Christian Stöcker

Argumentationstricks Klimadebatte - so entlarven Sie die Schwätzer

Im Trend liegen: nachweislich unsinnige Argumente, um von der Klimakatastrophe abzulenken. Diese vier Debattierkniffe sollten Sie kennen.
Eisberg im Südpolarmeer

Eisberg im Südpolarmeer

Foto: Liu Shiping / dpa

"Eine Argumentation ist zurückzuweisen, wenn sie nicht geeignet ist, die Wahrheit der These nachzuweisen."

Hubert Schleichert, "Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren" (2005)

Als die sechzehnjährige Greta Thunberg vorige Woche nach Davos reiste, um Politik und Wirtschaft in Sachen Klimawandel ins Gewissen zu reden, fuhr sie, aus Überzeugung, mit der Bahn. Die "Welt" lobte gönnerhaft , Thunberg habe "öffentlichkeitswirksam" den Zug genommen.

Greta Thunberg

Greta Thunberg

Foto: Jonathan Nackstrand / AFP

Als die Grünenpolitikerin Katharina Schulze im Januar ein Urlaubsfoto auf Instagram postete, auf dem ein Eis im Plastikbecher unter kalifornischer Sonne zu sehen war, erntete sie, anders als Thunberg, erboste Kritik . Mit dem Flugzeug in den Urlaub! Wasser predigen, Wein trinken! Und so weiter.

Beide Reaktionen sind unsinnig. Beide implizieren nämlich, dass ab jetzt vorrangig diejenigen ein Recht haben, sich gegen den Klimawandel einzusetzen, die selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Al Gore fliegt doch selbst dauernd! Der soll mal den Mund halten!

Ad hominem und tu quoque

Es gibt für diese Art der Argumentation - reden wir nicht über das Thema, reden wir lieber über die Leute, die über das Thema reden - einen Fachbegriff: Argumente ad hominem, manchmal auch "Quellenargumente" genannt. Es geht dabei nicht darum, das Argument des Gegenübers zu entkräften, sondern die inhaltliche Auseinandersetzung zu umgehen, indem man die Person attackiert. Die konkrete Figur vom Format "du bist doch selbst nicht besser!" hat noch einen Spezialnamen: tu-quoque-Argument (du auch).

Diese Form der Argumentation gilt in Philosophie und Rhetorik als unzulässig, und zwar aus gutem Grund. Ob Greta Thunberg Bahn fährt oder nicht, ob Katharina Schulze in den Urlaub fliegt oder nicht: Wenn beide davor warnen, dass der Klimawandel zu furchtbaren Katastrophen führen wird und deshalb dringend etwas dagegen getan werden muss, haben sie recht. Ganz egal, wie sie sich selbst verhalten.

Ad lapidem

Man kann kurze, verständliche Erklärungen dieser und anderer fragwürdiger Argumentationsweisen in dem eingangs zitierten Buch des Wiener Philosophen Hubert Schleichert nachlesen. Dabei stößt man ständig auf Beispiele, die man aus der Klimadebatte kennt.

Das Argument ad lapidem zum Beispiel, bei dem eine triviale, nicht zu leugnende Tatsache fälschlicherweise als schlagendes Argument herangezogen wird. Mir fiel dabei gleich der Schneeball ein, den mal ein US-Senator auf den Boden des Plenarsaals geworfen hat, um die Debatte über den Klimawandel zu beenden: Es sei doch gerade sehr kalt draußen.

Ein ähnliches ad-lapidem-Argument hat Donald Trump kürzlich wieder im Zusammenhang mit der Kältewelle in den USA getwittert, als Witz verkleidet.

Jedes Mal, wenn er so etwas tut, erklären ihm Teenager anschließend den Unterschied zwischen Wetter und Klima, aber das scheint nicht hängenzubleiben.

Die Weltgemeinschaft hat sich bekanntlich längst darauf verständigt, dass die menschengemachte Temperaturerhöhung dringend begrenzt werden muss. Klar ist auch, dass die aktuell ergriffenen Maßnahmen dafür nicht ausreichen werden. Und klar sollte eigentlich auch sein, dass wir dieses Menschheitsproblem nicht mit individueller Tugendhaftigkeit lösen werden. Das verlagert die Verantwortung von Staaten, Unternehmen und internationalen Organisationen hin zum Individuum, und das ist gerade in diesem Fall absurd. Individueller Verzicht wird nicht reichen.

Ad hominem extrem: böse Menschen!

Mancherorts wird eine noch krassere Variante des ad-hominem-Arguments bemüht. FDP-Chef Christian Lindner verstieg sich diese Woche zu der These, "den Grünen und den mit ihnen verbündeten Abmahnvereinen" gehe es gar nicht "um saubere Luft oder das Weltklima". Das eigentliche Ziel sei "freie Fahrt für niemanden", die - bedauernswerte! - Autoindustrie solle "enthauptet" werden, die Bürger "umerzogen".

Das ist eine besonders abenteuerliche Volte: Umweltaktivisten und -politikern ist die Umwelt egal, sie wollen nur der Industrie schaden und Autofahrer quälen. Aus reiner Bosheit, mutmaßlich. Mich persönlich würde interessieren, wie Greta Thunberg auf diese Argumentation reagieren würde.

Fotostrecke

Greta Thunberg: Eine Schülerin und das Klima

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

Ad Misericordiam: falsch, aber hier ausnahmsweise passend

Im Zusammenhang mit der Schwedin ist noch eine rhetorische Figur relevant. "Wenn ich [als Jugendliche] Dinge sage, fühlen sich die Erwachsenen schuldiger", hat Thunberg einmal gesagt. Das ist eine Spezialversion des Quellenarguments, die ad misericordiam genannt wird, das Mitleidsargument. Wer könnte jemandem widersprechen, der erst sechzehn Jahre alt ist und offenbar so unter der Situation leidet?

Auch diese Argumentationsfigur ist eigentlich unzulässig, weil es ja wieder nur um die Person geht. Im Falle von Jugendlichen und im Falle des Klimawandels aber trifft das Argument ad misericordiam den Kern des Themas: Es sind ja tatsächlich die Kinder und Jugendlichen von heute, die am meisten unter den Folgen der globalen Erwärmung zu leiden haben werden. All die überwiegend älteren Männer, die sich in letzter Zeit herablassend bis verächtlich über Greta Thunberg geäußert haben, sind nicht nur wegen ihrer Herablassung und Verächtlichkeit widerwärtig. Sie sind es auch, weil sie in senioriger Bräsigkeit eine, buchstäblich, "nach mir die Sintflut"-Haltung pflegen.

Sicher, einige Verblendete halten den menschengemachten Klimawandel noch immer für eine Fiktion. Die meisten derer aber, die jetzt mit all den unzulässigen Argumenten versuchen, die Debatte über das Thema wieder und wieder zu bremsen und auf Abwege zu führen, verlassen sich eigentlich auf etwas ganz anderes, auch wenn sie das nie zugeben würden: dass sie persönlich schon nicht mehr so arg viel mitbekommen werden von der globalen Klimakatastrophe.

Ich kann denjenigen, die die Klimadebatte hysterisch finden, nur empfehlen, sich mal mit ihren Kindern, Enkeln, Neffen oder Nichten über das Thema zu unterhalten. Die Kinder und Jugendlichen von heute haben nämlich längst verstanden, dass sie gerade von ein bis zwei kompletten Generationen von Erwachsenen im Stich gelassen werden.

"Wir müssen verstehen, was für ein Chaos die älteren Generationen angerichtet haben, das wir nun aufräumen, und mit dem wir leben müssen", hat Greta Thunberg bei der Klimakonferenz in Katowice Ende 2018 gesagt. Das bringt die Sache leider auf den Punkt.

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