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Späte Diagnose: Ötzi wird durchgecheckt

Foto: EURAC/ Samadelli Marco

Gletschermumie Forscher enthüllen Ötzis Krankenakte

5300 Jahre nach seinem Tod stellen Forscher dem Gletschermann Ötzi seine Diagnose: Er vertrug keine Milch und hatte Herzprobleme - das ergab die Analyse seines Erbguts. Seine nächsten Verwandten lebten demnach auf Inseln im Mittelmeer.

Tübingen/Bozen - Ötzi, die Gletschermumie aus den Tiroler Alpen, wurde weltberühmt: Wilder Bart, sonnengegerbte Haut, scharf geschnittenes Gesicht - so soll Ötzi ausgesehen haben, als er vor 5300 Jahren im Eis der Alpen starb. Vermutlich wurde er ermordet. Nun haben Forscher das gesamte Erbgut der Eiszeit-Mumie Ötzi gelesen und zum Teil entschlüsselt. Dabei stießen sie auf Belege für Krankheiten, die viele Experten bislang für moderne Zivilisationskrankheiten hielten: Unter anderem litt Ötzi an Laktose-Intoleranz - er vertrug also keine Milch - und an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Unter anderem sei jetzt auch die Ursache für die bereits bekannte Arterienverkalkung geklärt, unter der Ötzi gelitten hatte, schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Nature Communications". Diese Krankheit wird heute vor allem auf fetthaltiges Essen, Rauchen und Bewegungsmangel zurückgeführt - Auslöser, die bei dem Mann aus der Jungsteinzeit ausgeschlossen werden können. Bei Ötzi seien allerdings genetische Ursachen für die Erkrankung gefunden worden. "Es zeigt, dass Herz-Kreislauferkrankungen keineswegs moderne Zivilisationskrankheiten sind", betonte der Bozener Forscher Albert Zink.

Probleme als Ackerbauer

Die Milchzucker-Unverträglichkeit könnte Ötzi hinderlich gewesen sein: "Auf dem Weg zur Sesshaftwerdung mit Ackerbau und Viehzucht wird es für ihn schon schwierig gewesen sein, dass er keine Milch vertragen konnte", sagte Carsten Pusch, der die genetischen Untersuchungen an der Universität Tübingen geleitet hat, der Nachrichtenagentur dpa.

Generelle Rückschlüsse auf die genetischen Ursprünge von Krankheiten ließen sich durch die Untersuchung der Ötzi-DNA aber noch nicht ziehen, sagte Pusch. Dafür reiche es nicht, nur einen einzigen 5300 Jahre alten Menschen zu untersuchen. Schon im vergangenen Herbst hatten die Wissenschaftler erste Ergebnisse ihrer DNA-Analyse öffentlich gemacht. Bereits dabei zeigte sich, dass Ötzi braune Augen und braune Haare hatte.

"Das hätte ich nicht geglaubt"

Auch bei der Suche nach Ötzis genetischen Verwandten wurde das insgesamt mehr als 40-köpfige Forscherteam fündig - und zwar ausgerechnet auf Sardinien und Korsika, obwohl Ötzi die Alpenregion früheren Untersuchungen zufolge nie verlassen hat. "Vermutlich haben diese Inselbewohner und Ötzi die gleichen Vorfahren", sagte Pusch. Doch welche Wanderungsbewegungen hinter diesem Verwandtschaftsverhältnis stehen, sei noch unklar.

Die Entschlüsselung von Ötzis DNA sei ein Glücksfall gewesen, erzählte Pusch. An einem kleinen Stück aus Ötzis linkem Beckenknochen wollten die Tübinger Forscher ein neues Verfahren ausprobieren. "Wir wollten abschätzen, wie viel Knochenmaterial wir bräuchten, um Ötzis Erbgut komplett zu entschlüsseln." Nach mehreren Monaten Arbeit wurde dann klar, dass das ein Zentimeter lange und einen Millimeter dicke Knochenstück schon ausgereicht hatte, um zum ersten Mal Ötzis komplettes Erbgut zu entziffern. "Das hätte ich selbst vorher nicht geglaubt", sagte der Humangenetiker.

Kaum ein Mensch wurde je so intensiv untersucht wie Ötzi. Im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen, wo die Mumie liegt und wo die Wissenschaftler aus aller Welt ein- und ausgehen, dürfte man langsam den Überblick darüber verlieren, wie viele Forschungsteams sich mit der Mumie aus dem Eis beschäftigt haben.

Ötzi wurde geröntgt, in Computertomografen geschoben, sein Mageninhalt wurde analysiert, seine Muskeln rekonstruiert, seine Knochen genau untersucht, es wurden Pollen in seinem Darm analysiert und immer wieder machten sich Experten daran, sein Erbgut zu entschlüsseln. Dadurch weiß man heute in etwa, wie er in der Jungsteinzeit lebte, wie er aussah, wie er bekleidet war und welche Werkzeuge er nutzte. Und nun wurde auch seine Krankenakte bekannt - 5300 Jahre nach seinem Tod.

boj/dpa
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