Prozess gegen Monsanto Was die Glyphosat-Entscheidung für das Krebsrisiko bedeutet

Eine Jury in den USA ist überzeugt: Das Unkrautvernichtungsmittel Roundup hat zur Krebserkrankung eines Mannes beigetragen. Ist das hohe Risiko des Stoffs damit nun erwiesen?

Roundup in einem Geschäft in Kalifornien
AFP

Roundup in einem Geschäft in Kalifornien

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25 Jahre lang hat Edwin Hardeman das Unkraut in seinem Garten mit dem glyphosathaltigen Mittel Roundup bekämpft. 2015 wurde bei dem heute 70-Jährigen ein Non-Hodgkin-Lymphom diagnostiziert. Der Krebs befällt die B-Lymphozyten, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen. Ein Gericht in San Francisco muss nun entscheiden, ob Roundup den Krebs verursacht hat und Hardeman eine Entschädigung zusteht.

Ein erstes Zwischenergebnis gibt es bereits: Am Dienstagabend deutscher Zeit kam die sechsköpfige Laienjury einstimmig zu dem Schluss, dass Roundup ein "wesentlicher Faktor" für Hardemans Non-Hodgkin-Lymphom war. In einem zweiten Schritt wird sie darüber beraten, inwieweit der Hersteller Monsanto - inzwischen Teil des Bayer-Konzerns - davon wusste und Verbraucher hätte warnen müssen. Davon hängt auch die Höhe des Schadensersatzes ab.

"Halten Sie Ihren Kopf tief, die Ohren geschlossen"

Der Fall ist knifflig, weil er auf vielen Ebenen Emotionen auslöst. Zwar geht es Hardeman inzwischen besser, dennoch ist er schwer erkrankt. Monsanto steht seit Jahren in der Kritik, weil Mitarbeiter versucht haben sollen, Behörden zu manipulieren. Umweltaktivisten lobbyieren gegen Glyphosat im Allgemeinen und Roundup im Speziellen, weil sie die industrielle Landwirtschaft insgesamt kritisch sehen. (Mehr zur Vorgeschichte lesen Sie hier.)

So konnte sich auch Richter Vince Chhabria am Rande der Verhandlung eine Bemerkung zum Verhalten Monsantos nicht verkneifen. Zwar sei es nicht eindeutig, dass Roundup Krebs verursacht, sagte er vergangene Woche. Es gebe aber starke Belege, die die Jury zu dem Schluss kommen lassen könnten, dass Monsanto sich nicht ernsthaft für eine mögliche Krebsgefahr seiner Produkte interessiere und versuche, "die öffentliche Meinung zu manipulieren und jeden zu unterdrücken, der legitime Zweifel daran hat".

Gleichzeitig wies Chhabria die Geschworenen am Dienstag erneut darauf hin, dass sie sich nicht von Medienberichten oder anderen externen Informationsquellen beeinflussen lassen dürften. "Halten Sie Ihren Kopf tief, die Ohren geschlossen, und wir sehen uns morgen, um den Fall weiter zu verhandeln", sagte er. Fraglich ist allerdings, ob der Jury die Berichterstattung zum Thema nach so vielen Jahren nicht ohnehin bekannt ist.

Behörden sehen keine Gefahr

Für Laien dürfte es in der Tat schwierig sein, in der Gemengelage den Überblick zu behalten. Die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung des Roundup-Wirkstoffs Glyphosat in der breiten Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Stichhaltigkeit ist groß.

In der Vergangenheit haben zahlreiche öffentlich finanzierte Gremien und Organisationen das Krebsrisiko bewertet. Sie halten Glyphosat für sicher. Dazu zählen etwa das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die US-amerikanische Umweltbehörde EPA und die japanische Food Safety Commission.

Im Gegensatz dazu stufte die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehörende Krebsagentur IARC Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Die IARC untersucht allerdings nicht, ob ein Stoff bei der Anwendung im Alltag Krebs erzeugt, sondern ob er grundsätzlich dazu in der Lage ist. Nach ihrer Bewertung ist auch der Friseurberuf "wahrscheinlich krebserregend", Sonnenstrahlen und Alkohol sind "sicher krebserregend".

Kritisiert wird immer wieder, dass die meisten Behörden Glyphosat als Reinstoff bewerten und nicht die fertigen Produkte, in denen weitere Substanzen enthalten sind. Roundup ist allerdings seit 1974 zugelassen und gehört deshalb zu den am besten untersuchten Produkten auf dem Markt.

Hepatitis-C-Infektion erschwert die Bewertung

Erst am Montag, einen Tag bevor die Laienrichter ihr Urteil fällten, war im "International Journal of Epidemiology" eine Studie erschienen, die die Sicherheit von glyphosathaltigen Mitteln im Großen und Ganzen stützt - im Zusammenhang mit dem Prozess aber ein interessantes Detail enthält.

Die Forscher werteten Daten von mehr als 316.000 Landwirten aus Frankreich, Norwegen und den USA aus, die verschiedene Pflanzenschutzmittel verwendeten. Ihr Ergebnis: In den allermeisten Fällen erkrankten Landwirte, die glyphosathaltige Produkte nutzten, nicht häufiger an Non-Hodgkin-Lymphom als die Allgemeinbevölkerung. Mit einer Ausnahme.

Eine bestimmte Form des Non-Hodgkin-Lymphoms - das sogenannte diffuse großzellige B-Zell-Lymphom - kam etwas häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung. Brisant daran: Unter dem diffusen großzelligen B-Zell-Lymphom leidet auch Hardeman.

Es liegt nahe, die Studie als Beweis dafür zu werten, dass Roundup der Auslöser für die Krankheit war. Doch so einfach ist es nicht: Der Effekt in der Studie ist klein, und 2017 zeigte eine andere große Untersuchung mit 45.000 Landwirten keine Belege.

"In dieser großen Studie wurde kein Zusammenhang zwischen Glyphosat und jeglichen Tumoren oder lymphoiden Leukämien gefunden", berichteten die Wissenschaftler damals. Insgesamt lässt sich aus der Studienlage daher bislang kein erhöhtes Krebsrisiko für die Bevölkerung ableiten.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick
Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt habe.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenkonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.

Im September 2018 haben Forscher in einer Studie gezeigt, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten Wissenschaftler Glyphosat dagegen auf Platz 42 - als im Vergleich am wenigsten toxisch.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Im Fall Hardeman kommt erschwerend hinzu, dass dieser 39 Jahre an einer Hepatitis-C-Infektion litt. Vor Gericht hatte die Krebs-Spezialistin Alexandra Levine vom City of Hope National Medical Center in Duarte (Kalifornien) ausgesagt, dass die Krankheit das Risiko erhöht, am Non-Hodgkin-Lymphom zu erkranken.

Das Hepatitis-C-Virus könne Mutationen in der DNA hervorrufen, die Jahre später Krebs auslösen. Aufgrund der langen Krankheitsdauer Hardemans sei das ein durchaus realistisches Szenario.

Für einen streng wissenschaftlichen Nachweis der Krebsursache wäre es nötig, andere Ursachen mit großer Sicherheit auszuschließen. Im Fall Hardeman ist das kaum möglich.


Zusammengefasst: Eine Laienjury kam in einem Gerichtsprozess in den USA zum Schluss, dass das glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup bei einem Mann eine Krebserkrankung verursacht hat. Wissenschaftlich ließ sich ein Zusammenhang zwischen dem Produkt und Krebs bislang jedoch nicht nachweisen. Hinzu kommt, dass der Mann lange an Hepatitis C litt. Ein Sachverständiger hält es für möglich, dass eine Vorerkrankung des Mannes die Krebsursache war. In einem zweiten Schritt muss die Jury nun über Schadensersatz für den Mann entscheiden.

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Guenter T 20.03.2019
1. Endlich ein sachlicher Artikel zum Thema.
Ein sachlicher und verständlicher Artikel zum Thema. Danke! Leider wird Glyphosat auch sehr oft zweckentfremdet verwendet. Ein paar Wochen vor der Ernte versprüht, trocknet das Getreide schon auf dem Halm; somit werden die Kosten für die Lagerung reduziert. Leider fehlen die Mittel für ein ausreichende Kontrolle.
brux 20.03.2019
2. Laien
Das amerikanische Justizsystem ist einfach Murks. Geschworene können komplexe Abläufe gar nicht bewerten. Die Kausalität von Glyphosat und Krebs ist bislang nicht nachgewiesen trotz hunderter Studien. Am Ende wird aus dem Bauch heraus geurteilt, oft aufgrund eines einzelnen Aspekts, wie bei O.J. Simpson. Kein Pflanzenschutzmittel ist komplett harmlos und wer damit 25 Jahren unbedacht umgeht, ist wirklich selbst Schuld.
hmmmm4711 20.03.2019
3. Glas klar
Die Klagen gegen Monsanto gab es schon als das Unternehmen noch amerikanisch war! Jetzt wo es den deutschen gehört, werden die Klagen nicht mehr, wie in der Vergangenheit abgeschmettert, sondern kommen durch! Was ich nicht verstehe, alle wussten was Mosanto für die drecksschleuder ist. Wie konnte Bayer seine kunstoffsparte verkaufen und sich dann nicht als „reine Pillenschleuder“ (pharmakonzern) festigen, sondern sich auf Pflanzenschutz verrennen? Bayer gibt es maximal so noch 10 Jahre! Gut das „wir“ ausgeliedert wurden!
wdiwdi 20.03.2019
4. Nicht vergessen: US-Juries sind Negativauswahlen
Weil jede Seite das Recht hat, eine gar nicht so kleine Zahl der zunächst zufällig ausgewählten Juroren ohne Begründung nach Abfrage des Lebenslaufes abzulehnen, sind bei solchen Verfahren *NIE* Juroren dabei, die auch nur ein bisschen was von der Materie verstehen, wenn es komplizierter wird und eigentlich Leute mit Fachwissen gefragt wären - also keine Chemiker, Toxikologen, Mediziner etc. Stattdessen Nagelpfleger, Automechaniker, Friseure, Fitnesstrainer, .... die Seite mit den vermutlich schwächeren Argumenten sorgt zuverlässig dafür.
b-blog 20.03.2019
5. Glyphosat im Urin von Konsumenten
ist mit Sicherheit kein Zeichen für gesundheitliches Wohlergehen. Ob das nun Krebs verursacht oder nicht, aber ein Totalherbizid hat in unserem Organismus nichts zu suchen. Seit Jahren untersuchen deutsche Wissenschaftler die Migration von Glyphosat von der Pflanze (z.B. Mais, Weizen, ...) über Nahrungsmittel (Brot, Nudeln, Gries, ...) bis zum Organismus des Menschen (einfach zu bestimmen im Urin). Mit dem Ergebnis, dass Glyphosat sogar im Organismus von Leuten auftaucht, die sich überwiegend von Bio-Lebensmitteln ernähren. Das ist beunruhigend.
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