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Trinkgefäße der Ur-Briten: Schädel zu Schalen

Foto: Bello et al

Grausige Funde Ur-Briten schlürften aus Schädelkelchen

Die frühen Menschen entnahmen Gehirn und Haut, dann brachen sie die Kanten ab - fertig war der Schädel-Trinkkelch. Forscher haben in einer Höhle menschliche Überreste entdeckt, ihr Resümee: Ur-Briten pflegten vor knapp 15.000 Jahren schaurige Rituale.
Von Cinthia Briseño

Hamburg - Schädel als Schalen - das kannte man bisher eher von den Wikingern. Oder von den Langobarden, die bei einem Feldzug an einem Fluss Menschenopfer brachten: Alboin, einer der Langobarden-Könige, der 572 nach Christus ermordet wurde, hatte der Überlieferung nach den Vater seiner eigenen Gattin erschlagen - und aus dem Schädel ein Trinkgefäß herstellen lassen.

Von grausigen Ritualen dieser Art zeugen die Funde zahlreicher Gebeine. Nun vermeldet das Londoner Natural History Museum, dass offenbar auch auf englischem Boden einst dieser schaurige Brauch gepflegt wurde: Die alten Briten aus der Steinzeit nutzten Menschenschädel als Trinkkelche.

Im Südwesten Englands, in einer Schlucht in der Grafschaft Somerset, hatte ein Paläoanthropologen-Team um Silvia Bello rund 14.700 Jahre alte Überreste gefunden. Die Spuren auf den drei Schädeln zweier Erwachsener und eines etwa dreijährigen Kindes scheinen eindeutig zu sein. Im Wissenschaftsjournal "Public Library of Science"  (Plos) schreiben Bello und ihre Kollegen jetzt, dass die Steinzeit-Vorfahren wohl sehr sorgfältig mit ihren Trinkgefäßen umgegangen sein müssen.

Demnach sind die Steinzeit-Briten dabei so vorgegangen: Erst säuberten sie die Schädel gründlich, um dann anschließend die Schädeldecke zu Trinkgefäßen umzuarbeiten. "Angesichts der zur Verfügung stehenden Werkzeuge war dies eine ausgesprochen mühsame Arbeit", sagt die Museumsexpertin Bello.

Der Schaurigkeiten aber nicht genug, denn nach Auffassung des Forscherteams aßen die Steinzeit-Briten während der Prozedur auch Teile des Gehirns einfach mit. Allerdings sei das keine Art von Kannibalismus gewesen, so wie wir es uns vorstellen, sagt Bello. Früher seien die Menschen auf die Jagd gegangen, um anschließend ihre Beute zu töten und zu essen. Nur auf diese Weise konnten sie überleben. "Ich glaube, die Herstellung der Schädel-Kelche war ein Ritual", sagt Bello. "Wäre es darum gegangen, die Schädel aufzubrechen, um daraus die Gehirne zu essen, hätte es auch einen viel einfacheren Weg dafür gegeben." Dann wäre der Schädel vermutlich in viel mehr Fragmente geteilt worden.

Stattdessen versuchten die Ur-Briten, einen großen Teil des Schädels als ganzes Stück zu erhalten. Bello zufolge weisen die Schnittspuren und Dellen eindeutig darauf hin, dass die damaligen Menschen sehr gewissenhaft bei der Herstellung der Kelche vorgegangen waren. Dafür mussten erst die Weichteile des Kopfes beseitigt werden. Anschließend entfernten sie die Gesichtsknochen und die Schädelbasis. Stück für Stück brachen sie dann die Kanten ab, um eine gewölbte Schalenform zu erhalten.

Geschichtsträchtiger Fundort

Der Fundort der etwas gruseligen Trinkgefäße ist ein geschichtsträchtiger Ort: Die Höhle Goughs, in der Nähe des Dorfs Cheddar, wurde bereits 1903 entdeckt. Dort haben Archäologen bereits jede Menge Überreste entdeckt, wie etwa die des berühmten Cheddar Man. Es ist mit rund 10.000 Jahren Britanniens ältestes komplettes Skelett. Die meisten der Funde sind im Natural History Museum zu sehen.

Die drei Schädelkelche hatten die Forscher bereits 1987 ausgegraben. Bemerkenswerterweise stammen sie aus einer Periode, die zeitlich vor den meisten Funden aus der Höhle liegt. In jener Zeit, also vor etwa 14.700 Jahren gab es zwischen den vorherrschenden Eiszeiten eine kurze wärmere Periode. So konnten die damaligen Völker aus dem südlichen Europa auch in nördlichere Richtungen wandern, in Gebiete, die ansonsten unbewohnbar waren.

Diese Cro-Magnon-Menschen, also die ersten in Europa lebenden modernen Menschen waren Jäger und Sammler und lebten überwiegend nomadisch. Offenbar, das belegen auch die neuen Funde, aßen sie wohl hin und wieder Menschenfleisch, wenn es vonnöten war und sich eine Gelegenheit ergab. Feinde wurden beispielsweise nach ihrer Niederlage oft feierlich verspeist. In jedem Fall seien die Ur-Menschen seinerzeit im Umgang mit Leichen sehr geübt gewesen, schreiben Bello und ihre Kollegen. Vermutlich hätten die Menschen damals auch Knochenmark zum Verzehr aufbereitet. Darauf deuteten bereits frühere Funde aus der britischen Höhle hin.

Was aber tranken die Ur-Menschen nun aus den Schädelkelchen? Diese Frage können die Forscher nicht beantworten, das sei unmöglich, sagt auch Chris Stringer, einer der Co-Autoren der Studie. Eine Vermutung haben die Anthropologen dennoch: Möglicherweise war es einfach nur Wein - es könnte aber auch Blut oder Menschenfleisch für besondere Rituale in diese gefüllt worden sein.

Kelche aus Schädelknochen existierten auch in anderen Völkern. Anthropologen kennen solche Gefäße auch von tibetischen Kulturen sowie von den Fidji-Inseln oder aus Indien. Dennoch halten die Briten jetzt einen Rekord: Die Schädelkelche der Ur-Briten sind bisher die ältesten Trinkgefäße dieser Art.

Mit Material von AFP und dapd