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Millionen-Schmerzensgeld in den USA

Warum das Glyphosat-Urteil kein Beweis für ein Krebsrisiko ist

Ein Hausmeister soll an Krebs erkrankt sein, weil er über Jahre Glyphosat angewendet hat. So sieht es ein Schwurgericht in den USA. Wissenschaft und Umweltbehörden kommen zu einem anderen Schluss.

Von

DPA

Produkt mit dem Wirkstoff Glyphosat

Montag, 13.08.2018   13:32 Uhr

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Der ehemaligen Hausmeister Dewayne Johnson hat Lymphdrüsenkrebs. Er wird wahrscheinlich daran sterben. Schuld gibt er dem Unkrautvernichter Glyphosat, der unter anderem von der Firma Monsanto hergestellt wird. Johnson hatte das Mittel bei der Arbeit über Jahre hinweg in großen Mengen angewendet.

Nun hat ein Schwurgericht in San Francisco die Bayer-Tochter Monsanto zur Zahlung von fast 290 Millionen Dollar (254 Millionen Euro) Schmerzensgeld verurteilt, weil auf der Verpackung des Produkts nicht auf ein Krebsrisiko hingewiesen wurde. Es handelt sich um ein Urteil, das von Laienrichtern gefällt wurde. Der Bayer-Konzern, zu dem Monsanto inzwischen gehört, hat Berufung angekündigt.

Das wohl am besten untersuchte Pestizid

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Tatsächlich ist das Urteil kein Beweis dafür, dass Glyphosat krebserregend ist. Hausmeister Johnson hat das Mittel zur Unkrautbekämpfung auf Schulhöfen angewendet und danach Krebs bekommen. Es gibt also eine Korrelation zwischen dem Einsatz des Herbizids und der Krebserkrankung. Dass das Mittel die Krankheit auch verursacht hat, beweist das nicht.

Dafür braucht es große Studien, die untersuchen, ob Krebs bei Menschen, die Glyphosat nutzen, häufiger auftritt als in der Gesamtbevölkerung. Solche Untersuchungen kommen allerdings in ihrer Gesamtsicht zu einem anderen Ergebnis als die Laienrichter in San Francisco.

Studie mit 45.000 Farmern

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Ein anschauliches Beispiel einer solchen Erhebung ist eine Auswertung der Agricultural Health Study in den USA. Forscher haben darin seit den Neunzigerjahren knapp 45.000 Farmer begleitet, die Glyphosat im Alltag bei ihrer Arbeit anwenden. So wollten sie prüfen, ob diese häufiger Krebs bekamen als eine Vergleichsgruppe, die das Mittel nicht nutzt. Das Ergebnis: "In dieser großen Studie wurde kein Zusammenhang zwischen Glyphosat und jeglichen Tumoren oder lymphoiden Leukämien gefunden", berichteten die Wissenschaftler im November 2017.

Da die Farmer Glyphosat als Endprodukt nutzten, widerspricht diese Studie auch Vermutungen, Beistoffe der fertigen Produkte könnten Krebs auslösen. Finanziert wurde die Untersuchung durch öffentliche Gelder, etwa von den National Institutes of Health, vom National Cancer Institute und der amerikanischen Division of Cancer Epidemiology and Genetics.

Dass Glyphosat dennoch immer wieder als krebserregend beschrieben wird, liegt vor allem an einer Einschätzung der zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehörenden Krebsagentur IARC aus dem Jahr 2015. Sie stufte Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein.

Die IARC untersucht allerdings nicht, ob ein Stoff bei der Anwendung im Alltag Krebs erzeugt, sondern ob er grundsätzlich dazu in der Lage ist. So stuft die IARC etwa auch den Friseurberuf als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend". Insgesamt hat die IARC bislang gut tausend Stoffe untersucht - nur einen einzigen bewertete sie als "wahrscheinlich nicht krebserregend", 501 hielt sie für "nicht klassifizierbar".

Keine Krebsgefahr für Anwender

Mit ihrer Bewertung von Glyphosat stellt sich die IARC zudem gegen die Bewertungen einer Vielzahl von Institutionen - darunter auch ein anderes Komitee der WHO. Diese Einrichtungen bewerten, im Gegensatz zur IARC, inwiefern für Verbraucher konkrete Risiken von einem Stoff ausgehen. Für nicht krebserregend plädieren im Zusammenhang mit Glyphosat:

Ungeachtet dieser Evidenz warnen Umweltlobbyisten seit Jahren vor dem Mittel. Oft steht dahinter eine Kritik an der industriellen Landwirtschaft insgesamt. Zudem protestieren die Verbände gegen gentechnisch veränderte Pflanzen von Monsanto, die es Bauern in den USA erlauben, über die gesamte Wachstumsphase Glyphosat auszubringen. In Deutschland ist das nicht möglich.

Dabei gab es in der Diskussion auf allen Seiten Vertuschungs- und Manipulationsvorwürfe (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier). Die undurchsichtige Debatte hat bei großen Teilen der Bevölkerung zu Verunsicherung geführt - offenbar auch bei den Geschworenen in den USA.

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