Globale Studie 68.000 Frauen sterben jährlich bei Abtreibungen

"Ein fürchterlicher Katalog menschlicher Tragödien" - so hat ein Experte der Weltgesundheitsorganisation eine neue Statistik bezeichnet, der zufolge 19 Millionen Abtreibungen unter schlechten medizinischen Bedingungen stattfinden. Millionen Frauen werden dabei verletzt, Tausende sterben.


Bei 19 Millionen Abtreibungen unter schlechten medizinischen Bedingungen sterben jedes Jahr etwa 68.000 Frauen - weil das Fachwissen fehlt oder die medizinische Versorgung schlecht ist. Diese Angaben stammen aus einer globalen Studie, in der das Sexualleben und die Sexualgesundheit von Menschen auf der ganzen Welt ausgewertet wurde. Während ein Teil der 88-seitigen Zusammenfassung so manches Sex-Klischee enttarnt, widmete sich ein anderes Kapitel dem Thema "Unsichere Abtreibung - eine verhütbare Pandemie".

Ungewollt schwanger: Eine Abtreibung kann für die Frau lebensgefährlich sein, vor allem in den armen Ländern
REUTERS

Ungewollt schwanger: Eine Abtreibung kann für die Frau lebensgefährlich sein, vor allem in den armen Ländern

"Diese Statistik ist ein fürchterlicher Katalog menschlicher Tragödien", sagte Joy Phumaphi, der bei der Weltgesundheitsorganisation WHO für Familiengesundheit zuständig ist. Denn die Autoren der Studie, David Grimes von der University of North Carolina und seine Kollegen, präsentierten noch mehr erschreckende Zahlen.

Rund 80 Millionen ungewollte Schwangerschaften gibt es den Wissenschaftlern zufolge jedes Jahr. 45 Millionen würden abgebrochen, davon wiederum werde fast die Hälfte als unsicher eingestuft. 68.000 Frauen würden bei dem Eingriff sterben; dazu kämen viele Millionen Verletzungen und dauerhafte Behinderungen.

Präventivmaßnahmen und Vorsicht könnten Problem lösen

Unsichere Abtreibungen seien eine Bedrohung für die Gesundheit, sagte Phumaphi weiter. Doch viele Regierungen zeigten sich unwillig, diese zu bekämpfen - weil für diese Aufgabe zu wenig Geld zur Verfügung stehe. Der WHO-Direktor für Reproduktive Gesundheit und Forschung, Paul van Look, ergänzte: Würde die mit dem Sex und der Fortpflanzung verbundenen Gesundheitsprobleme nicht klar angesprochen, dann bleibe die Zahl der Todesopfer über viele Jahre hinweg gleich hoch.

"Sexuelle Verhaltensweisen und Normen unterscheiden sich auf der Welt enorm voneinander", sagte van Look: "Und bedauerlicherweise empfinden viele Menschen, inklusive Politiker und sogar Gesundheitsexperten, es als peinlich, sich mit solchen Themen zu befassen."

Der Studie zufolge würden Schnellschüsse und "One-size-fits-all"-Strategien das Problem der unsicheren Abtreibungen nicht lösen. Einen Mix aus Präventionsmaßnahmen und Vorsicht empfehlen die Wissenschaftler. Auch die Legalisierung von Abtreibungen könnte einen positiven Effekt haben: In Südafrika können ungewollt schwanger gewordene Frauen seit 1997 legal abtreiben - im Jahre 2001 seien 91 Prozent weniger Frauen wegen des Eingriffs gestorben als noch 1991.

Die Untersuchungsergebnisse von Grimes Team gehören zu einer weltweiten Überblicksstudie zum Thema Sex in all ihren Facetten. Dutzende Studien aus 59 Ländern - mit Daten aus den letzten zehn Jahren - waren für diese einzigartige Forschungsarbeit genauer unter die Lupe genommen worden.

"Einige unserer Vorurteile wurden zerschmettert", sagte etwa Kaye Wellings von der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Die Soziologin und ihr Team mussten nämlich feststellen, dass Jugendliche ihr "erstes Mal" immer früher erleben und Verheiratete am häufigsten Sex haben.

fba/dpa



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