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16. August 2019, 19:13 Uhr

Segeltörn von Klimaaktivistin

Thunbergs Segel-Crew wehrt sich gegen Anfeindungen

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Greta Thunberg segelt in die USA - und produziert damit mehr CO2, als wenn sie geflogen wäre: Mit dieser Meldung erlebte die Klimaaktivistin ihren ersten Image-Gau. Begleiter und Unterstützer schildern nun ihre Sicht der Dinge.

Das Segelteam, das Greta Thunberg in die USA bringen soll, wehrt sich gegen Kritik an Transatlantikflügen seiner Crewmitglieder. "Wir haben die Reise nach New York sehr kurzfristig zu unserem Plan hinzugefügt, und als Folge müssen zwei Leute in die USA fliegen, um das Boot zurückzubringen", erklärte Teammanagerin Holly Cova gegenüber dem SPIEGEL. Insgesamt sind nach Teamangaben vier Flüge erforderlich - und nicht sechs, wie viele Medien berichtet hätten. Vier Flüge wären ebenfalls angefallen, wenn die schwedische Klimaaktivistin Thunberg und ihr Vater von Europa zum Sonderklimagipfel in New York und zurück geflogen wären, anstatt mit der Rennjacht "Malizia II" zu segeln.

Laut Cova hat das "Malizia"-Team um den deutschen Skipper Boris Herrmann im Alleingang die Entscheidung über die Crewflüge getroffen. Ihr zufolge gleicht das Team seit 2018 seinen gesamten CO2-Ausstoß inklusive aller Flüge durch Kompensationszahlungen aus. Dabei spenden CO2-Verursacher Geld an Organisationen, die damit klimafreundliche Projekte finanzieren und so an anderer Stelle Emissionen einsparen.

Es gibt wohl keine perfekte Lösung

"Wir erkennen an, dass dies keine perfekte Lösung ist. Aber Ausgleichen ist besser als nichts zu tun", sagte Cova. Und: "Die Menschheit hat noch keinen Weg gefunden, um einen Ozean zu überqueren, ohne einen CO2-Fußabdruck zu hinterlassen." Umso mehr hoffe sie nun, dass "diese Reise dazu beiträgt, Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema zu lenken."

Der Fall ist ein PR-Gau - für das Team und für die Klimaaktivistin. Thunberg wollte möglichst emissionsfrei über den Atlantik reisen und hatte sich deswegen fürs Segeln entschieden. Am Donnerstag aber hatte die Berliner "tageszeitung" berichtet, dass für die Rückführung des Bootes nach Europa sechs Langstreckenflüge von Crewmitgliedern nötig seien - und so durch den Transatlantik-Törn mehr klimaschädliches CO2 entstehe, als wenn Thunberg mit ihrem Vater direkt in die USA geflogen wäre. Tatsächlich fallen nun vier Crewflüge an; der CO2-Ausstoß dürfte damit bei beiden Varianten ähnlich hoch sein. Aber von einer Null-Emissionsreise kann nicht mehr die Rede sein. Und: wie Greta CO2-arm nach Schweden zurück kommen soll, ist noch völlig unklar.

Im Internet verspotten Thunbergs Kritiker die Segeltour und prangern die 16-jährige, die sich gegen den Klimawandel einsetzt, wegen ihrer angeblich verheerenden CO2-Bilanz an.

Ein Schaden für Fridays for Future?

"Mit dieser Sache konterkariert Greta Thunberg zweifellos ihre eigene Botschaft - und fügt ihrem politischen Anliegen einen Schaden zu", sagte der Hamburger Protestforscher Wolfgang Kraushaar dem SPIEGEL. "Aber das leitet jetzt auch nicht den Niedergang von Greta Thunberg und 'Fridays for Future' ein." Dafür sei der Fall zu unbedeutend und die Jugendbewegung schon zu fest in der Gesellschaft verankert.

Führende deutsche "Fridays For Future"-Aktivisten gaben sich gelassen: "Greta hat in guter Absicht eine Entscheidung getroffen, die sie anscheinend nicht ganz durchdacht hat", sagte der 19-jährige Abiturient Jakob Blasel aus Kiel. "Ich finde es lächerlich, dass sich die halbe deutsche Medienlandschaft jetzt an Gretas Reiseverhalten aufhängt - anstatt über den anstehenden Weltklimagipfel zu berichten, wo die wichtigen Entscheidungen für unsere Zukunft getroffen werden."

"Wäre Greta geflogen, hätten bestimmte Leute sie auch angeprangert", sagte die Aktivistin Carla Reemtsma. "Aus meiner persönlichen Sicht zeigt ihr Fall, dass es in diesem System unmöglich ist, klimaneutral zu leben. Und er zeigt eine völlig verrückte Fixierung einiger Menschen auf Greta anstatt auf ihr Anliegen: die Bewahrung unseres Planeten vor der Klimakatastrophe."

Thunberg selbst hat sich noch nicht zu den Crewflügen geäußert. Am späten Freitagnachmittag, etwa 700 Kilometer westlich der französischen Atlantikküste entfernt, fuhr die "Malizia II" erstmals auf diesem Törn durch Gewässer mit stärkerem Seegang. Skipper Boris Herrmann twitterte: "Jeder fühlt sich ein bisschen seekrank, aber nichts allzu Schlimmes oder Unerwartetes."

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