Christian Stöcker

Digitale Assistenten Hosen runter für die Sekretärin

Yahoo hilft den US-Geheimdiensten, und Google stellt einen neuen Sprachassistenten vor. Da gibt es einen Zusammenhang - und der hat mit Anrufbeantwortern zu tun.
Smartphone-Nutzung: Alles hat scheinbar mit allem zu tun

Smartphone-Nutzung: Alles hat scheinbar mit allem zu tun

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ picture alliance / dpa

Wenn ich Siri bitte, mir ein Hotel in der Nähe des Bundestages zu suchen, dann versteht Apples Handy-Spracherkennung jedes Wort. Dann sucht Siri mir fünfzehn Hotels in der Nähe von Nanjing heraus. Ja, Nanjing in China.

Fragt man Siri nach der besten Pizza in Hamburg, bekommt man neben Hinweisen auf Dönerbuden mit hohen Yelp-Bewertungen auch Tipps für Pizzerien in bis zu 60 Kilometern Entfernung, etwa in Freiburg an der Elbe. Da geht noch was.

Frage ich Siri aber, wie ich am besten nach Hause komme, dann zeigt sich, dass die virtuelle Assistentin doch gar nicht so doof ist. Sie weiß nämlich, was sie will: mehr über mich wissen. Schüchtern erklärt sie, dass sie meine Privatadresse ja gar nicht kenne, dass ich die doch bitte angeben möchte. Anschließend sucht Siri brav Routen für Auto, Fahrrad oder Nahverkehr heraus, berechnet Reisezeiten und leitet bei Bedarf in die Apps der jeweiligen Anbieter weiter. Googles digitaler Assistent kann das aktuell in etwa ebenso gut, die neue Version soll noch mächtiger werden.

"War schon wieder angetrunken"

Um zu verstehen, was gerade mit unserem Alltag gerade passiert und warum es kaum aufzuhalten sein wird, muss man in quasi vordigitale Zeiten zurückgehen: zum Anrufbeantworter (AB). Als der ab den späten Achtzigerjahren vom Luxusgut zum Alltagsgegenstand wurde, war das ein Vorbote dessen, was uns jetzt bevorsteht: Wir werden alle ein bisschen mächtiger. Aber auch viel verletzlicher.

Vor dem AB in praktisch jedem Telefon war es einer bestimmten Gruppe von Menschen vorbehalten, Anrufe entgegenzunehmen, ohne selbst anwesend zu sein: Menschen mit Personal. Damals sagte man Sekretärin, heute vielleicht persönlicher Assistent. Eine Person jedenfalls, die dem Herrn Direktor nach seiner Rückkehr vom Mittagessen einen Zettel hinlegt mit den verpassten Anrufen und womöglich nützlichen Vermerken ("klang wichtig"), ("schien wütend"), ("war schon wieder angetrunken").

Der AB erlaubte solche asynchrone Kommunikation - erst mal hören, was die zu sagen haben, dann entscheiden, ob man zurückruft - zum ersten Mal auch Normalsterblichen. Das war durchaus entlastend. Pizzerien finden oder Hotels buchen kann ein AB allerdings nicht.

Terminkalender wie ein Generaldirektor

Eine Sekretärin ist eine mächtige Person, das weiß jeder, der mal versucht hat, einen Herrn Generaldirektor ans Telefon zu bekommen. Sie kontrolliert nicht nur den Zugang zum Chef, sie weiß auch viel über ihn - wann die Frau Gemahlin Geburtstag hat, welche Blumen sie mag, wann er nach Hause geht, ob er schon mal in Nanjing war. Je mehr eine Sekretärin über ihren Chef oder ihre Chefin weiß, desto mächtiger ist sie - aber auch desto nützlicher. "Besorgen Sie mal ein Geburtstagsgeschenk für meinen Mann" sagt man nur zu jemandem, dem man vertraut. Aus genau diesem Grund waren Sekretärinnen schon immer beliebte Ziele für die Romeos unter den Spionen.

Kommt Ihnen der Stoßseufzer "Ich brauche eine Sekretärin!" bekannt vor? Falls ja, und das halte ich für wahrscheinlich, dann liegt das daran, dass unser aller Leben immer schneller, komplexer und mobiler wird. Wir haben heute alle Terminpläne wie der Herr Generaldirektor, nur keine persönlichen Assistenten. Aber ein Smartphone.

Und jetzt kommt der Knackpunkt: Ein digitaler Assistent, der uns wirklich nützt, wird noch viel mehr über uns wissen als eine Chefsekretärin über ihren Chef. Er wird unseren ganzen Freundeskreis kennen, unser Tempo beim Spazierengehen, er wird wissen, mit wem wir häufig telefonieren, welches eine Foto wir uns immer wieder ansehen und wo wir unsere Unterwäsche kaufen.

Post-Snowden heißt: systematisch desensibilisiert

Und da kommt jetzt Yahoo ins Spiel und die vermutlich meistignorierte wichtige Nachricht der zurückliegenden Woche. Auf Wunsch von NSA und FBI hat das gebeutelte Unternehmen, glaubt man der "New York Times", den eigenen Spam- und Kinderpornofilter für eingehende Nachrichten zustätzlich auf ein Merkmal gedrillt, das auf E-Mails einer Terrororganisation hinweist. Edward Snowden twitterte nach dem ersten Reuters-Bericht: "Schließen Sie Ihren Account noch heute."

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Es erscheint aber unwahrscheinlich, dass dem allzu viele Menschen nachgekommen sind. Aus einem einfachen Grund: Wir haben uns daran gewöhnt.

Es ist den meisten von uns offenbar längst egal, wie transparent wir bereits sind. Es ist einfach zu anstrengend, sich darüber noch aufzuregen. Man kann ja doch nichts machen.

Post-Snowden heißt nicht, wie wir Journalisten in unserer Naivität mal dachten: Sensibilisiert für Überwachung, erbost, bereit zu Verschlüsselung und Gegenwehr. Post-Snowden heißt: systematisch desensibilisiert . Ist doch eh alles egal.

Tatsächlich hat Yahoo ja nicht viel mehr getan als vorher auch schon, und auch nicht mehr als praktisch alle anderen Freemail-Provider: Alle E-Mails von Software auf bestimmte Merkmale hin durchsuchen lassen. Sei es, um Spam zu identifizieren oder um neben im Browser angezeigten E-Mails mehr oder minder passende Werbung einzublenden.

Noch mal im Klartext: Es liest sowieso schon ein Roboter Ihre privaten E-Mails, die ganze Zeit. Und wenn Sie Google Maps auf dem Smartphone verwenden, dann weiß Google mit hoher Wahrscheinlichkeit auch, wo Sie wohnen. Wenn Sie sich mal gruseln wollen, schauen Sie hier .

Aber all das ist Ihnen irgendwo tief drin längst klar, stimmt's? Warum also nicht einem etwas komplexeren Stück Software noch viel mehr über sich verraten, wenn einem das den Mehrwert eines eigenen Sekretariates bringen könnte?

Noch einmal zu Yahoo und der NSA. Der Fall zeigt nämlich noch etwas Entscheidendes: Vor Robotern braucht man sich vielleicht nicht zu fürchten, aber vor Menschen. Es muss sich nur jemand, sei es ein Werbetreibender, ein Geheimdienst oder sonst jemand mit der nötigen Macht, für all die Informationen interessieren, die wir unseren digitalen Assistenten anvertrauen werden.

Er wird Millionen ausnehmend gesprächige Chefsekretärinnen vorfinden, die alles, aber auch wirklich alles über ihre Chefs wissen - und keinerlei Skrupel haben, das auch zu ausplaudern.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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