Von der Leyens Green Deal Es geht doch, wenn man will – aber will man?

Die EU will 2050 klimaneutral sein. Oft wird das als dystopische Deindustrialisierung skizziert. Die Beratungsfirma McKinsey sagt: Kosten und Profite könnten sich ausgleichen. Allerdings bleiben wichtige Aspekte unberücksichtigt.
Der Weg zur Klimaneutralität wird sicher kein Spaziergang: Ökonomen rechnen die Kosten für die Energiewende für die nächsten Jahrzehnte bereits durch

Der Weg zur Klimaneutralität wird sicher kein Spaziergang: Ökonomen rechnen die Kosten für die Energiewende für die nächsten Jahrzehnte bereits durch

Foto: Westend61 / Koko Productions / Westend61 / Getty Images

Es ist der größte Umbau der Europäischen Union, den es je gab: Mit dem sogenannten Green Deal soll Europa komplett umgekrempelt werden. Vom Strom für Industrie und Haushalte bis hin zum Schulbus soll die gesamte Gesellschaft vollständig ohne CO2-Emissionen auskommen.

Bis 2050 wollen die Länder klimaneutral wirtschaften, also netto keine Treibhausgase mehr in die Atmosphäre ausstoßen. Seit fast genau einem Jahr diskutieren die 27 EU-Staaten diesen Vorschlag der EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Seit Anfang dieser Woche verhandeln die wichtigsten EU-Institutionen – EU-Parlament, EU-Rat und Kommission – über das Klimagesetz.

Einen richtigen Fahrplan bis 2050 gibt es jedoch noch nicht. Klar ist nur, dass die EU rund eine Billion Euro innerhalb eines Jahrzehnts investieren will. Von der Idee sind nicht alle begeistert: Immerhin würden bestimmte CO2-intensive Geschäftsmodelle ganz verschwinden, andere müssten sich umstellen. Zudem gibt es die Sorge, dass die Umstellung das Leben insgesamt teurer machen könnte.

Genau bei dieser Befürchtung gibt es jetzt Entwarnung von unerwarteter Seite: Die EU klimaneutral zu machen, sei nicht nur möglich, sondern würde den Bürger auch nicht mehr kosten, heißt es in einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey, die dem SPIEGEL vorab vorliegt. Zwar würden die Kosten und Einsparungen nicht in allen Ländern gleich hoch sein. Aber unter dem Strich würde ein durchschnittlicher Haushalt im Jahr 2050 im Vergleich zu heute genauso viel oder sogar weniger für Lebenshaltungskosten ausgeben.

Reiche müssen draufzahlen

Mittlere und niedrigere Einkommen könnten sogar Kosten einsparen und vom Green Deal profitieren, während Wohlhabende eher draufzahlen müssen, so der Bericht. Das liege daran, dass Vermögende mehr Flugreisen machen, erklärt Studienautor Hauke Engel im Gespräch mit dem SPIEGEL. »Die Betriebskosten für Flugzeuge werden durch den Einsatz von synthetischen Kraftstoffen steigen«. Ob diese Mehrkosten von der Politik abgefedert werden, hätte die Studie nicht eingerechnet. »Wir haben uns den Green Deal ausschließlich von der Kosten-Nutzen-Seite für die Gesamtwirtschaft angeschaut«, so Engel.

Dafür haben die Studienmacher ausgehend vom heutigen Stand der Technik die Kosten und Einsparungen von rund 600 Klimamaßnahmen für die nächsten 30 Jahre errechnet. Über diesen Zeitraum seien auch die sinkenden Kosten etwa von Wind- und Solaranlagen oder die Wasserstoffproduktion eingerechnet worden.

»Für die große Mehrheit der Kunden wird es einfach keinen Sinn mehr ergeben, einen Benziner oder Diesel zu kaufen, weil das Elektroauto beim Kauf und Betrieb viel billiger ist«, glaubt Engel. Durch günstiges Autofahren – etwa billigen Strom zu tanken statt teures Benzin – oder preiswerten Strom vom eigenen Solardach werde dann ein Haushalt in der Summe günstiger oder zumindest gleich teuer wie im Jahr 2020.

Auch der Arbeitsmarkt profitiere von dem Umbau: Zwar würden laut McKinsey sechs Millionen Jobs wegfallen, aber gleichzeitig elf Millionen hinzukommen. Menschen werden also ihre Arbeit verlieren, beispielsweise in der Kohlebranche, dafür entstehen aber an anderer Stelle neue Jobs, beispielsweise in Fabriken zur Batterieherstellung für Elektroautos.

Umbaukosten: 180 Milliarden Euro pro Jahr

Anders als die EU beziffern die Studienautoren die jährlichen Kosten für die Transformation auf jährlich eine Billion Euro, also das Zehnfache dessen, was die EU veranschlagt. Aber: Davon würden aber 800 Milliarden ohnehin privatwirtschaftlich investiert werden – heute noch in Kohle, Öl und Gas. Das Geld müsste künftig in grüne Infrastruktur umgelenkt werden. Rund 180 Milliarden pro Jahr fallen zusätzlich an, um die Union CO2-frei zu machen. Also immerhin noch 80 Milliarden Euro mehr, als die EU bislang geplant hat.

Doch bei allem Optimismus gibt es auch in der Wirtschaft Verlierer: Über 200 Milliarden Euro könnten bis 2050 als sogenannte Stranded Assets, also gestrandete Vermögenswerte, enden. Das sind laut Hauke Engel zum Beispiel alte Hochöfen, die im grünen Zeitalter nicht mehr gebraucht werden.

Die schnellste Umstellung kommt auf den Energiesektor zu: Laut den Studienautoren muss die Strom- und Wärmeerzeugung bereits in den 2040er-Jahren klimaneutral werden. Hier schlagen sie den Ausbau der Windenergie, vor allem in Nordeuropa, sowie den Ausbau von Solarkraft in Südeuropa vor. Politische Konflikte wie beim Ausbau von Windanlagen an Land hat die Studie allerdings ausgeklammert – hier gilt das Best-Case-Szenario.

Weiter Autofahren und Fleisch essen – trotz Klimakrise

Bemerkenswert ist die Annahme der Studie, dass sich in Bezug auf die Lebensgewohnheiten für den europäischen Bürger eigentlich nichts verändert: Er kann auf dem gleichen Niveau konsumieren, Auto fahren, heizen und speisen wie heute. »Natürlich könnten wir noch kosteneffizienter werden, wenn wir weniger Fleisch essen«, räumt Hauke Engel ein.

Die Studie hat allerdings nur für die Union gerechnet: Importe aus anderen Teilen der Welt wie argentinische Steaks, Tierfutter oder in Asien hergestellte Textilien und ihr jeweiliger CO2-Ausstoß vor Ort bleiben in den Berechnungen unberücksichtigt. Ganz abgesehen von den ökologischen Folgen beim Abbau von Edelmetallen oder der Rodung von Wald für Palmölplantagen.

Ist der Blick in die klimaneutrale Zukunft von McKinsey vielleicht zu schön, um wahr zu sein? Vielleicht. Allerdings entkräftet er das Argument, dass der Green Deal die europäische Wirtschaft in den Ruin treibt oder deindustrialisiert, deutlich. Solche Machbarkeitsstudien sind nicht zuletzt deshalb wichtig, da sich eine Mehrheit der Deutschen immer noch nicht vorstellen kann, dass Europa wirklich bis 2050 klimaneutral wird.

»McKinsey zeigt, dass es billiger ist, die Welt zu retten, als sie vor die Hunde gehen zu lassen«, lobt Patrick Graichen, Direktor vom Thinktank Agora Energiewende . Die Studie bestätige, dass Klimaneutralität bis 2050 technisch möglich und wirtschaftlich attraktiv sei. Graichen ist sogar noch optimistischer: Die Transformation der Industrie könne auf der Basis neuer Schlüsseltechnologien bereits vor 2030 eingeleitet werden.

Fehlt also »nur« noch der politische Wille der 27 EU-Staaten. Die nächsten Wochen dürften entscheiden, ob der Green Deal eine Mehrheit in der Union findet.