Grippe-Pandemie Wie sich Deutschland für die Seuche rüstet

Die Schweinegrippe weckt die Angst vor einer Pandemie. Deutschland hat einen Krisenplan, doch totalen Schutz kann er nicht bieten: SPIEGEL ONLINE erklärt, welche Folgen eine Pandemie für Deutschland hätte, wie lange die Entwicklung eines Impfstoffs braucht - und wer als erstes geimpft würde.


Immer wieder ist in den vergangenen Jahren die Angst vor einer Pandemie mit Tausenden oder gar Millionen Toten aufgeflammt - wegen der Vogelgrippe, die vor allem in Asien wütete. Dabei trifft diese Plage bevorzugt Tiere. Im Gegensatz zur jetzt neu aufgetretenen Schweinegrippe. Der Erreger A/H1N1 befällt Menschen offenbar leichter. Kann er eine Weltseuche auslösen?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht das Risiko einer Pandemie, wenn ein Virus nicht nur von Tier zu Mensch so schnell übertragen wird wie bei einer normalen Grippe, sondern auch von Mensch zu Mensch. Und dieses Potential hat der Schweinegrippe-Erreger offenbar - angesichts von mehr als tausend Infizierten und mehr als hundert Toten in Mexiko.

"Wir haben es mit einem neuen Virus zu tun, und es verbreitet sich von Mensch zu Mensch", sagte WHO-Sprecher Thomas Abraham. Jörg Hacker, Präsident des Robert-Koch-Instituts, schließt nicht aus, dass der Schweinegrippe-Erreger bis nach Deutschland kommt. A/H1N1 scheine über alle Eigenschaften für eine weltweite Verbreitung zu verfügen, sagte er der "Neuen Presse".

Wie gefährlich das Virus tatsächlich ist, kann derzeit niemand sagen. Denn es ist unklar, wie schnell die Übertragung von Mensch zu Mensch stattfindet und wie groß die Infektionsgefahr ist.

Die WHO hat in der Nacht auf Dienstag die Pandemie-Risikostufe von 3 auf 4 erhöht. Diese Entscheidung der Organisation besagt, dass das neue tierische Grippevirus nicht mehr nur in Einzelfällen von Mensch zu Mensch übertragen wird - sondern es anhaltende Mensch-zu-Mensch-Übertragungen und lokale Ausbrüche gibt. Von einer Pandemie würde man allerdings erst bei den folgenden Stufen 5 und 6 sprechen: bei einer anhaltenden Übertragung und Ausbreitung auf andere Länder, bis die Seuche schließlich große Teile der Welt erfasst.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

Für diesen Fall der Fälle hat die WHO einen globalen Notfallplan entwickelt und die Staaten angehalten, nationale Krisenkonzepte zu erstellen. Deutschlands Nationaler Pandemieplan (Stand Mai 2007) enthält unter anderem Vorschläge zu

  • Impfungen,
  • Arzneimitteln,
  • der Koordination medizinischer Versorgung und
  • dem Notfallmanagement.

Die Krankheitsverbreitung wird darin - analog zur Einordnung der Weltgesundheitsorganisation WHO - in sechs Phasen unterteilt:

  • Phasen 1 und 2: vor einem Ausbruch bei Menschen (interpandemische Periode). Experten sollen zum Beispiel die Wirksamkeit von Medikamenten untersuchen und Kapazitäten zur Impfstoff-Produktion sicherstellen. Eine nationale Informationsstrategie wird skizziert.
  • Phase 3 gilt derzeit in Deutschland: Erkrankungen und Gegenmaßnahmen in anderen Ländern werden beobachtet, Kontakte zu Flughafenärzten und innerhalb der EU aktiviert.
  • Phase 4: pandemische Warnperiode. Interner Krisenstab im Gesundheitsministerium wird einberufen; er ist in nationale und internationale Strukturen eingebunden, soll laut dem Pandemieplan Informationen bündeln und Strategien gegen die Seuche entwickeln.
  • Phase 5: Eine lokalisierte Mensch-zu-Mensch-Übertragung wurde festgestellt - jetzt kann eine Kontrolle des Reiseverkehrs angeordnet werden.
  • Phase 6: Das Virus wird "zunehmend und fortdauernd in der Allgemeinbevölkerung" übertragen. Jetzt werden Impfstoffe und Medikamente verteilt.

Das Gesundheitsministerium sieht derzeit keine unmittelbare Gefahr für Deutschland durch die Schweinegrippe. Die Behörden kommunizierten aber "sehr eng" miteinander, sagte Sprecher Klaus Vater.

Ein Impfstoff braucht mindestens drei Monate Zeit

Sollte es zur Pandemie kommen, wird die WHO einen Impfstoff entwickeln lassen; generell ist das schon möglich, weil das Virus erfasst ist. Allerdings mutieren Influenza-Viren schnell, und die Großproduktion dauert mehrere Monate. "Für Impfstoffe, die in bebrüteten Hühnereiern hergestellt werden, beträgt die Vorlaufzeit bis zum Beginn der Produktion selbst unter optimalen Voraussetzungen derzeit mindestens drei Monate", teilt das Robert-Koch-Institut mit. Die WHO geht von vier bis sechs Monaten aus, bis ein Serum erstellt wäre; für große Mengen bräuchte es dann noch weitere Monate. Also "müssen alternative Schutzmaßnahmen in Betracht gezogen werden", rät das Robert-Koch-Institut:

  • Mundschutz,
  • Quarantäne infizierter Personen,
  • Medikamente, die allgemein gegen Influenza-Viren wirken - zum Beispiel Amantadin, Remantadin, Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza).

Der Nationale Pandemieplan gibt die Richtlinien vor, im Fall der Fälle ist die Umsetzung allerdings Sache der Bundesländer. Diese waren auch dazu aufgerufen, eigene Notfallpläne zu entwickeln. Ob sie allerdings alle gleich gut vorbereitet sind, ist fraglich. So sind die Länder laut Nationalem Pandemieplan verpflichtet, für mindestens 20 Prozent ihrer Bevölkerung Vorräte an Anti-Viren-Mitteln anzulegen. Das Bundesgesundheitsministerium geht laut Sprecher Vater davon aus, dass dies in den vergangenen Jahren geschehen ist. Für Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise teilte das Rostocker Landesgesundheitsamt jedoch mit, dass es nur für 11 Prozent der Bevölkerung Tamiflu eingelagert habe. Auch aus Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein sind ähnlich niedrige Quoten bekannt.

Eine der gesellschaftlich heikelsten Fragen im Kampf gegen eine Pandemie ist, welche Personen zuerst geimpft werden sollen - denn der Stoff wird anfangs nur für einen Teil der Bevölkerung reichen. Der Nationale Pandemieplan ist da eindeutig:

  • Es werden jene Menschen bevorzugt geimpft, die "zur Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung und der öffentlichen Sicherheit und Ordnung" erforderlich sind. Im Klartext: zum Beispiel Ärzte, Pfleger und Apotheker, Kräfte von Polizei und Feuerwehr - höchstwahrscheinlich auch Spitzenvertreter von Staat und Sicherheitsbehörden.
  • Die breite Bevölkerung wird "grundsätzlich nach Altersjahrgängen geimpft. Die Reihenfolge der Jahrgänge wird so gewählt, dass eine möglichst geringe Krankheitslast und Sterblichkeit zu erwarten ist"; dafür wird der aktuelle Daten- und Forschungsstand ausgewertet. Welche Altersgruppen dies voraussichtlich wären, klärt der Pandemieplan nicht.

Besondere Bedeutung kommt dem Konzept zufolge Kindern und Einrichtungen für Kinder zu. Sie hätten "eine bedeutsame Rolle bei der Weiterverbreitung von Infektionskrankheiten".

Totalen Schutz kann und wird es also nicht geben. Man müsse davon ausgehen, dass "die erste pandemische Welle bereits ihren Höhepunkt erreicht bzw. überschritten hat", bevor ein ausreichender Impfschutz aufgebaut sei, steht im Pandemieplan.

Zehntausende Tote in Deutschland möglich

Im Klartext: Im Falle einer globalen Pandemie wird es Tote geben, auch in Deutschland. Wie viele, hängt vor allem von der Infektiosität und Aggressivität des Virus ab.

Die Experten folgern aus den Pandemien von 1957/58 und 1968/69, dass eine 30-prozentige Erkrankungsrate das wahrscheinlichste Szenario ist. Auf Deutschland übertragen würde das nach einer Modellrechnung bedeuten: Binnen acht Wochen würden 103.000 Menschen durch die Influenza sterben, 370.000 würden in Krankenhäuser eingewiesen, dazu kämen rund 13 Millionen zusätzliche Arztbesuche.

Allerdings sind in diesem Szenario mögliche lindernde Effekte zum Beispiel durch Arzneimittel und Impfungen nicht berücksichtigt. Die wahren Opferzahlen lägen also wahrscheinlich niedriger.

Mit Computerprogrammen wie Influsim und FluAid versuchen Experten inzwischen, die Verbreitung einer Seuche genauer zu prognostizieren. Krankheiten breiten sich vornehmlich durch Flugverkehr weltweit aus. An deutschen Flughäfen sollen dem Gesundheitsministerium zufolge nun an Mexiko- und USA-Reisende Informationsblätter verteilt werden; die Bundesregierung rät inzwischen von nicht dringlichen Reisen nach Mexiko ab - bei einer Pandemie bräuchte es allerdings weitere Maßnahmen.

Forscher haben sogar schon gefordert, notfalls große Drehkreuze des Luftverkehrsnetzes komplett stillzulegen. Das Robert-Koch-Institut verweist dagegen darauf, dass der Pandemieplan der WHO bei Influenza-Verdacht keine allgemeinen Einreisekontrollen und -beschränkungen vorsieht - und empfiehlt stattdessen Screenings von Passagieren und die Verteilung von Flugblättern. Im deutschen Nationalen Pandemieplan wird "die Durchführung von Maßnahmen an Bord internationaler Flüge als sinnvoll angesehen". So sollen sich Passagiere mit Verdacht auf Influenza selbst melden und von anderen Passagieren getrennt werden. Außerdem werden die Behörden des Reiselandes informiert.

Mit Material von dpa und AFP

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