Globuli und Medizin Hurra, ich lebe noch

Der Autor dieser Kolumne war in den letzten Wochen krank. Derweil hat der bayerische Landtag beschlossen, die Wirksamkeit von Globuli bei Sepsis untersuchen zu lassen. Da gibt es einen Zusammenhang.

Globuli oder Antibiotika? Wer "im Einklang mit der Natur leben" möchte, stirbt früher
DPA

Globuli oder Antibiotika? Wer "im Einklang mit der Natur leben" möchte, stirbt früher

Eine Kolumne von


Regelmäßige Leserinnen und Leser dieser Kolumne haben vielleicht bemerkt, dass sie in den vergangenen Wochen einige Male ausgefallen ist. Ihnen kann ich es ja verraten: Ich hatte mir eine heftige Entzündung zugelegt, mit durchaus alarmierenden Symptomen. So etwas ist unangenehm und kann auch die moderne Medizin vor das eine oder andere kleine Problem stellen.

Der erste Arzt verschrieb mir ein Antibiotikum, gegen das die Erreger, die so etwas meist auslösen, resistent sind. Der zweite verschrieb mir zwei Tage und ein paar üble Nebenwirkungen später ein passendes Antibiotikum, allerdings, wie sich nachher herausstellte, in zu niedriger Dosis. Eine Woche nach Ende der Behandlung brach der Infekt erneut aus, wieder am Wochenende. Wieder in die Notaufnahme, dritter Arzt, einer mit rabiaten Methoden. Ein drittes, höher dosiertes Antibiotikum mit einem anderen Wirkmechanismus schafft die Erreger jetzt wirklich, sagte der neue Arzt.

Vor hundert Jahren womöglich ein Todesurteil

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um auf Ärzte zu schimpfen. Im Gegenteil, es ist eine Erfolgsgeschichte: Vor nur hundert Jahren hätte die gleiche Infektion mich womöglich getötet. Das Penizillin wurde erst 1928 entdeckt, die meisten Antibiotika noch viel später. Wenn man Pech hat, greift so eine Infektion unbehandelt auf andere innere Organe über, man nennt das Sepsis. Am Ende wäre ich unter Qualen an einer Blutvergiftung gestorben.

Viele haben aus dem Blick verloren, wieviel Leid und vorzeitige Todesfälle Pharmazeutika und "die Schulmedizin" heutzutage verhindern. Man lästert gern ein bisschen über sie und preist stattdessen "natürlichere" Heilmethoden. Diese Haltung ist besonders bei Leuten populär, die dem Irrglauben vom "Einklang mit der Natur" anhängen. Wer "im Einklang mit der Natur leben" möchte, stirbt früher.

Und damit kommen wir zu einem Entschluss des bayerischen Landtags, verabschiedet vergangene Woche mit den Stimmen von CSU, Freien Wählern und Grünen. Das sinnvolle Ziel: Die Anzahl von Todesfällen, die durch sogenannte multiresistente Keime verursacht werden, zu verringern. Das sind Keime, gegen die viele Antibiotika nicht mehr wirken, eine echte, wachsende Gefahr. Dazu soll unter anderem der übertriebene Einsatz von Antibiotika verringert werden, auch in der Landwirtschaft, was absolut wünschenswert ist.

Globuli gegen Sepsis?

Der bayerische Landtag will aber zusätzlich in einer "Studie" untersuchen lassen, ob Homöopathie den nutzlosen Antibiotikaeinsatz reduzieren helfen könne. Das ist längst bekannt: Globuli als Placebo zu verschreiben, ist bei genervten Ärztinnen und Ärzten, deren Patienten bei jedem Schnupfen Antibiotika verlangen, gängige Praxis. Das sind allerdings ziemlich teure Placebos: Pro Jahr kosten Globuli die Krankenkassen laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung 70 Millionen Euro.

Der Antrag aus Bayern zitiert eine "Studie zur Mortalität von Patienten mit einer schweren Sepsis", derzufolge eine homöopathische Behandlung angeblich "eine nützliche zusätzliche Behandlungsmethode bei schwer septischen Patienten darstellen kann". Das soll jetzt überprüft werden. Das ist im besten Fall hinausgeworfenes Geld, im schlimmsten Fall fahrlässig.

Zwiebeln gegen Heuschnupfen

Falls Sie nicht wissen, wie Globuli entstehen: Zunächst gibt es eine "Ursubstanz". Das kann eine Pflanze sein, wie etwa Arnika, aber auch Kochsalz, Bienen, giftiges Quecksilber und vieles mehr. Diese Ursubstanz wird mit Wasser beziehungsweise Alkohol verdünnt. Geschüttelt. Wieder verdünnt. Geschüttelt - bis kaum etwas oder nichts mehr von der Ursubstanz in der Flüssigkeit ist. Je dünner, desto "potenter". Mit der extrem verdünnten Lösung werden die kleinen Kugeln aus Zucker besprüht. Das Wasser erinnert sich angeblich an das, was mal drin war.

Ausgesucht werden die pflanzlichen Stoffe nach dem "Ähnlichkeitsprinzip": Zwiebel gilt zum Beispiel als wirksam gegen Heuschnupfen, weil Zwiebeln auch die Augen tränen lassen. Wie die kaum oder gar nicht mehr nachweisbaren "Wirkstoffe" aber eigentlich wirken sollen, weiß auch die Homöopathie nicht. Ist doch noch zu viel Wirkstoff übrig, kann das durchaus mal gefährlich werden.

Bei Antibiotika ist das anders. Dass sie wirken, ist nachgewiesen, und ihre Wirkmechanismen sind mikrobiologisch im Detail verstanden. Manche hindern die Bakterien an der Vermehrung, andere töten sie ab, indem sie die Zellwände zerstören oder Stoffwechselkanäle verstopfen.

Wie wäre es mit einem Orgonit-Wolkenbuster?

Der Unterschied zwischen Antibiotika und Globuli ist also der Unterschied zwischen Wissenschaft und einem Glaubenssystem. Die französische Gesundheitsbehörde hat gerade fast 1200 homöopathische Arzneimittel geprüft und mehr als 1000 wissenschaftliche Veröffentlichungen analysiert. Das Ergebnis (einmal mehr): eine Wirksamkeit konnte nicht nachgewiesen werden.

Nichts gegen den Placeboeffekt: Er ist mächtig und kann wirklich helfen. Mindestens ebenso wichtig ist vermutlich, dass Homöopathen sich Zeit für ihre Patienten nehmen. Aber könnte man diese Zeit nicht anders finanzieren und vor allem sinnvoller investieren als in die Erörterung eines Glaubenssystems? Und wenn ernstlich Kranken zu Zuckerkügelchen statt Medizin geraten wird, ist das schlicht fahrlässig.

Die Freunde der sanften Medizin können ziemlich ruppig werden, wenn man solche Fragen aufwirft. Freunde der Homöopathie beschweren sich regelmäßig beim Presserat oder gehen juristisch gegen ihre Kritiker vor.

Wie wäre es mit einem "Wolkenbuster"?

Ein Globuli-Lobbyist warnte neulich vor "gewalttätigen Ausschreitungen", obwohl es keinerlei Anzeichen für gewaltbereite Homöopathiekritiker gibt. Er sieht außerdem Parallelen zwischen Kritik am Globuliglauben und den Anfängen des Holocaust. Was sollen da erst die Esoteriker sagen, deren Glaubenssysteme nicht von den Krankenkassen alimentiert werden? Es steht jedermann frei, nur levitiertes Wasser zu trinken oder einen "Orgonit-Wolkenbuster" für knapp 4000 Euro im Garten aufzustellen, aber die Solidargemeinschaft kommt dafür zum Glück nicht auf.

Und jetzt will der bayerische Landtag Hunderttausende Euro Steuergelder ausgeben, um nachzuweisen, dass Zuckerkügelchen nicht bei Sepsis helfen. Der CSU muss man so etwas nachsehen, immerhin gehört der Glaube an ein unsichtbares Zauberwesen zu ihrem Markenkern. Dass auch die bayerischen Grünen den Antrag unterstützt haben, ist ein Symptom für eines der größten traditionellen Probleme dieser Partei: ihre esoterischen Altlasten. Das quält auch die Grüne Jugend. Diese Altlast wird die Partei schwer belasten, wenn sie sich nicht bald fängt. Eine naive Vorstellung von "Natürlichkeit" wird uns nicht retten.

Für alle demokratischen Parteien in Deutschland gilt, gerade in dieser Zeit: Man kann sich nicht einerseits, was die Klimakrise angeht, auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen, und andererseits fortgesetzt Hokuspokus den Anstrich von Wissenschaftlichkeit geben wollen. (Aber-)Glaube ist Privatsache.



insgesamt 516 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Paddel2 16.11.2019
1. Eindeutige Sache
Klare Botschaft. Entweder man vertraut der Wissenschaft und hört auf diesen Hokuspokus zu finanzieren oder man bleibt im Traumland, aber dann bitte konsequent. Wer beim Klimawandel auf die Wissenschaft hört und gleichzeitig Homöopathie bewirbt, handelt inkonsistent. Ich habe nichts gegen die Studie aus Bayern, sofern die Ergebnisse offen kommuniziert werden und das politische Handeln danach ausgerichtet wird. Wenn mit der Investition von ein paar tausend Steuergeldern die Finanzierung von Zuckerkugeln durch die Allgemeinheit unterbunden wird, ist es gut angelegten Geld.
MikelWellborn 16.11.2019
2. Logische Konsequenz
Wenn Globuli umso potenter sind, umso geringer die Wirkstoffkonzentration ist, dann hat logischerweise die Nichteinnahme der Globuli und damit die Aufnahme der geringst möglichen Wirkstoffkonzentration den maximalen Effekt. Na, da hab ich ja seid Jahren alles richtig gemacht! Wenn Unsinn zur Methode wird ...
syracusa 16.11.2019
3. wirklich ein Problem der Grünen?
Solcher Aberglaube soll wirklich ein spezielles Problem der Grünen sein? Ich bin Mitglied der Grünen im Rentenalter, und ich kenne keinen Grünen, der an homöopathischen Hokuspokus glaubt. Ich kenne aber etliche gut gebildete Oberschichtsfrauen, die ihre Kinder und sogar Schoßhündchen bei jedem Wehwehchen mit Zuckerkügelchen traktieren. Und ja: da sind sogar CDU und FDP wählende Ärztinnen darunter. Aber keine Grünen. Fährt der Spiegel gerade eine Kampagne gegen die Grünen?
Outdated 16.11.2019
4. Danke für diese Kolumne
nur ein Wiederspruch: lassen sie die Enschränkung "was die Klimakriese angeht" weg.
Sensør 16.11.2019
5. ...aha, nächste Runde Homöopathie-Bahing
Und wieder die niedlichen Klischees. Komisch, dass ausgerechnet unwissende Tiere und Kleinkinder auf diesen "Placebo"-Effekt anschlagen. Mit Homöopathie lebensbedrohliche Kankheiten besiegen zu wollen versucht aber auch kein seriöser Arzt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.