor dem 11. Jahrhundert, die Hälfte aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert. "Das beweist, dass jegliche Bleiverschmutzung, die wir heute verursachen, für tausende Jahre erhalten bleibt", erklärte Monna.

Umweltforscher wissen schon länger, dass Blei in organischen Materialien wie Torf nur sehr langsam abgebaut wird. Heute ist vom bleiernen Erbe kaum etwas zu ahnen - die Region ist grün, von Industrie weit und breit keine Spur. Die letzten großen Minen arbeiteten laut Monna im 19. Jahrhundert, aber die Bleikonzentration liege immer noch bei 80 Mikrogramm je Gramm Torf - "ziemlich viel", wie der Forscher findet.

Die ältesten Bleirückstände datierten die Geologen auf 1300 vor Christus - damals begann der Bergbau. In dieser Zeit war Blei ein wertvoller Rohstoff: Durch seinen Zusatz zu anderen Metallerzen konnte deren Schmelzpunkt gesenkt werden. Die damaligen Holzkohleöfen erreichten Temperaturen von 700 Grad Celsius.

Die Bleiverschmutzung im Torf erreichte zwei Höhepunkte: Während der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert und als die Kelten in der Region siedelten - im ersten vorchristlichen Jahrhundert.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.