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30. September 2018, 15:59 Uhr

Globalisierung

Warum die Anti-Internationalisten gefährlich sind

Eine Kolumne von

Da scheinen sich Donald Trump und Sahra Wagenknecht einig: Das Globale ist ein Problem, wir brauchen nationale Lösungen. Alexander Gauland will sogar lieber deutsch als "Mensch" sein. Das ist kurzsichtig - und entlarvend.

Am 22. September hielt der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland in Frankfurt-Oberrad eine Rede, denn in Hessen ist gerade Landtagswahlkampf. Die Journalistin Katja Thorwart von der "Frankfurter Rundschau" schrieb mit.

Bei dieser Rede erlaubte sich Gauland, Thorwart und einem weiteren "FR"-Kollegen zufolge, ein besonderes Schmankerl, nämlich diese Sätze: "Wir haben kein Interesse daran, Menschheit zu werden. Wir wollen Deutsche bleiben."

Entlarvend ist diese Äußerung - von Gaulands offenkundigen Problemen mit den Grundprinzipien der Mengenlehre einmal abgesehen - wegen ihrer mutmaßlichen Inspirationsquelle.

Folgender Satz stammt aus dem "Handbuch der Judenfrage" von dem bekennenden, 1933 verstorbenen Antisemiten Theodor Fritsch: "Was nicht 'Mensch' werden, sondern Deutscher bleiben wollte, verfolge Marx mit ingrimmigem Hass."

Jagdhundkrawattenweltsicht

Mir persönlich wäre das entgangen, ich kenne mich nicht so aus mit den Schriften von Antisemiten. Aber der Marx-Experte Ingo Stützle bemerkte die erstaunliche Parallele und wies bei Twitter darauf hin. In Fritschs während der Naziherrschaft sehr beliebtem Pamphlet - man kann es bei Google Books lesen - steht im Absatz vor dem zitierten Satz der hier: "In der klassenlosen Gesellschaft soll es keine Juden mehr geben und vor allem auch keine Judengegner, sondern nur noch vorurteilsfreie 'Menschen'."

Fritsch fand das gar nicht gut, und auch bei Gauland hat man ja das Gefühl, dass er vorurteilsfreie Menschen eher nicht so mag. Man erinnere sich nur an das mit den Leuten, die "einen Boateng" angeblich "nicht als Nachbarn haben" wollten, Gaulands Jagdhundkrawattenweltsicht zufolge.

Die "Doktrin des Patriotismus"?

Hinter der absurden Ablehnung des Konzepts "Menschheit" steht aber jenseits rassistischer und antisemitischer Motive noch eine andere Motivation. Und zwar eine, die Gauland und seine Parteifreunde mit Donald Trump teilen. Vor der Uno-Vollversammlung sagte der US-Präsident diese Woche nicht nur diesen Satz, für den er von den höflichen Diplomaten ausgelacht wurde, sondern auch noch das hier: "Wir lehnen die Ideologie des Globalismus ab und akzeptieren die Doktrin des Patriotismus."

Dieses Begriffspaar als Gegensatz darzustellen, ist an sich schon Unsinn, wie etwa der ehemalige US-Botschafter in Israel, Daniel Shapiro, diese Woche schon ausgeführt hat. Aber das ist nicht alles.

Hier sind wir nämlich beim destruktiven Kern dessen angekommen, was die Gaulands, Orbáns und Trumps dieser Welt womöglich wirklich glauben: Dass sich die immer weitergehende Integration der Welt zurückdrehen lässt. Dass internationale Interdependenzen und Institutionen tatsächlich wieder verschwinden könnten. Dass es im Zeitalter einer globalen Wirtschaft und vor allem globaler Herausforderungen noch möglich und sinnvoll ist, vorrangig und im Zweifel national zu denken.

Es passt ins Bild, dass diejenigen, die dieser Fiktion anhängen, auch das gewichtigste Argument gegen eine solche Position wegzuignorieren versuchen - den menschengemachten Klimawandel. Ökologische Veränderungen scheren sich nicht um Landesgrenzen, selbstverständlich auch das globale Klima nicht. Aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen, so formuliert es Shapiro, "ist kein Patriotismus. Es bedeutet, seinen Kopf in den (heißer werdenden) Sand zu stecken". Globale Probleme lassen sich nur mit globaler Kooperation lösen, anders geht es nicht.

Und die Linken? Auch nicht mehr so scharf aufs Internationale

Interessanterweise ist, im klaren Widerspruch zu Karl Marx, auch bei Teilen der heutigen Linken das Thema Internationalismus eher nicht so positiv besetzt. Sahra Wagenknecht zum Beispiel hat der "Frankfurter Allgemeinen" im August gesagt: "Sozialer Ausgleich und Demokratie funktionieren aktuell nur innerhalb einzelner Staaten, auf globaler Ebene gibt es gar keine Hebel dafür." Da scheint sie ganz auf einer Wellenlänge mit Trump, der internationale Organisationen wie die Uno, die genau so einen Hebel darstellen könnten, ja auch für irrelevant erklären möchte.

Wagenknecht scheint in dieser Frage schon resigniert zu haben, hält die Internationalisierung der Zähmung des Kapitalismus offenbar für zum Scheitern verurteilt. Wenn nicht einmal die Linken in einem der reichsten Länder der Erde bereit sind, sich für globale Lösungen einzusetzen, wer soll es dann eigentlich machen? "Wir haben keine europäische Öffentlichkeit", sagt Wagenknecht, als ob es nicht an ihr und ihresgleichen wäre, das zu ändern.

Wagenknecht, 2018: "Ohne Zuwanderung hätte der lange Aufschwung in Deutschland zu einem viel stärkeren Lohnwachstum in den unteren Lohnsegmenten geführt." Früher hieß es mal: "Die Internationale erkämpft das Menschenrecht." Das scheint lange her dieser Tage.

Angesichts einer unauflöslich global verzahnten Wirtschaft, globaler Kommunikation, dem globalen Medium Internet, global wirksamen technologischen Umwälzungen und der globalen Bedrohung durch den Klimawandel politisch das Nationale ins Zentrum zu stellen, ist kurzsichtig und unverantwortlich.

Politikerinnen und Politiker, die im Jahr 2018 nicht global denken und internationale Institutionen fördern, lassen ihre Wähler im Stich. Und wenn sie nationale Abschottung betreiben, wird die Geschichte sie - und uns alle - eines Tages unnachsichtig bestrafen.

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