Gefährliches Klimagas Methanemissionen im Energiesektor deutlich höher als offiziell angegeben

Die Internationale Energieagentur hat den globalen Methan-Ausstoß erstmals für den gesamten Energiesektor ermittelt: Er ist viel höher als bisher angenommen. Dabei ließe sich das Methan nutzen – um die Energieversorgung abzusichern.
Auf einer Ölförderanlage in Russland wird Methan verbrannt

Auf einer Ölförderanlage in Russland wird Methan verbrannt

Foto: Andrey Rudakov / Bloomberg Creative Photos / Getty Images

Fast ein Drittel des globalen Temperaturanstiegs ist auf Methan in der Atmosphäre zurückzuführen. Und die globalen Methan-Emissionen steigen, wie der aktuelle Report »Global Methane Tracker 2022«  der Internationalen Energieagentur (IEA) zeigt.

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Für den zweitgrößten Teil des Methan-Ausstoßes ist nach der Landwirtschaft demnach der Energiesektor verantwortlich – und die Emissionen in diesem Bereich sind der IEA zufolge deutlich höher, als offiziell angegeben wird: um 70 Prozent. Die IEA rief die Weltgemeinschaft deshalb auf, ihre Überwachungsbemühungen und politischen Maßnahmen zu verstärken, um die Emissionen des umweltschädlichen Gases zu verringern.

Zum ersten Mal wird die Kohleindustrie miteinbezogen

Die IEA veröffentlicht jedes Jahr einen aktualisierten Bericht zu Methan. Im Report für dieses Jahr wurde erstmals auch der Beitrag der Kohleindustrie erfasst. Anteilig stelle dieser Bereich die größte Methanquelle im Energiesektor dar: 42 Millionen Tonnen Methan entfielen auf die Kohleindustrie, 41 Millionen Tonnen auf die Förderung von Erdöl, 39 Millionen Tonnen auf die Nutzung von Erdgas.

Bei der Förderung von Erdöl und Kohle kann Methan über verschiedene Wege freigesetzt werden. So besteht etwa das sogenannte Grubengas, das beim modernen Abbau von Steinkohle entweicht, hauptsächlich aus Methan. Die Emissionen aus dem Untertagebau sind dabei besonders hoch. Auch aus stillgelegten Schächten und Minen kann weiterhin Methan austreten. Die Technologien, um das Gas aufzufangen und – zum Beispiel für die Stromerzeugung – zu nutzen, gibt es bereits: Methan kann etwa über Drainage- oder Ventilationssysteme an die Oberfläche transportiert werden.

»Methanlecks vervielfachen die Klimaauswirkungen der Kohleverbrennung. Dieses Problem kann nicht länger ignoriert werden«, sagte etwa Anatoli Smirnov von der Klimaforschungsgruppe Ember. »Bis heute haben die Kohleunternehmen sehr wenig getan, um die Methanlecks zu reduzieren, obwohl es kosteneffektive Technologien gibt«.

Insgesamt sind die Methanemissionen aus dem Energiesektor im vergangenen Jahr laut IEA um knapp fünf Prozent gestiegen. Der Sektor sei für etwa 40 Prozent der vom Menschen verursachten Methanemissionen verantwortlich.

Weniger Methan hätte einen weniger schnellen Temperaturanstieg zur Folge

Der mittelfristige Treibhauseffekt, der von einer Tonne atmosphärischem Methan ausgeht, ist um ein Vielfaches stärker als der Effekt, den eine Tonne CO verursacht: Über einen Zeitraum von hundert Jahren hat Methan eine 28-mal stärkere Klimawirkung als CO₂, über 20 Jahre ist die Wirkung 86-mal stärker. Deshalb ist Methan – trotz geringerer atmosphärischer Konzentration als CO₂ – für einen großen Teil der Erderwärmung seit Beginn der Industrialisierung verantwortlich.

Gelänge es, den globalen Methanausstoß bis 2030 um 45 Prozent zu senken, ließe sich allein damit die globale Durchschnittstemperatur von 2040 an um etwa 0,3 Grad Celsius mindern. Und schon eine Reduzierung der Methanemissionen um 30 Prozent innerhalb der nächsten zehn Jahre hätte laut IEA die gleiche Wirkung auf die globale Erwärmung bis zur Mitte des Jahrhunderts wie die sofortige Umstellung des Verkehrssektors auf Netto-Null bei den CO₂-Emissionen.

Nach Angaben des IPCC ist die heutige Methankonzentration in der Atmosphäre so hoch wie seit mindestens 800.000 Jahren nicht mehr.

Die Top fünf des Methanausstoßes: China, Indien, die USA, Russland und Brasilien

Der Bericht der IEA enthält auch umfassende Emissionsschätzungen für jedes Land – dank verbesserter Satellitentechnik ließen sich Methanaustritte leichter überwachen.

Den Schätzungen nach ist China mit 28 Millionen Tonnen die größte Quelle der weltweiten energiebezogenen Methanemissionen, gefolgt von Russland mit 18 Millionen Tonnen und den Vereinigten Staaten, die für 17 Millionen Tonnen Methan im Energiesektor verantwortlich waren. Über alle Sektoren hinweg seien die Emissionsintensitäten in Turkmenistan und Venezuela am höchsten. Am besten schnitten Norwegen und die Niederlande ab, doch auch Länder wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate hätten einen relativ niedrigen Ausstoß. »Würden alle Förderländer die Emissionsintensität Norwegens erreichen, würden die weltweiten Methanemissionen aus der Öl- und Gasförderung um mehr als 90 Prozent sinken«, heißt es dazu im Bericht der IEA. Als die fünf größten Methanemittenten der Welt, aus allen Quellen, würden China, Indien, die Vereinigten Staaten, Russland und Brasilien gelten.

Mehr als 100 Länder  haben sich im vergangenen Jahr auf der Klimakonferenz in Glasgow einem Vorhaben angeschlossen, die Methanemissionen bis 2030 um 30 Prozent gegenüber dem Stand von 2020 zu senken. Von den fünf größten Methanemittenten sind nur die USA und Brasilien darunter.

Der unkontrollierte Austritt von Methan, das der Hauptbestandteil von Erdgas ist, sei auch aus der Perspektive der Versorgungssicherheit mit Energie ein Versäumnis. Der IEA zufolge hätte die Welt im vergangenen Jahr mit 180 Milliarden Kubikmeter Erdgas versorgt werden können, wenn das Methan aus allen Lecks der fossilen Brennstoffindustrie aufgefangen und verkauft worden wären. »Bei den heutigen hohen Gaspreisen könnten fast alle Emissionen aus dem Öl- und Gasgeschäft weltweit ohne Nettokosten vermieden werden«, sagte Fatih Birol, der Exekutivdirektor der IEA.

Die IEA schätzt, dass das verloren gegangene Methan dem gesamten im europäischen Energiesektor  verbrauchten Gas entspricht.

Gemessen an derzeitigen Preisen für Gas lägen die kosteneffizientesten Möglichkeiten zur Methanreduzierung klar im Energiesektor, insbesondere bei Öl- und Gasbetrieben: Würden die Konzerne das austretende Gas auffangen und verkaufen, könnten beinahe alle Optionen zur Verringerung der Emissionen ohne Nettokosten umgesetzt werden.

vki/Reuters