Grabung bei San Francisco Was von der Hippie-Kommune übrig blieb

Schallplatten, Bierdosen, Stirnbänder: In San Francisco fahndet ein Archäologe in den Ruinen einer berühmten Hippie-Villa. Doch nicht alle verstehen die Aufregung um den Ort - wie lange muss etwas in der Erde liegen, bis es wissenschaftlichen Wert bekommt?

Das letzte Gitarrenriff ist verklungen, der letzte Joint geraucht und das letzte Sit-in gesessen. Doch was ist noch übrig von der Hippiebewegung der späten sechziger Jahre?

Breck Parkman hat auf diese Frage drei überraschend konkrete Antworten: "Hauptsächlich Schallplatten, Bierdosen und Schuhe."

Parkman ist einer der leitenden Archäologen des US-Bundesstaates Kalifornien. Derzeit gräbt er dort, wo 1967 im "Summer of Love" alles begann. Er erkundet nördlich von San Francisco, im Olompali State Historic Park, die Ruinen der Burdell-Villa.

Gerade mal 40 Jahre ist es her, dass das berühmt-berüchtigte 22-Zimmer-Anwesen mit Blick auf die Bucht von San Francisco als "Weißes Haus des Hippietums" bekannt war. Doch dann ging es in Flammen auf, brannte bis auf die Grundmauern nieder.

Mit seiner Ausgrabung bewegt Parkman sich am äußersten Rand der Archäologie, in einer Art wissenschaftlichem Niemandsland. Wo liegt der Unterschied zwischen Artefakten und Gegenwartsmüll? Ist die Olompali Ranch ein historisch bedeutsamer Ort, dessen Untersuchung mit archäologischen Methoden von wissenschaftlichem Wert ist - oder der "Schandfleck einer aus dem Ruder gelaufenen Jugend, den man endlich aufräumen sollte", wie einige Anwohner die Sache sehen? "Neulich forderte nach einem Zeitungsbericht über die Ausgrabung ein Leser, man solle mich feuern und die Staatsgelder gefälligst sinnvoller einsetzen, als durch den Müll von ein paar Hippies zu wühlen", sagt Parkman SPIEGEL ONLINE.

Den Archäologen kränkt solche Kritik. Zumindest Ende der sechziger Jahre hätte niemand an der historischen Signifikanz der Villa gezweifelt. Die Musiker von Grateful Dead gingen hier ein und aus. Janis Joplin kam oft her, auch "Jefferson Airplane"-Frontfrau Grace Slick und LSD-Guru Timothy Leary. Sie alle besuchten die "Chosen Family" aus bis zu 60 Leuten, die in der Villa ihr utopisches Experiment lebten.

Initiator war Don McCoy. Der damals 37-jährige Immobilienmakler hatte 1967 beschlossen, dem Establishment den Rücken zu kehren. Dazu hatte er das historische Anwesen von der University of California für 1000 Dollar im Monat gemietet. Zu dem 280 Hektar großen Grundstück gehörte ein Swimmingpool mit Olympia-Maßen und ein Stall voller Pferde. Die Mitglieder der "Chosen Family" bauten ihr eigenes Gemüse an, töpferten und buken Brot, das sie an die Armen von San Francisco verteilten.

Doch die Idylle währte nicht lange. Im Sommer 1968 fielen zwei kleine Mädchen beim Spielen mit Dreirädern in den Pool und ertranken. Kurze Zeit später entkam eines der Pferde und lief auf dem nahen Highway 101 vor einen Truck. Der Fahrer starb bei dem Unfall. Das Jahr 1969 begann mit zwei kurz aufeinanderfolgenden Razzien des Drogendezernats.

In der Nacht zum 2. Februar kam dann das endgültige Ende: Bei einem Brand wurde die Villa komplett zerstört. Wahrscheinlich war es irgendwo in den maroden elektrischen Leitungen des uralten Hauses zu einem Kurzschluss gekommen. Die Funken fanden schnell Nahrung.

Im Sommer versammelten sich die Hippies noch einmal in Woodstock, dann verlor die Bewegung an Schwung. Der Vietnam-Krieg kam zu seinem Ende, und Nixon scheiterte an Watergate. Schließlich ging sogar der Kalte Krieg vorbei und die Sowjetunion zerfiel.

Doch all die Jahre lagen im Olompali Park die Reste der "Chosen Family"-Kommune wie in einer Zeitkapsel bewahrt. "Wir dokumentieren hier eine historisch sehr wichtige Phase, in der große gesellschaftliche Umwälzungen stattfanden", sagt Parkman. "Und selbst wenn jetzt nicht alle von der Idee begeistert sind, Hippie-Artefakten wissenschaftlichen Wert beizumessen, dann ist es doch eine unschätzbare Vorausarbeit für die Archäologen der Zukunft."

In die Schatzkiste geht's nur mit Schutzanzug

Schon vor zwölf Jahren hatte der Forscher einen ersten Anlauf unternommen, sich der Burdell-Villa archäologisch zu nähern. Bei den Arbeiten wurde aber eine hohe Asbestbelastung festgestellt. Der Grabungsschutt wurde daraufhin in Spezialcontainern eingelagert. Erst Anfang dieses Jahres öffneten Spezialisten in Schutzanzügen dann die Behälter. Sie dekontaminierten die Fundstücke und übergaben sie dem Archäologen.

"Diese Container sind wie eine Schatzkiste - eine Momentaufnahme des Lebens in Olompali im Jahr 1969", sagt Parkman erfreut. Die Archäologen fanden eine Mischung aus hippietypischen Artefakten und sehr persönlichen Gegenständen, etwa ein gewebtes Stirnband und eine braune Lederjacke mit Regenbogen und Blumen. Symbolcharakter hat mit Sicherheit auch die geschmolzene Lavalampe, die Parkman in dem Schutt fand.

Und natürlich stießen die Forscher auf Tonbänder und Lautsprecher. Was wäre eine Hippie-Villa ohne Musik?

Allerdings passen die angekohlten Labels der Schallplatten nicht mehr ganz ins Bild. "Ich hatte erwartet, Alben der Grateful Dead zu finden oder von anderen bedeutenden Bands aus der Zeit", sagt Parkman. Stattdessen aber handelt es sich bei den mehr als 30 Platten aus der Asche um Musik aus den vierziger und fünfziger Jahren - hauptsächlich Rumba und Jazz.

Die Erklärung ist ganz einfach: Der geschmolzene Plattenstapel gehörte einst Sandra Barton, mit 47 eine der Ältesten in der Kommune. Aus ihrem Besitz stammen wahrscheinlich auch die unverhältnismäßig vielen Schuhe - vor allem Stiefel -, die Parkman in den Containern fand. Bartons Raum befand sich im oberen Stockwerk, das beim Kollaps des Hauses in den darunterliegenden Speisesaal stürzte. Das ließ die Flammen ersterben.

Sehr persönlich ist sicher auch der Inhalt eines Medizinschränkchens, der die Katastrophe und die Jahrzehnte unbeschadet überstand. Darin lagen zwei Zahnbürsten, Zahnpasta, Gesichtscreme und eine Schachtel Aspirin. "Die Logos auf den Tuben und Dosen sind typisch für die Zeit", sagt Parkman, "aber Hinweise auf Drogenkonsum haben wir zum Beispiel in diesem Schränkchen gar nicht gefunden".

Die Aspirin dienten wohl bestenfalls dazu, die Kopfschmerzen nach dem Biergenuss zu lindern. Denn dass die Bewohner der Burdell-Villa davon reichlich tranken, ist aus den Dutzenden von leeren Dosen abzulesen.

Und noch eine archäologische Aussage lässt sich anhand des Dosenhaufens treffen: Die bevorzugten Marken der Blumenkinder waren Budweiser, Coors, Olympia und Busch.

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